Am 13. November jährten sich die Anschläge auf Paris zum fünften Mal. Das Jahr 2015 war das Annus horribilis für die französische Metropole. Im Januar begann es mit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und zum Ende des Jahres gipfelte der Terror in Paris in einer nie zuvor dagewesenen Anschlagsserie. Am 13. November schlugen islamistische Terroristen an einigen Orten zugleich zu, töteten 130 Menschen und verletzten mehr als 350 weitere schwer. Wer an diesem Abend das Fußball-Länderspiel im Fernsehen verfolgte, die beiden Explosionen vor den Toren des Stadions hörte, und die weiteren Nachrichten aus Paris verfolgte, der wird diese Nacht ebenso wenig vergessen, wie den 11. September 2001 in New York. Auch hier wurde die ganze Welt Zeuge der verheerenden Anschläge.
Was mir auch in Erinnerung blieb, war ein Satz des französischen Schriftstellers Antoine Leiris, der an diesem Abend im Bataclan seine Ehefrau Hélène verlor und als Witwer mit seinem erst siebzehn Monate alten Sohn Melvil zurückblieb. Er schrieb nur: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“. Diese Botschaft an die Terroristen äußerte er drei Tage nach dem Massaker in Paris. Worte, die um die ganze Welt gingen. Tiefe Worte, die keinen Vater und keine Mutter unbewegt ließen. Worte der Liebe, Trauer und Klage. Verzweifelte Worte der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn Melvil. Gleichzeitig auch eine Kampfansage an die Verantwortlichen für solche Anschläge. Antoine Leiris verweigerte den Terroristen den Sieg über die eigene Familie. Dieses Geschenk macht er ihnen nicht. Dies war seine Rache und ein Wegweiser in die ungewisse Zukunft für Vater und Sohn.
Und nun? Fünf Jahre danach? Was ist aus dem Mann geworden, der so gerne ein normales Buch geschrieben hätte? Der Mann, der gerne Romane in die Welt entlassen hätte, um zu unterhalten oder Spannung zu erzeugen? Der Mann, dessen Schreiben in der größten Krise seines Lebens ein Buch hervorgebracht hatte, von dem er sich nicht mehr trennen konnte? Stigmatisiert als traurige und kämpferische Stimme Frankreichs sollte es ihm nicht gelingen, einen fiktionalen Stoff zur Entfaltung zu bringen. Ihm blieb nur die Beobachterrolle, während sich Schriftsteller, die selbst keine Opfer zu beklagen hatten, das Fanal von Paris in Romanen aneigneten. Er verschwand von der Bildfläche. Bis jetzt. „Danach, das Leben“ ist mehr als ein Lebenszeichen von ihm. Allerdings ist es auch ein deutliches Zeichen seines Scheiterns als Romanautor. Seine Worte sind begrenzt auf die Folgen des Terrors. Sein inneres Gefängnis ist hermetisch verriegelt und lässt ein befreites und neutrales Schreiben nicht zu.
„Danach, das Leben“ beschreibt schon im Titel den großen Widerspruch, in dem der Autor und Vater heute lebt. Man fragt sich sofort, was für ein Leben das denn sein kann. Ob es lebenswert, von Trauer dominiert oder vom kleinen Melvil bestimmt ist. Man fragt sich, wie es dem Menschen Leiris hinter dem Vorhang geht und ob er es zulässt, einen Blick hinter seine Kulissen und Fassaden zu werfen. Man fragt sich auch, ob das neue Buch Teil einer Therapie ist, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Auf all diese Fragen gibt Antoine Leiris Antworten. Er lässt nichts aus. Er zieht blank, nicht nur, was seine Gefühle und Perspektiven betrifft. Er schreibt von den kleinen Erfolgen, von dem Rückschlag, der ihn jedes Mal trifft, wenn er einen Schritt nach vorne wagt. Er schreibt über seine Frau, ihr Fehlen und seine Rolle als alleinerziehender Vater. Von Umzügen und Neuanfängen, vom Loslassen und Festhalten, von dunklen und hellen Nächten. Es ist ein Buch, das uns vielleicht Mut macht. Ob es ihm gelungen ist, sich zu ermutigen? Das steht auf einem anderen Blatt Papier.
Man möchte ihn in den Arm nehmen, wenn er sich dem Selbstvorwurf hingibt, im Versuch den Schmerz zu bewältigen, seine Frau „dargeboten zu haben, ohne dass sie ein Wort hätte mitreden können.“ Man trifft auf einen Mann, der schwer darunter leidet, seine Frau zu einer öffentlichen Person gemacht zu haben, die ihm nicht mehr gehört. Es ist nicht nur dieser Verlust, den er zutiefst beklagt. Es ist ein Zugeständnis, das ihn heute einholt, als er zum ersten Mal ein Theater besucht, in dem seine Geschichte auf der Bühne aufgeführt wird. Dieses Erlebnis mit ihm teilen zu können, gehört eindeutig zu den großen Momenten dieses Buches. Seltsam von sich selbst entrückt, folgt er im Theater dem Monolog des Schauspielers, der sich seine Geschichte nun aneignet. Es ist das Spiegelkabinett der Trauer, das wir mit Antoine Leiris betreten.
Was er uns als Vater eines kleinen Wirbelwinds erzählt, rührt und bewegt. Er gibt sich alle Mühe, der Normalität Raum zu geben und Melvil behütet großzuziehen. Er wird beim Vorlesen von Kinderbüchern zu Vater und Mutter für seinen kleinen Jungen. Eine Passage im Buch beschäftigt mich sehr. Es ist „Pinocchio„, dem Vater und Sohn hier gemeinsam begegnen. Es ist die innige Nähe, die spürbar wird und doch fühlt sich die Geschichte für Antoine Leiris an, wie ein Feld voller Tretminen. Keinen Fehler machen und die Fragen des kleinen Melvil ernst nehmen – das sind die Herausforderungen, die er hier zu meistern hat. Es gibt sehr viele dieser großen Momente in diesem schmalen Buch. Leiris gelingt es erneut, uns mit kaum 200 Seiten nachhaltig und bewegend mit seiner Welt zu konfrontieren. Er bietet uns keine Bewältigungsstrategien, er beschreibt keinen Trauer-Musterweg. Er schreibt aus meiner Sicht für sich selbst, um einen Weg zu einem neuen Schreiben zu finden.
Antoine Leiris beschreibt, dass eine private Geschichte niemals Geschichte wird. Er schreibt ein intimes Buch, das ihn sicherlich irgendwann wieder einholen wird, weil er nun im Gefühl lebt, seinen Sohn „dargeboten“ zu haben. Ich denke nicht, dass es so ist. Er überschreitet keine Grenzen, die seinem Sohn nicht gerecht werden. Leiris geht nur mit sich extrem hart ins Gericht. Man sollte dieses Buch lesen, wenn man Antoine Leiris zuvor begegnet ist. Aus der Distanz heraus gelingt ihm nun, was vor fünf Jahren kaum möglich war. Die echte Liebeserklärung an seine Frau. Allein das ist lesenswert:
„Hélène ist der Stift, den ich halte, die Tinte, die darin fließt, die Tasten meines Computers, die Wörter, die auf dem Bildschirm erscheinen. Die Buchstaben haben ihre sanften Linien, die Wörter ihr Zartgefühl, die Assoziationen schwingen durch ihre Musikalität.“
In letzter Konsequenz jedoch sind es diese tiefen Worte, die aus seinem Herzen einen diebstahlsicheren Tresor machen. Jeder Versuch, den Schlüssel einer neuen Frau in seinem Leben in die Hand zu drücken, scheitert kläglich. Bisher. Vielleicht wird dieses neue Buch von ihm ein hilfreicher Panzerknacker für Menschen, die ihm in der Zukunft begegnen. Ich hoffe es für ihn…
Ein Beispiel für einen Roman, der im November vor fünf Jahren gipfelt:
Hilmar Klute legt einen bipolaren Roman vor, in dem es gelingt, die Menschen in den Vordergrund zu stellen und gleichzeitig die Situation in Paris nicht zur Kulisse zu degradieren. Ein Ausnahmebuch zu einer Stadt im Ausnahmezustand. „Oberkampf„


































