Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Oh ja, wir lieben das schon sehr. Perspektivwechsel sind in der Literatur oftmals das Salz in der Suppe, wenn es darum geht, ein Szenario von mehreren Seiten einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Hier sind unerwartete Wendungen verborgen, hier klärt sich so manches Geheimnis auf und genau mit diesem Stilmittel wird mit den großen Klischees innerhalb einer Geschichte aufgeräumt. Und wenn es einen Roman gibt, der sich diesem Vexierspiel der Sichtweisen zu einhundert Prozent verschrieben hat, dann ist es „Wir sind das Licht“ der niederländischen Autorin Gerda Blees. Wer jetzt denken sollte: „Hatten wir doch schon…“, „Muss man doch nicht so hervorheben“, oder „Nicht schon wieder vier Protagonisten und ihre Doppelsicht auf ein altbekanntes Setting“, sollte unbedingt weiterlesen. Denn genau das ist dieser Roman nicht. Gerda Blees bricht mit allen Konventionen, wirft viele Erzähltraditionen über den Haufen und besticht literarisch, indem sie sich dem Sprachlosen, Immobilen und nicht Lebendigen des Settings annähert und ihnen Stimme, Ausdruck, Charakter und Leben verleiht.

Neugierig geworden? Fein. Das war das Ziel. Also, worum geht es augenscheinlich in diesem schon auf den ersten Blick ungewöhnlichen Plot? Versetzen wir uns mal in eine ganz normale Wohnung. Die Heimat der Wohngruppe „Klang & Liebe“ in der sich vier Menschen auf ein besonderes Miteinander eingelassen haben. Wir würden es vielleicht als alternativ bezeichnen. Mag man sehen, wie man will, jedenfalls muss etwas passiert sein, denn bei Licht besehen stimmt hier gerade gar nichts mehr. Eine Bewohnerin lebt nicht mehr. Oder besser gesagt: Sie ist in der letzten Nacht verstorben. Oder, um es im Klartext auf den Punkt zu bringen, sie ist verhungert. Der Rest der Wohngemeinschaft erlebt den Morgen nach dem Tod von Elisabeth aufgewühlt und voller Zweifel. Es sind noch drei weitere Personen in der Wohnung. Ein Mann und zwei Frauen. Melodie van Hellingen, die Schwester der Toten und das Pärchen Muriel und Petrus. Wie kann ein Mensch, der nicht alleine lebt, verhungern? Das mögen wir uns fragen. Aber glaubt mir, das ist nur eine von tausend Fragen, die uns bereits im ersten Kapitel dieses Romans in den Sinn kommen. Denn auch die anderen Mitbewohner sind ausgehungert und fast am Ende ihrer Kräfte…

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Ihr denkt nun, dass ihr durch die Perspektiven der Überlebenden in diese Geschichte hineingesaugt werdet. Ihr denkt, ihr würdet nun durch wechselnde Sichtweisen auf die Ursachen der Ausgangssituation stoßen. Ihr denkt, nun würden die Menschen zu Wort kommen und vom Hunger, vom Sterben, von der gemeinsamen Philosophie und jener Wohngemeinschaft erzählen, die uns so fremd erscheint? Falsch! Ganz falsch. Es sind die wohl außergewöhnlichsten Perspektiven, die Gerda Blees hier ins literarische Feld führt, um uns die Augen zu öffnen. Um unser atemloses Staunen in einem Zustand der Dauererregung zu versetzen und uns als Augen- und Ohrenzeugen zu fesseln. Es sind Perspektiven, die in dieser Form noch niemals zuvor ihre Stimme erhoben haben. Hier sind einige von ihnen, die sich zu Beginn der jeweiligen Kapitel höflich vorstellen:

Wir sind die Nacht,
Wir sind der Tatort,
Wir sind die Nachbarn,
Wir sind ein Orangenduft,
Wir sind ein Cello,
Wir sind die Fakten,
Wir sind die Zweifel,
Wir sind Elisabeths Körper
und natürlich und ganz zuletzt

Wir sind das Licht..

Es wird emotional, unheimlich, weltbewegend und kurios, wenn wir uns auf diese Perspektiven einlassen. Wann hat uns jemals ein Tatort erzählt, wie er sich fühlt, was ihn selbst zum Tatort werden lässt und wie verletzt er sich in all diesem Durcheinander fühlt. Vom Tatort erfahren wir viel, werden Zeugen der ersten Dialoge der Ermittler und bekommen ein Gefühl für einen Raum. Das ist literarisch mehr als brillant…

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind der Tatort:

„Sie passen nicht hierher, diese Menschen. Sie sind zu groß, zu breit, zu laut. Unsere Treppenstufen sind so stampfende, schwere Körper gar nicht mehr gewöhnt. Weder das Gewicht noch das Geräusch. Sie könnten ruhig etwas vorsichtiger mit uns umgehen, wenn man bedenkt, dass wir der Ort sind,
an dem die Antwort liegt.“

Es sind die beiden Elemente, die uns zu Süchtigen machen. Es ist die Geschichte, die sich immer weiter erklärt, und es sind die Sichtweisen, die uns faszinieren und die uns nachhaltig beschäftigen. Jeder Perspektive können wir Details abgewinnen, jeder Sichtweise, jedem Gegenstand, jedem Gefühl, jedem Begriff fühlen wir uns nach dem letzten Wort verbunden. Dabei gelingt es Gerda Blees, die Personen nicht zu Figuren zu degradieren, die kaum eine eigene Rolle spielen. Ganz im Gegenteil. „Wir sind das Licht“ lebt von der morbiden Vitalität der Protagonisten. Der Roman erzählt sich selbst. Im wahrsten Wortsinn. Spätestens, wenn sich die Erzählung selbst an uns richtet, ist es die Gänsehaut des Angesprochenen, der hier verweilt und sich hinterfragt.

Wir sind die Erzählung

„Und das wird uns als Erzählung nicht gerecht, vor allem nicht in Kombination mit Ihnen, dem Leser, denn beabsichtigt oder unbeabsichtigt haben Sie genauso viel Schuld an allen Unklarheiten wie die Autorin. Wie oft haben sie beim Lesen an etwas anderes gedacht? Und wie oft haben sie etwas in uns gelesen, was da gar nicht stand?

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Jede einzelne Perspektive weiß zu überzeugen. Jede trägt erheblich zur Klärung des Falles bei. Jede dieser auskunftsfreudigen Sichtweisen hilft uns dabei, unseren Weg zu finden und aufmerksamer zu werden. Wir lernen die Akteure kennen. Überlebende und eine Tote. Polizisten, Nachbarn, Angehörige. Und wir lernen jene Rahmenbedingungen kennen, die ins fatale Verderben führen. Dies ist eine Geschichte von Leichtgläubigkeit und Verführung. Von der Suche nach dem Sinn im Leben und den Profiteuren alternativ zu lebender Leben. Ernährung durch Licht? Eine Sekte? Glaube an Selbstreinigung im Verlust der eigenen Körperlichkeit? Schwurbelei? All dies findet sich in diesem Roman. Bewegend und erschütternd. Essstörungen prallen auf Nahrungsverweigerung. Harter Stoff in hartem Gewand. Nichts wird beschönigt. Ein Debütroman von einer Wucht, die laut nach Aufmerksamkeit schreit. In jeder Form…

Ich habe den Roman gelesen und bin regelmäßig in die brillante Hörbuchfassung abgetaucht. Hier sind es vier Stimmen in dieser ungekürzten Lesung, die Perspektiven hörbar machen. Es ist kein Stimmgewitter, keine Überlagerung, es ist das konsequente Aufzeigen der einzelnen Sichtweisen, die dann konzentriert ihren Vortrag an uns Hörer richten. Eindringlich. Bemerkenswert und voller Tiefgang. Es waren extrem emotionale Momente, die mich im Hörbuch direkt berührten. Es ist die Autopsie der Toten, die für mich zu den literarischen Highlights des Romans gehört. Diese Sequenz zu hören, ist ein so aktiver Moment der Auseinandersetzung mit diesem Text, dass man sich kaum entziehen kann. Die Begegnung einer Leiche mit dem Pathologen bleibt tief in meiner Erinnerung. Ich las selten etwas Bewegenderes, noch hörte ich es zuvor…

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind Elisabeths Körper

„Hätte Elisabeth während ihres Lebens nur halb so viel Bewunderung für uns, ihren eigenen Körper, gehabt, wie Theo gerade, dann würden wir hier nicht liegen… Wenn Elisabeth am Leben geblieben wäre, hätten wir nie erfahren,
wie es ist, von einer liebevollen Hand in unserem Inneren berührt zu werden.“

Wie immer man sich diesem Text auch nähert, er bleibt unvergessen. Lesend ist es möglich, sein eigenes Tempo zu finden, Pausen zu machen und alles auf sich wirken zu lassen. Hörend gerät man in einen Sog, den man lesend kaum selbst erzeugen kann. In jeder Beziehung gelingt es beiden Medien für sich (oder eben auch in der Kombination miteinander) zu überzeugen. Gerda Blees hat einen aufregenden Roman geschrieben, in dem wir Leser das Licht sind und die Perspektiven zusammenführen. Im Hörbuch ist es ein Ensemble brillanter Stimmen, das uns einflüstert, wie wir der Wohngemeinschaft begegnen können. Benno Führmann, Jannik Schümann, Sandrine Mittelstedt und Claudia Michelsen erweitern das Erlebnis Licht um die Dimension Klang. Wer das Buch nicht gelesen und / oder das Hörbuch nicht gehört hat, verpasst ein großes Stück Literatur des Jahres 2022…

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Ein kleines PS. Hörbücher stehen bald im Mittelpunkt unserer GlockenbachWelle. Augen und Ohren auf! Ein Special nicht nur für Hörbuchliebhaber… 

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Niemals trennen. So lautet mein Mantra, das ich ständig vor Augen habe, wenn ich mich mit Geschichten auseinandersetze, in denen Eltern ihre Kinder in die Obhut von fremden Menschen oder Institutionen übergeben, um sie zu retten. Allein im Zweiten Weltkrieg vertrauten zahllose ideologisch verfolgte Eltern ihre Kinder Menschen und Organisationen an, die für die Sicherheit der Schutzbefohlenen bürgten. Für Eltern in Sorge der wohl letzte Ausweg und die letzte Chance, zumindest ihre Kinder zu retten. Und nach dem Krieg? Fanden sie sich wieder? In den seltensten Fällen. Dramatische Berichte von Überlebenden legen erschreckende Zeugnisse darüber ab, was eben mit genau diesen Kindern geschah. Sie waren immer zur falschen Zeit an falschen Orten. Sie wurden verraten, verkauft, zurückgelassen, deportiert, getötet oder verschwanden in den Archiven von Institutionen, die sich weigerten, sie wieder herauszugeben. Wenn ich in meiner Auseinandersetzung mit Kinderschicksalen bis in die heutige Zeit hinein etwas gelernt habe, dann, dass man sich nicht von seinen Kindern trennen sollte. Auf keinen Fall. Niemals. Never. Auch Ljuba Arnautovic kann ein Lied davon singen. Das Lied ihrer eigenen Familie, das sie in ihrem Roman „Junischnee“ erzählt.

Es ist das Klagelied der Nachfahren auf eine verlorene Generation. Es ist eine der Geschichten, die von Entwurzelung, Trennung, Identitäts- und Heimatverlust und jener Leere erzählen, die diese Kinder hinterlassen, nachdem sie von ihren eigenen Eltern in bester Absicht in eine trügerische Sicherheit „verschickt“ wurden. Es ist eine dieser so typischen und fatalen Geschichten von „Cut Out Children„, die an uns appellieren, es anders zu machen, wenn wir vor die Wahl gestellt werden. Es sind Kinder, die aus den Familienalben herausgeschnitten wurden und deren Bilder bis heute fehlen. Selbst im positivsten Fall einer erfolgreichen Suche und Wiedervereinigung mit den Eltern haben diese „Cut Out Children“ nichts mehr mit den Kindern gemein, die man weggegeben hatte. Sie sind traumatisiert, sprechen kaum noch die eigene Muttersprache und sind als lose Fäden einer komplexen Familiengeschichte kaum noch mit dem Stammbaum zu verbinden, der ihre Wurzeln bedeutet. „Junischnee“ ist eine solche Geschichte.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

„Junischnee“ ist die, im Roman auf literarische Distanz gebrachte, fiktionalisierte Geschichte der Familie von Ljuba Arnautovic. Es ist die Geschichte ihrer Eltern und deren Vorfahren und sie beginnt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Länder Europas weit voneinander entfernt sind. Nichts ist global, nichts ist mal eben so mit einem Katzensprung zu erreichen und das einfache Leben in der Sowjetunion ist Welten entfernt vom pulsierenden Wien. Es sind zwei Familien, die dieser Geschichte ihre prägenden Stempel aufdrücken. Und nicht nur das. Es sind die Eruptionen der Weltgeschichte, die sich auf die Landkarten dieser Familien auswirken. Sie werden zusammengefaltet, verlieren ihre realen Distanzen, lassen Orte in beiden Ländern kurz miteinander verschmelzen und erweisen sich später als zerknitterte und kaum noch rekonstruierbare Zeugen einer Trennung, die niemals wieder ausgebügelt werden konnte. Und dabei haben es die Eltern von Karl und Slavko Arnautovic mehr als gut gemeint…

Eva Arnautovic schickt ihre Söhne in die Sowjetunion. Sie, die wacker kämpfende politisch denkende Frau aus den Reihen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sieht, wie sich das politische Blatt im Österreich der dreißiger Jahre wendet. Sie wird verfolgt, inhaftiert und ihre Familie gerät in den Fokus der rechtsgerichteten Regierung. Hier ist die paramilitärische Gruppierung innerhalb der Sozialdemokraten, der „Demokratische Schutzbund“ der letzte Ausweg, um die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Noch dazu, wo sich im benachbarten Deutschland die Nationalsozialisten auf den Thron der ehemaligen Demokratie schwingen. Die Halbbrüder werden über die Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale evakuiert und zuerst in die Sommerfrische auf die Krim und anschließend nach Moskau gebracht. Es sind für viele Jahre die letzten Spuren ihrer beiden Söhne, die Eva Arnautovic im Mai 1934 erkennt, als sie sich von ihnen trennt.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Wie sehr sich doch das Leben von Jjodor und Anastasia in der Sowjetunion von dem Leben einer Mutter im hart umkämpften Wien unterscheidet. Sie freuen sich auf die Geburt der Tochter, bereiten alles für das Kind vor und folgen der alten Tradition, eine Birke zu pflanzen. Doch man verwechselt die Samen und statt der Birke wird eine Pappel gepflanzt, die im Juni die Kinder mit ihrem Samenflug begeistern wird. Es ist der „Junischnee„, der Ninas Leben fortan begleiten wird. Vielleicht ist es die Verwechslung, die alles verändert. Vielleicht ist es aber auch das Rad der Zeit, die Weltgeschichte, die jetzt ausufert und ihrerseits beginnt, die Weltkarte zu zerknittern und neu zu falten. Es ist die sich ständig verändernde politische Situation in allen Ländern, die sich auf jene Menschen auswirkt, die sich sonst nie begegnet wären. Es ist die junge Nina, die dem österreichischen Flüchtling Karl begegnet. Es sind zwei Stammbäume, die sich hier in den Wirren der Geschichte vereinen und es ist die tiefe Tragik dieser Begegnung, die aus der Tochter dieser beiden Getriebenen die Frau werden ließ, die uns heute diese Geschichte erzählt: Ljuba Arnautovic.

Wir sollten ihr in das Leben ihrer Eltern folgen, um zu verstehen, was Kriege und Diktaturen aus Menschen machen. Wenn wir ihr folgen, müssen wir uns wappnen, in den Lebenswegen dieser beiden Menschen dramatische Verluste zu erleben. Es sind verstörende Bilder, die kaum erklärbar wären, wenn wir nicht wüssten, was die Politik mit Menschen macht. Es sind Bilder aus dem „Gulag, dem Netz aus Straflagern, das die ganze Sowjetunion durchzog und in dem sich politische Gegner zu Tode arbeiten und hungern sollten. Genau hier landen die beiden Halbbrüder Karl und Slavko. Hier werden sie gefoltert und als Feinde betrachtet. Spätestens seit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion gelten sie als DEUTSCHE und damit als Feinde. Nur einer von ihnen wird überleben. Nur einer von ihnen wird in einem der Lager eine Frau kennenlernen, die sein neues Leben bedeuten wird. Hier entsteht der Hauch einer Vision von einem Leben in seiner Heimat. Nina folgt ihm Jahre nach dem Krieg in seine Heimat. Es ist eine weitere Entwurzelung, die sich durch die Geschichte dieser Menschen ziehen wird.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Ljuba Arnautovic erzählt ihre Familiengeschichte in einer erschreckend plastischen Dichte. Ihre Bilder sind atmosphärisch und empathisch zugleich. Sie zeigt auf, wo sich das Schicksal in eine nicht beabsichtigte Richtung wendet und wie unkalkulierbar und unbeherrschbar die politischen Entwicklungen auf einem Kontinent sein können. In der Folge erleben wir, was die Traumatisierungen aus dem Gulag aus dem „verschickten“ Karl gemacht haben. Die Autorin macht uns zu Zeugen der Suche nach einem Bruder, der nicht zurückkehrte. Es sind die erschreckenden Aufzeichnungen aus dem Archiv des Grauens, die uns sprachlos machen. Wir sehen neue Beziehungen zerbrechen, psychologische Abgründe der Überlebenden und tragische Lebenswege, die mit der Entscheidung einer Mutter begannen, ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Was wäre geschehen, wenn sie sich nicht getrennt hätte? Das vermag niemand zu sagen. Mich jedoch würde eine jahrzehntelange Ungewissheit über die Schicksale meiner Kinder mehr treffen, als mit ihnen gemeinsam in eine Krise zu gehen.

Es ist die Frage nach Verantwortung, die hier im Raum steht. Es ist die Frage, ob man überhaupt eine andere Chance gehabt hätte. Für mich liegen viele Antworten auf der Hand. Zu viele Geschichten enden in ewiger Trennung, Unwissenheit und Tod. Zu viele Geschichten zeigen, dass man sich nicht trennen sollte. Ein kleines Verzeichnis von Büchern, die dies belegen, findet Ihr am Ende dieses Artikels. Ljuba Arnautovic hat einen sehr relevanten Roman geschrieben, weil seine Tragweite das Geschehene in der Vergangenheit immer wieder auf neue Ebenen hebt. Unbeaufsichtigt reisende Flüchtlingskinder – Dieser Begriff verursacht einen Kloß im Hals, wenn man ihn heute in den Nachrichten hört. Was wird in fünfzig Jahren sein? Werden sie ihre Eltern oder Verwandten jemals wiederfinden? Welche Geschichten verbinden sie dann noch? Und wann hätte man daran etwas ändern können? Ein zeitlos lesenswerter Roman für all jene, die ihre Kinder niemals gehen lassen würden. 

Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich auf „Zeichen & Zeiten„.
„Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.“ (Constanze Matthes)

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Es sind Fluchtwege und Fluchtrouten, die im Zweiten Weltkrieg Menschen in ihrem Schicksal vereinten. Es ist die literarische Aufarbeitung dieser Schicksale, aus der wir heute noch lernen können. Ich lese und recherchiere viel, wenn ich in einem Buch eine solche Flucht erlebe. Im „Junischnee“ werden zwei Brüder nach Russland geschickt, um sie vor den Nazis zu retten. Die Eltern bleiben zurück und erleben in ihrer Heimat  eigene Odysseen. Eine führt nach England. Dort als „Enemy Alien“ stigmatisiert, wird der Vater eines der beiden Jungen nach Australien deportiert. Die Reise ins Ungewisse beginnt auf dem britischen Flottenschiff „Dunera“

Hier zucke ich kurz zusammen. Den Namen kenne ich. Ein anderer Flüchtling teilte dieses Schicksal. Er war ebenfalls an Bord. Ulrich Alexander Boschwitz. Es ist „Der Reisende„, in dem er seine Flucht verarbeitete. Für ihn war dies allerdings eine Reise ohne Wiederkehr. Sein Versuch, nach Europa zurückzukehren endete mit dem Angriff eines deutschen U-Bootes. Wenn die Literatur Schicksale verbindet

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und vermisste Kinder in der Literatur.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Archiv der verlorenen Kinder

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Russische Literatur bei AstroLibrium – Ein Klick genügt…

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Da lag er nun also vor mir, der dicke Schinken, an den ich mich heranwagen wollte. Mit seinen 1000 Textseiten und dem hundertseitigen Anhang ein schon ungewöhnlicher Vertreter seiner Art, wenn man den Buchmarkt aufmerksam beobachtet. Eine Biografie in solch epischen Ausmaßen findet man nicht allzu häufig. Autoren haben sich wohl mit der langsam schwindenden Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden abzufinden und bei neu erscheinenden Monografien die unsichtbare Grenze von 400 – 500 Seiten nicht zu überschreiten. Und nun dies! Ein flapsig als „Fat Book“ zu bezeichnendes Sachbuch, das auch noch auf der Nominierungsliste des Bayerischen Buchpreises steht, der in wenigen Tagen in München verliehen wird, muss etwas ganz Besonderes sein. Und so saß ich als Buchblogger, der diesen Literaturpreis begleitet, vor einem Mammutwerk.

Karl Kraus – Der Widersprecher“ von Jens Malte Fischer sollte mein Lesen für ein paar Tage in seinen Bann ziehen und mich gleichzeitig zum Eremiten mutieren lassen, weil ich in dieser Zeit allen anderen Büchern entsagen musste. Hat es sich gelohnt? Ist die Auseinandersetzung mit dem Begründer der Fackel und Kritiker Karl Kraus in der heutigen Zeit zwingend erforderlich? Ist er noch relevant, oder richtet sich dieses Buch vornehmlich an die sogenannten „Aficionados“ des großen Wieners, der fast schon in Vergessenheit geraten ist? Ich habe zuvor wenig von ihm gehört, nichts von oder über ihn gelesen und war ein unbeschriebenes Blatt, auf dem sich nach dem Lesen Notizen und Zitate gesammelt hatten, die ich hier zusammenfassen möchte. Vorab. Es hat sich gelohnt. Ich hatte nie den Wunsch, das Lesen abzubrechen und fühle mich bereichert und für meine eigenen künftigen Widersprüche besser gerüstet.

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Jens Malte Fischer beginnt sein Opus Magnum äußerst ungewöhnlich. Er lädt uns zu einer Wohnungsbesichtigung bei Karl Kraus ein. Alles ist unverändert, Kraus war erst vor wenigen Tagen verstorben und wir erhalten einen intimen und sehr persönlichen Zugang zu den Räumen, in denen er bis kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Bilder an der Wand, Manuskripte auf dem übervollen Schreibtisch und seine Ottomane für die kurzen Pausen zwischendurch. So sah es 1936 aus. Sein Nachlass, der Bände sprach, füllt nun diesen Band. Hier beginnt die Reise zu jenem „Widersprecher„, der mehr als vier Jahrzehnte lang gegen jeden Missbrauch der Sprache kämpfte, der leere Phrasen in Politik und Kultur anprangerte und sich dadurch viele Feinde gemacht hatte. Es sind diese Räume, durch die wir in unserer Vorstellungskraft geführt werden, damit wir nicht nur einer Theorie, sondern einem Menschen begegnen. Ein gelungener Einstieg.

Jens Malte Fischer holt weit aus, und das ist angebracht, wenn man das Leben von Karl Kraus verstehen möchte. Seine jüdische Herkunft, das Elternhaus, seine Versuche, als Schauspieler Fuß zu fassen und seine frühe Begabung, mit einzigartiger Stimme als Vorleser zu überzeugen, sind Teile eines Mosaiks, das sich langsam zusammenfügt. Es ist das Wien der Nachkriegsjahre, das ihn prägt und verändert. Er beginnt, sich mit den intellektuellen Größen seiner Zeit anzulegen, stellt den Missbrauch der Sprache an den Pranger und macht die Presse für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich. Aus dem konservativen Denker wird ein überzeugter Pazifist. Aus dem Juden wird ein konvertierter Katholik. Aus dem Vorkriegsmitläufer wird der Chefankläger der Sprache, die einen Krieg erst möglich machte. Aus seiner Zeitschrift wird eine Kampfschrift. Die Fackel wird zum gefürchteten Medium, in dem er sich mutig gegen alle Wellen wirft..

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Was erst nur als Kampfschrift gegen Langeweile und Gedankenlosigkeit gedacht war, nimmt mit den Kraus´schen Stilmitteln Satire und Polemik einen Zeitgeist auf die Schippe, der in Apathie zu versinken drohte. Wien wurde wach. Seine Paukenschläge waren nicht zu überhören. Er schrieb gegen den Fortschrittswahn und den Glauben an die Technik. Der Untergang der Titanic war für ihn Sinnbild des Irrglaubens. Der Erste Weltkrieg Bestätigung für seine Vermutung, den Menschen der Technik zu opfern. Er kämpfte gegen ein vorherrschendes Frauenbild an, das die Frauen als Opfer sexueller Gewalt selbst an den Pranger stellte. Und er vertrat liberale Thesen zur Homosexualität. Einen Querdenker würden wir ihn heute nennen. Widersprecher nennt ihn Jens Malte Fischer. Wie auch immer, er wird uns von Seite zu Seite sympathischer. Mainstream war nicht seine Welt. Kultur, Politik und die Presse standen stets im Fokus der Worte, die er so treffend formulierte.

Jens Malte Fischer zieht Karl Kraus aus dem Schatten, der ihn heute verbirgt. Er beschreibt jeden Konflikt, der ihn charakterisiert, jede Zerrissenheit, an der er litt. Seine Haltung zu jener Religion, die er hinter sich ließ, ist bis heute umstritten. Karl Kraus gab den Juden eine große Mitschuld am Antisemitismus. Assimilation sah er als das einzig wahre Mittel, den Hass auf die jüdische Bevölkerung zu verhindern. Immer dann, wenn wir ein Fazit von Fischer erwarten, scheint er sich zu verweigern. Weder zur Frage des Antisemitismus, noch zur Relevanz des Widersprechers für unsere Zeit lässt sich Jens Malte Fischer dazu hinreißen, Urteile zu fällen oder Empfehlungen zu geben. Er fordert den aktiven Leser heraus, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei liefert er harte und weiche Fakten aus den Ansichten eines stets bedrohten Denkers, die uns zeigen, wie wichtig seine Haltung auch heute noch sein kann. Vom Feuilleton bis hin zur politisch motivierten Rede, seine Botschaft lautet bis heute „Augen auf. Findet die Phrasen und zieht eure eigenen Schlüsse.“ Jens Malte Fischer legt seine Finger in jede Wunde, in der Karl Kraus schon gewühlt hat. Liest man dieses Buch und wirft dann einen wachen Blick auf z.B. den amerikanischen Wahlkampf, alle Automatismen werden sichtbar und Donald Trump hätte heute in Karl Kraus einen erbitterten Widersprecher gefunden.

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Die Fackel begann ab 1934 langsam zu erlöschen. Man sollte sich ihrer erinnern, wenn in heutigen Demokratien oder in der Literatur die leuchtenden Fackeln erlöschen und eine Sprache kultiviert wird, die nur Hass zur Folge hat. Dieses Buch ist ein Werk, in dem man sich verlieren kann. Durch seine klare Struktur vermeidet der Autor jedoch, dass wir selbst auf den gewagtesten Exkursionen den roten Faden verlieren. Sicherlich ein Standardwerk für alle Lesenden, die Karl Kraus schon kannten und verehren. Aber auch ein lesenswerter Weg für Interessierte. Täglich finde ich in den Medien Aussagen, die mich fortan an Karl Kraus erinnern. Worthülsen, denen geglaubt wird. Phrasen, in denen nichts steckt außer egozentrischer Populismus. Kraus nannte sie:

„Zur Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierungen von falschem Bewusstsein.“ 

Das Lebenswerk von Karl Kraus wird überdauern. Seine Bücher Die letzten Tage der Menschheit und Die dritte Walpurgisnacht sprechen weiter für ihn. Jens Malte Fischer hat mit dem Widersprecher nun ein Werk der Sekundärliteratur hinzugefügt, das für Lesende mit Goldgräbernatur einen Claim absteckt, der bisher im Verborgenen lag. Man sollte sich die Schürfrechte sichern. Der Phrasenkiller ist aktueller denn je.

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer – Astrolibrium

Jens Malte Fischers Biografie zu Karl Kraus ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, war es ein Muss, diesen dicken Schinken zu lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass die Biografie zu „Karl Kraus“ von Jens Malte Fischer echte Gewinnchancen hat? Weil ich mich auch als Widersprecher empfinde und den heutigen Populisten aufs Maul schaue. Ich fand grandiose Ansätze, dies in der Zukunft, untermauert durch die leuchtende Fackel des großen Kritikers, noch fundierter angehen zu können. Ein zeitlos nachdenklich machendes Opus Magnum…

UPDATE 19.11.2020 – Der Gewinner des Bayerischen Buchpreises – Sachbuch

Bayerischer Buchpreis 2020 - Sachbuch - Gewinner - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Sachbuch – Gewinner