ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia – Astrolibrium

Vorsicht. Ich schicke dieser Rezension eine Triggerwarnung voraus, weil ich selbst in bestimmten Lebensphasen einen großen Bogen um Bücher mache, die sich in ihrem Kern mit dem Thema Demenz auseinandersetzen. Alzheimer nennt sich die besondere Ausprägung der Störung des menschlichen Gehirns, in dessen Folge die Betroffenen in zunehmender Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit versinken. Es war mein Vater, der mir von jener heimtückischen Krankheit geraubt wurde. Tief in sich und eine nicht nachfühlbare Welt entrückt, verabschiedete sich zuerst sein hellwacher Geist und dann schließlich auch der gesamte Organismus. In der Literatur findet man oftmals die eher skurrilen Momente einer Demenz wieder, in denen die Vergesslichkeit beginnt, dem Opfer erste lustige Streiche zu spielen. Groß ist die Versuchung, die Krankheit als Kulisse für rührende Familiengeschichten zu verwenden und sie damit gänzlich aus der Realität zu entheben. Die Wahrheit ist härter. Um sie geht es in guten und empathisch verfassten Romanen, in denen alle Aspekte der Demenz thematisiert werden, in denen man den Erkrankten näher kommt und in der eigenen Hilflosigkeit abgeholt wird, die im Alltag zur bestimmenden Größe wird. Ich wurde nämlich vom eigenen Vater vergessen, während ich versuchte ihn zu pflegen. Und genau an dieser Stelle warne ich davor, im Lesen unvorbereitet auf ein Thema zu stoßen, das Wunden gerissen hat.

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia ist ein solches Buch. Und nicht nur das. Es handelt sich hier auch noch um ein Bilderbuch, mit dem man unsere jüngsten Leser mit einem Themenbereich konfrontieren kann, den ihnen selbst die eigenen Eltern nicht erklären können. Ich weiß, wovon ich rede. Mir fehlten damals solche Bücher. Mir fehlte diese Chance, meine Kinder langsam darauf vorzubereiten, dass ihr geliebter Opa bald nicht mehr wissen würde, wer da überhaupt vor ihm steht, wie seine Enkel heißen, und was er mit ihnen anfangen sol. Mir fehlte die Möglichkeit, ihnen mit Bilderbüchern ganz sanft zu erklären, dass sich ihr eigener Großvater in ein Kleinkind verwandelte. Und mir fehlte die Hilfestellung, zu erklären, dass dieser Zustand unumkehrbar ist, egal, wie oft man mit ihm redet, welche Musik man ihm vorspielt, oder wie oft man ihn später, als es nicht mehr anders ging, im Pflegeheim besuchte. „Warum? Er erkennt uns doch gar nicht.“ Darf man einem Kind diese Frage verübeln? Nein. Hätte ich damals schon die Geschichte von Lilia gehabt, es wäre ein wenig leichter gewesen. Entenblau vielleicht.

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Sind Sie noch da? Danke. „Entenblau“ von Lilia ist eine facettenreich angelegte und doch minimalistisch erzählte Geschichte von augenscheinlichen Gegensätzen, von tief empfundener Freundschaft und Liebe, von Fürsorge und vom Vergessen. Wann treffen wir in freier Wildbahn auf eine Ente und ein Krokodil, die auf einen langen gemeinsam erlebten Lebensweg zurückblicken können? Wann haben wir je von einem Kroko-Baby gehört, das einsam und verlassen von einer Ente gefunden und quasi adoptiert wurde, an „entenkükenstatt“ angenommen sozusagen? Wann durften wir je in der Erinnerung eines heranwachsenden Krokodils miterleben, wie es alles von einer Ente beigebracht bekommt? Nie zuvor ist mir das in einem liebevoll illustrierten Bilderbuch begegnet. Im Buch und im wahren Leben erreicht auch diese Geschichte ihren Wendepunkt, als das Krokodil – jetzt ausgewachsen und stolz auf die Vergangenheit – feststellen muss, dass seine in die Jahre gekommene Entenmama ihre Erinnerungen verliert… Alles verblasst. Das wundervolle Entenblau der Vergangenheit beginnt zu schwinden…

Was im Bilderbuch ohne jeden Schnickschnack und Ablenkung –  sozusagen „en point“ – illustriert und erzählt ist, lässt uns als Vorlesende und Mitlesende viel Raum, um unsere Kinder an die Hände zu nehmen und durch die Geschichte zu führen. Es ist die ungewöhnliche Beziehung zwischen Ente und Krokodil, die wir erklären können. Wir können hervorheben, wie unterschiedlich beide sind. Wir dürfen Vergleiche ziehen, weil es bei Adoptionen bei Menschen ja auch so ist. Und wir können die Entenmama loben, weil sie das kleine Krokodil einfach Krokodil sein lässt, ohne es zu verbiegen. Lilia lässt nichts aus, selbst der abzuwischende Krokodilhintern spielt eine Rolle. Als die alte Ente dann im Vergessen versinkt, werden die Rollen getauscht. Das Krokodil übernimmt. Die Verantwortung wird unmittelbar spürbar. Es gibt keine Ausreden. Nein. Die Fürsorge ist dem einst kleinen Krokodil, das nun so erwachsen ist, von der Entenmama in die Wiege gelegt worden. Jetzt spielt auch der Entenpopo eine große Rolle. Hygiene ist wichtig bei Demenz.

Wer nun denkt, das harmlos wirkende Bilderbuch Entenblau würde uns jetzt ins Leben zurückgehen lassen, sieht sich getäuscht. Hier wird im Klartext illustriert und erzählt. Hier kommt der Aspekt zum Tragen, der die Angehörigen von Erkrankten voller Frustration verzagen lässt. Die Ente hat plötzlich Angst vor dem Krokodil und weiß nicht mehr, wer vor ihr steht. Ja, das haben wir erlebt. Das in diesem Buch so klar zu sehen und so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, ist mutig und aufrichtig zugleich. Nein, an einer Demenz ist nichts lustig, es gibt keine Schmunzelmomente, nur Angst, Sorgen und Mitgefühl. Und dann treibt mir diese Geschichte endgültig die Tränen in die Augen, weil mir das Krokodil zeigt, wie ich mit der Enttäuschung zurechtkommen könnte, nicht mehr erkannt zu werden. Ja, die Ente in diesem Buch ist anders, als wir Enten kennen. Sie hat einen blauen Schnabel und blaue Flossen. Sie hebt sich so deutlich ab, wie es unsere Eltern und Großeltern tun. Sie ist eine blaue Ente und sicher bekannt wie jener sprichwörtliche bunte Hund. Und nur diesen besonderen Enten ist es vergönnt, mit den eigenen Angehörigen so umzugehen, dass sie ihre Eigenständigkeit niemals verlieren. So war mein Vater. Für mich und für seine Enkelkinder. Hätte ich dieses Buch damals schon gehabt, es wäre mir ein wichtiger Ratgeber gewesen, ohne je Ratgeber sein zu wollen.

Es sind nur 46 Seiten, die ein Leben verändern können. Es ist eine Geschichte, die aus Empathie zu bestehen scheint. Sie ist Lehrmeister und Spiegel, Wegweiser und im entscheidenden Moment befreiende Stütze. Diese Geschichte verlangt nichts von uns, aber sie gibt unendlich viel. Sie nimmt die Menschen ernst und schenkt besonders den Opfern von Demenzerkrankungen eine würdevolle Rolle in dieser Erzählung. Und keine Sorge. Diese Geschichte schreckt nicht ab. Das tun die Geschichten, die verharmlosen und die lustigen Momente suchen. Sie helfen nicht, weil im Moment der Erkenntnis der Spaß verschwindet und die Skurrilität einer heillosen Angst weichen muss. Nein, es ist Entenblau. Es ist diese besondere Beziehung, die uns vorbereitet ohne neue Angst zu schüren. Das Krokodil zeigt einen Weg. So schwer er auch ist, so wenig glücklich man am Ende des Buches vor dem letzten Bild sitzt. Es ist einer der aufrichtigsten Momente in einem Kinderbuch, den ich je erleben durfte, weil er nicht verlogen ist. Ein Buch nicht nur für Angehörige von Erkrankten. Ein Buch ganz besonders für Eltern und Kinder, die ihr Herz auf dem rechten Fleck tragen. Ein schlichtes und doch gewaltiges Bilderbuch, das uns auf ein Vergessen vorbereiten kann, das uns selbst, unsere Familie, aber auch Freunde und Bekannte treffen kann. Eine empathische Investition in die Zukunft.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Wer neben Entenblauals Kinderbuch gerne einen Roman lesen würde, den ich guten Herzens empfehlen kann, dann greifen Sie zu Der vergessliche Riese von David Wagner. In meiner Rezension schrieb ich:

David Wagner gelingt mit seinem Roman ein glaubwürdiger Grenzübertritt in die Denkwelt eines Alzheimerpatienten. Er entwickelt eine Perspektive, die zeigt, wie ein Mensch im Vergessen sogar vor unliebsamen Erinnerungen geschützt wird. Eine Sicht, die vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Und doch erscheint der vergessliche Riese in seiner Welt seltsam entrückt, befreit vom Alltäglichen und frei von Verpflichtungen. Ein Biotop des Vergessens umgeben von Menschen, die vom Erinnern geplagt sind, damit leben müssen, dass jeder Besuch schnell vergessen ist und Fragen in Endlosschleifen wiederholt werden. Hier verliert nicht der Kranke seine Identität. Es ist das Umfeld, das verblasst. Ein Kreislauf dem sich dieser Roman intensiv widmet. (weiterlesen)

Ich erinnerte mich an meinen vergesslichen Riesen, fühlte im Buch die persönliche Betroffenheit des Autors und die autobiografischen Züge seiner Vater-Sohn-Geschichte, sowie die befreiende Wirkung des Schreibens und Lesens. Diese beiden Bücher haben die Gabe zu versöhnen, zu heilen, schützen und vorzubeugen. Sie als Buchtandem zu sehen, also als Grundlage des gemeinsamen Erlesens beider Geschichten für jüngere und ältere Lesende, kann in außergewöhnlichen Situationen einen unglaublichen Schub und Energie freisetzen, die ohne diese Bücher kaum vorhanden wäre. Letztlich sind es Geschichten für die Menschen in unserer Mitte, die sie sofort vergessen würden, wenn man sie ihnen vorlesen oder erzählen würde. Daran sollte man immer denken. Immer.

Ein persönliches (versöhnliches) Ende.

Das Krokodil in Entenblau hat recht. Die Entenmama hat viel vergessen, aber sie ist immer noch da. Mit ihr zu reden, zu singen und gemeinsame Ausflüge zu machen, sie zu streicheln und spüren zu lassen, dass sie nicht allein ist, ändert vielleicht nichts an der Krankheit. Aber es ändert etwas am Wohlbefinden der Erkrankten. Und nie, nie, nie, niemals darf man selbst vergessen, dass tief im erkrankten Menschen drin alles da ist, was wichtig ist. Es kann nur nicht mehr abgerufen werden. Mein Vater lag am Ende in einem Pflegeheim. Nicht ansprechbar. Mit leerem Blick. Keine Reaktion. Alles Reden half nichts. Dachte ich. Kein Erkennen. Kein Erinnern. Nichts. Eine Hülle. Ich ging auf Tuchfühlung. Hielt seine Hand, sprach und versuchte es mit Musik. Für mich erfolglos. Für ihn? Das war immer eine bohrende Frage. Eines Tages fragte ich im Heim, ob es erlaubt sei, meinen Bordercollie mitzubringen. Vater liebte Hunde. Und was geschah? Mein Hund legte seine Schnauze in die Hände meines Vaters und blieb so. Und was sagt der Mann, der seit Jahren geschwiegen hatte, der mich nicht mehr erkannte und nicht wusste, wo er sich befand?

„Arndt, ich kann mich doch hier nicht um einen Hund kümmern.“

Es ist jedem selbst überlassen zu analysieren, wie viele kognitiv verankerte Fakten in diesem Satz verborgen sind. Es ist jedem selbst überlassen, darüber nachzudenken, was dieser Satz in mir auslöste und was er mir heute bedeutet. Ich will mit diesem sehr persönlichen Erlebnis nur verdeutlichen, dass man nie aufgeben darf zu hoffen. Es war der letzte Satz meines Vaters, zwei Jahre vor seinem Tod. Er war ein großes Geschenk und noch so viel mehr…

Danke fürs Lesen. 

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Die Bilderbuch-GlockenbachWelle

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - AstroLibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Herzlich willkommen zur dritten Ausgabe der GlockenbachWelle. Diesmal sind es Bilderbücher, die im Mittelpunkt unseres Podcasts stehen und was liegt da näher, als einen ganzen Bilderbuchverlag einzuladen? Mit dem Münchner Mixtvision Verlag ist heute nicht nur ein Branchenprimus und Gewinner des Deutschen Verlagspreises zu Gast, in Person von Sabine Ginster haben wir die kompetente Gesprächspartnerin für ein Herzensthema gefunden, das uns Erwachsene ständig herausfordert und inspiriert.

Was macht die Bedeutung von Bilderbüchern aus, wie können wir die Impulse aus Bilderbüchern ins tägliche Leben übertragen? Welche Rolle nehmen wir Erwachsenen in der Begleitung der jüngsten Lesenden ein? Wie gehen wir mit Altersempfehlungen um? Und natürlich, wie arbeitet ein Verlag, der sich diesen Büchern verschrieben hat?  Wie findet man in Coronazeiten neue Talente und Illustrator:innen und welche großen Entdeckungen konnte man in der weiten Welt der Kinder- und Jugendliteratur für sich verbuchen?

Diese Fragen beantworten wir im Gespräch mit Sabine Ginster, der Social-Media-Leiterin und Lektorin des Münchner Mixtvision Verlages.

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Die dritte GlockenbachWelle – ein Bilderbuch von einer Welle

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und eine Lektorin im Gespräch

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München – via SKYPE
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Sabine Ginster vom Mixtvision Verlag

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz und mit Dank an Tom Dulovits für das digitale Remastern des Skype-Meetings. 

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Drei besondere Bilderbücher aus dem Sortiment des Mixtvision Verlages stehen heute stellvertretend für die Vielfalt dieses Genres im Mittelpunkt unseres Gesprächs. Sie sind so unterschiedlich, wie Bilderbücher nur sein können. Sie sprechen uns auf ihre ganz eigene Art und Weise an, sind zum Teil absolute All-Ager und in einem Fall als Inspirationsquelle des Freestyle-Geistes von Kindern mehr als unverzichtbar für die kleine Bibliothek in den eigenen vier Wänden. Wir werden sie einzeln besprechen. Um sich die Bilder dieser Bücher zu vergegenwärtigen bieten sich unsere Rezensionen an.

Hier geht´s lang – Die Links führen zu unseren Buchvorstellungen:

Die große Wörterfabrik“ von Valeria Docampo und Agnès de Lestrade

Was wäre, wenn man für Wörter bezahlen müsste? Gäb es es dann wortreich und wortarm wirklich? Und wie könnte man jemanden von seiner Liebe überzeugen, wenn man zu arm wäre, die richtigen Worte aussprechen zu dürfen? Wäre der Preis für die Wörter zu hoch, gäbe es dann gar keine Liebe mehr? 

Als die Schweine ins Weltall flogen“ von Susanne Straßer

Denn plötzlich gibt es kein richtig oder falsch mehr, keine eindeutigen Antworten oder Erklärungen. Und dennoch geben die Bilder, die sich tatsächlich jeglicher Logik entziehen bzw. sich fernab der Realität abspielen, den Eltern Anlass, sich mit ihren Kindern über die Begrifflichkeiten auszutauschen… (Steffis Rezension)

Seesucht“ von Marlies van der Wel

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du?

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag – Astrolibrium

Worauf Sie sich im Podcast freuen dürfen:

  • Drei ausgewählte Bilderbücher aus dem Mixtvision-Programm näher betrachtet. Die große Wörterfabrik, Als die Schweine ins Weltall flogen und Seesucht.
  • Buchempfehlungen und Persönliches aus dem Leben einer Lektorin.
  • Ein Bilderbuch-Schaufenster von Steffi und ein besonderer Malwettbewerb, dessen Gewinner:in heute gekürt wird (hier geht´s zum Bilderbuchfenster)
  • Bilderbuchtipps aus dem Leben einer Buchhändlerin von Pamela Scholz
  • Ein Kreuzverhör zu den wichtigen Fragen rund ums Bilderbuch und natürlich
  • die Vorschau auf unsere nächste Welle.
Bilderbuch-Glockenbachwelle - Tipps von Pamela Scholz - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Tipps von Pamela Scholz

Besonders interessant ist diesmal der Auftritt der Buchhändlerin Pamela Scholz, die nicht nur gemeinsam mit Sabine Ginster das schönste Malwettbewerb-Kinderbild auswählt, sondern ihre persönlichen Bilderbuch-Tipps in unser Lesen bringt. Hier wird ein Kreis geschlossen, der unsere Verneigung vor dem großen Lebenswerk von Eric Carle zum Ausdruck bringt… Die kleine Raupe Nimmersatt lebt weiter… 

Die Buchhändlerinnen-Tipps:

Sulwe“ von Lupita Nyong – Mentor Berlin
Alle Farben des Lebens“ von Lisa Aisato – Woow Books
Vielleicht“ von Kobi Yamada – Adrian Verlag

Die Wahl des schönsten Malwettbewerb-Bildes ist ein Gänsehautmoment. Es ist toll, dass der Mixtvision Verlag nicht nur den Gewinner mit einem Buch überraschen wird. Auch die anderen Kinder, deren Werke noch im Schaufenster zu bewundern sind, dürfen sich ein kleines Geschenk in der Glockenbachbuchhandlung abholen. Dann mal los mit Euch, Ihr kleinen großen Künstler:innen…

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

Sehens- und lesenswert: Wenn Bilderbücher zu Wellenreitern werden von Steffi

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
GlockenbachbuchhandlungNur Lesen ist schöner und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn
 oder besuchen Sie den Mixtvision Verlag

Spätestens jetzt sollten Sie den Ritt wagen: Der dritte PodCast ist on Air

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Mit einem Klick zum Podcast

SEESUCHT von Marlies van der Wel

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Seesuchtsvoll habe ich nach einem Zoom-Meeting mit dem Mixtvision Verlag auf dieses Buch gewartet. Seesüchtig freute ich mich auf den Moment des Eintauchens in einem besonderen Bilderbuch. Inzwischen hat dieses Kunstwerk hohe Wellen in der kleinen literarischen Sternwarte geschlagen. „Seesucht“ von Marlies van der Wel hat mich eingesaugt, meine Wahrnehmung verändert und mich bereichert wieder an Land abgesetzt, wo ich jetzt – festen Boden unter den Füßen – darüber schreiben kann, was ich in diesem Buch erlebt habe. Doch Vorsicht, es kann sein, dass ich zwischendurch immer wieder mal abtauchen muss, um unter Wasser Luft zu holen, damit ich mir hier keine nassen Füße bei der Rezension einfange. Die Seesucht ist einfach zu groß.

Schon beim Lesen des Buchtitels verspürte ich schon tiefe Dankbarkeit. Ich bin literarisch oft „draußen auf See“. Ich bin fasziniert von diesem tiefblauen Element, das unser Leben bestimmt. Zahllose Bücher zu den Themen Meer und Wasser bevölkern meine kleine Bibliothek und vermitteln das Gefühl, eine kleine Aquanautik-Abteilung zu führen. Was ich bisher nicht in Worte fassen konnte, gelingt Marlies van der Wel mit dem Titel ihres Bilderbuchs. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „seesüchtig„. Jetzt gibt es endlich ein Wort für die Sehnsucht nach dem Meer. Ein Wort für die tiefe Lust, in die Wellen zu laufen, mich schwerelos zu fühlen, treiben zu lassen, und in der Tiefe nach allem zu suchen, was sich dort verbirgt. Es ist die ungestillte Seesucht, die mich immer wieder in Bücher, an Strände und an Bord von Schiffen treibt.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Da darf man sich nicht wundern, dass ich in literarische Schnappatmung verfiel, als ich auf diese Neuerscheinung aufmerksam gemacht wurde. Ich jedoch durfte mich wundern, in welche Tiefen mich dieses Buch entführen konnte. In bewegenden Bildern mit minimalistisch erscheinenden, jedoch vielsagenden Texten, erzählt uns die Autorin und Illustratorin die Geschichte von Jonas. Wir lernen ihn im Kinderwagen am Strand kennen, sehen seine ersten, magisch vom Meer angezogenen, Schritte zum Meer und das erste Eintauchen in dem fremden Element. Den großen Augen sieht man die tiefe Begeisterung an, die Schwerelosigkeit umfasst das Kleinkind, doch atmen funktioniert nicht. Im letzten Moment rettet die Mutter ihren kleinen Sohn. Was niemand ahnt. hier beginnt die „Seesucht“ des kleinen Jonas.

In interessanten Zeitscheiben dürfen wir ihm weiter auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens folgen. Ob als Acht- oder Achtzehnjähriger, man spürt  dass seine Faszination für das Meer kein Ende findet. Nur sein Ideenreichtum nimmt zu. Es sind Zufallsfunde, die ihm nun dabei helfen, seine Aufenthalte im Meer zu verlängern. Hier erlangt auch der Begriff „Strandgut“ eine neue Bedeutung. Letztlich jedoch scheitern seine Versuche immer wieder. Der dreißigjährige Jonas experimentiert mit einem U-Boot und endlich gelingt ihm eine Tauchfahrt auf Augenhöhe mit den Fischen. Seine Konstruktion ist gewagt und nur ein dummer Zufall beendet das Abenteuer. Die Jahre ziehen vorüber und Jonas sammelt beharrlich Strandgut. Er lässt sich treiben, es sind die Zufälle, die ihn mit neuen Fundstücken versorgen. Die Liebe zum Meer bleibt. Bis wir ihn zuletzt mit achtzig Jahren sehen. Bilder, die wir kaum glauben können. Bilder, die belegen, dass lebenslang geträumte Träume und Visionen real werden können. Wir versinken in großzügigen 78 Seiten eines kleinen Wunders.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Marlies van der Wel erzählt mit ihren facettenreichen Mitteln die Geschichte einer wahrhaftigen Bestimmung. Sie erzählt von nicht enden wollender Ausdauer und einer Beharrlichkeit, die ein ganzes Leben bestimmt. Sie malt uns ein Bild des Scheiterns ins Herz und zeigt zugleich, dass Aufgeben für Jonas niemals in Frage kommt. Sie erzählt in Wort und Bild, dass man Lebensziele nicht immer auf direktem Weg erreicht, und in vielen Fragen des Lebens geduldig sein muss. Das Meer steht hier als Sinnbild für das Glück, nach dem wir alle streben. Wenn wir die Flinte ins Korn werfen (oder den Anker über Bord), dann kommen wir keinen Schritt weiter. Und genau hier wird das Buch für Eltern und Kinder oder sogar für Großeltern und das gemeinsame Lesen interessant. Auch wir hatten und haben unsere Träume, auch wir haben ihnen hinterhergejagt, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Wenn wir Werte an unsere Kleinen weitergeben möchten, dann sind dies eben gerade Beharrlichkeit und der Wille, nicht aufzugeben.

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du? Was bist Du bereit für Deinen Traum zu investieren, und hast Du die Geduld, es auch auf Umwegen zu schaffen? Die Themen gehen uns nicht mehr aus. Versprochen. Und wenn man es bis hierhin geschafft hat, dann kan man das Strandgut suchen und definieren, was uns helfen kann, Lebensträume zu verwirklichen. „Seesucht“ ist ein Traumbuch. Es sind in erster Linie die faszinierenden und großformatigen Bilder, die uns bestechen. Es sind die Details, die wir in ihnen entdecken. Es ist aber auch ein Muster, das jedem einzeln geträumten Wunschtraum zugrunde liegt, das wir hier auf unser Leben übertragen.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel – Mit einem Klick zum Film auf Vimeo

„Seesucht“ ist nicht zuletzt auch der Beharrlichkeit von Marlies van der Wel zu verdanken. Was mit einem Kurzfilm begann, an dem sie viele Jahre gearbeitet hat, ist nun zu einem Buch geworden. Aus „Zeezucht“ oder „Jonas und das Meer“ wird jetzt ein Bilderbuch, das wir jederzeit wieder hervorholen können, wenn uns die Sehnsucht mal wieder packt. Es ist das Strandgut des Lebens, das uns die Autorin überreicht. In der Geschichte finden wir das Muster der Gegenstände, die ans Ufer gespült wurden. Auch wir haben unser Strandgut immer in unserer Nähe. Auch, wenn wir denken, es sei nutzlos und wenig wert, weil es anderen verloren ging. Einen wahren Nutzen zeigt unser Strandgut nur, wenn wir ihn erkennen wollen. Dieses Buch hilft uns dabei.

Das Meer und das Wasser bei AstroLibrium. Dies ist mein Strandgut, das ich mehr als gerne mit euch teilen möchte: Es sind die Bücher, die ich fand.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Ich habe die Suche niemals aufgegeben, und vielleicht schreibe ich mit 80 Jahren mein erstes Buch. Träumen wird man ja wohl noch dürfen. Das ist der Jonas in mir.

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SEESUCHT von Marlies van der Wel

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Ihr sucht ein ganz besonderes Buch zum gemeinsamen Lesen und Entdecken? Ihr möchtet Schulkindern und Jugendlichen neue Einblicke in unsere Welt vermitteln? Ihr sucht nach einem Kinder- und Jugendbuch, das es so bisher noch nicht gegeben hat? Weder für junge Menschen, noch für den geneigten erwachsenen Leser? Es ist gar nicht so einfach, in der heutigen Zeit ein Buch für gemeinsame Entdeckungsreisen zu finden, von dem man sich versprechen darf, dass es Horizonte öffnet und Einblicke gewährt, die bisher im Verborgenen lagen. Vielleicht macht euch mein Gedankenspiel zu diesem, gerade zu einem der Besten bayerischen Jugendbücher unabhängiger Verlage des Jahres gewählten Werk ein wenig neugierig. Vielleicht könnte das ja auch euer Einstieg in den reichhaltig bebilderten und grandios erzählten Kosmos von Nette Skelette. Röntgenbilder von Tieren und Pfanzen aus dem Mixtvision Verlag sein.

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Ich denke, jedes Kind hat schon mal ein Röntgenbild gesehen. Vielleicht sogar das Röntgenbild eines eigenen Körperteils. Vom verstauchten Knöchel bis zur gebrochenen Hand, es gibt wohl zahllose Möglichkeiten, schon im jüngsten Lebensalter die Radiologie einer Klinik von innen zu sehen. Wie groß ist das Stauen, seine eigenen Fingerknochen auf dem Foto betrachten zu können. Wie seltsam fühlt es sich an, sich selbst einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Und wie viele Fragen sprudeln heraus, wenn die jungen Forscher*Innen herausfinden wollen, was man da so alles erkennen kann. In unserer modernen Welt gehören Röntgenaufnahmen zum Alltag. Könnt ihr euch an das erste Röntgenbild erinnern, das ihr betrachten durftet? Ein magischer Moment. Oder?

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Wie lustig ist der Gedanke, im Krankenhaus darauf zu warten, bis man selbst an die Reihe kommt, und dann die Durchsage zu hören: „Der Laubfrosch bitte in Kabine 1.“ Was? Wie? Ein kleiner Frosch beim Röntgen? Was soll denn das? Und, wenn man sich mit diesem Gedanken angefreundet hat und sich im Wartezimmer umschaut, sieht man dort Krokodile, Igel, Eichhörnchen, Seepferdchen, Fasane und Tausendfüßler, die alle auf ihren Röntgentermin warten. Geht natürlich nicht. (Tiere sind doch gar nicht krankenversichert und können sich diese Aufnahmen überhaupt nicht leisten). Was im echten Krankenhaus natürlich nicht an der Tagesordnung ist (außer in ganz speziellen Tierkliniken) hat sich der Röntgenexperte Arie van´t Riet zur Aufgabe gemacht. Nicht nur Menschen zu durchleuchten, sondern auch das Innenleben ganz besonderer Tiere zu zeigen, um uns mit Skeletten zu konfrontieren, die alles andere als gruselig sind.

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Jetzt ist unser Medizinphysiker Arie van´t Riet natürlich der Fachmann für den Teil des Buches, der die einzigartigen Röntgenaufnahmen von Tieren zeigt. Was jedoch das Buch Nette Skelette ebenso besonders macht, sind die Texte von Jan Paul Schutten, der die radiologische Expertise um die fantasievolle Perspektive eines versierten Autors von über 40 Kinder- und Jugendbüchern bereichert. Diesem Dreamteam ist ein absolut brillanter Ausflug in eine geheime Welt gelungen, der den Bogen von der Wissenschaft zur Unterhaltung spannt und uns, dem Buch angemessen, großformatig zu überzeugen weiß. Nie zuvor gesehene Fotos gehen hier Hand in Hand mit Texten, die nur entstehen konnten, weil die Bilder sie belegen oder inspirierten. Wie sonst sollte man auf die Idee kommen, dass Hummeln eine Wespentaille haben, warum im Cockpit einer Libelle nur wenig Platz für ein Gehirn ist, oder warum sich unter manchem Eulengefieder nur eine ranke und schlanke Käuzchengestalt verbirgt. Spielerisches Lernen und feiner Wortwitz machen aus diesem Buch ein Erlebnis, das weit entfernt von einer Schulstunde nur den Spaß an der Wissenschaft vermittelt.

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Die Mischung aus lehrreichen Einsichten und lockeren Texten, die doch Tiefgang haben, entwickelt einen Sog, dem man sich gar nicht mehr entziehen kann. Selten hat man in einem unterhaltenden Sachbuch so viele neue Eindrücke zu verarbeiten und ist so gebannt von den Wundern der Natur. Diese Röntgenaufnahmen haben den Charme von echten Kunstwerken und kommen der Natur damit sehr nah. Schöpfung ist Kunst. Es gilt sie zu bewahren, zu respektieren und zu bewahren. Vielfältige Botschaften sind in diesem Gesamtkunstwerk zu finden. Vielleicht ändert sich unser Blick auf die kleinen Lebewesen in unserem Umfeld. Vielleicht gelingt es das Bild der Supermaus dauerhaft in uns zu verankern. Das Kleine ist hier ganz groß und ganz nebenbei finden sich hier Aufnahmen von Pflanzen, die ihresgleichen suchen. Botaniker haben ihre helle Freude. Gemeinsame Lesezeit wie diese ist nicht leicht zu finden. Sie ist wertvoll und intensiver als man es sich vorstellen kann.

Ich kann nur empfehlen, diesen Röntgenblick auf die Natur zu einem wichtigen Teil der gemeinsamen Bibliothek werden zu lassen. Hier sieht man Tiere, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat. Das ist kein knochentrockener Lehrstoff. Das ist das Gerüst für eine neue Sicht auf die Welt, auch wenn es manchmal aus Gräten besteht.

Nette Skelette - Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen - Astrolibrium

Nette Skelette – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Ein Tipp zum Schluss: Nette Skelette mit Kindern zu genießen ist recht einfach: Haltet einfach die Namen der Tiere verdeckt und lasst die Kids raten, welches Tier hier wohl ohne Fell oder Federn durchleuchtet wurde, oder zeigt den Kids einfach das Foto eines Froschs, Seepferdchens, Fisches (natürlich im angezogenen Zustand) und lasst es dann ein Skelett des Tiers zeichnen. Der Vergleich ist sicherlich amüsant. Wer sich dann noch weiter vorwagen möchte, kann sich Tiere auswählen, die im Buch nicht zur erlauchten Auswahl gehören. Kleiner Tipp… Dinosaurier-Skelette beherrschen unsere Mini-Forscher*Innen blind aus dem Effeff.

Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Stell Dir vor, Du musst in Quarantäne und hast keine Bilderbücher zur Hand. Gar nicht schlimm, sollte man meinen! Besonders, wenn die eigenen Kids schon erwachsen sind und Du gar nicht mehr in die Verlegenheit kommst, Dich zum gemeinsamen Lesen mit ihnen zu verabreden. Weit gefehlt. Eine Feststellung, die ich in den letzten Wochen als Literaturblogger gemacht habe. Denn ich habe sie zur Hand. Die illustrierten Bücher für Lesende jeder Altersstufe. Bilderbücher haben einen großen Stellenwert in meinem Leben. Sie sind die Türöffner für ein belesenes Leben, Schlüssel für Schlüsselmomente des gemeinsamen Erlebens und formbare Container für einen Wertevorrat, den man an seinen Nachwuchs weitergeben möchte. Moral-Kapital-Anlagen im allerbesten Sinn.

Gerade jetzt, gerage hier und gerade in schwierigen Zeiten gehören Bilderbücher in jede gut geführte private Bibliothek. Corona-Krise, Viren, Ausgangsbeschränkung, Lockdown, COVID19, geschlossene KiTas und Buchhandlungen. Das sind Schlagworte dieser Tage. Ein Horrorszenario für Eltern, die nun jede Rolle spielen müssen. Nicht nur Freunde und Freundinnen ihrer Kinder sind zu ersetzen, nicht nur Erzieher müssen im privaten Betreuungsprogramm kompensiert werden. Nein, nun ist man plötzlich sogar noch der uneingeschränkt zuständige Unterhaltungsdirektor der eigenen Familie. Wenn man nicht nur auf das Fernsehgerät oder das Internet bauen will und den gemeinsamen Spielen weitere inhaltsvolle Reize beisteuern möchte, ist man gut beraten, Bilderbücher in unmittelbarer Reichweite zu haben.

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Tja, und als LiteraturBlogger und Vater erwachsener „Kinder“ kann man aus dem Vollen schöpfen und in kleinen verschworenen Gruppen (WhatsApp) in kleinen Videos Bilderbücher für die Kinder der Mitarbeiter und Kollegen vorlesen. Einerseits kann das eine ganz kleine Entlastung für die Eltern sein, und andererseits ist es eine Möglichkeit, die Rezensions-Exemplare meiner Bilderbuch-Verlage einem Stresstest zu unterziehen. Halten sie, was sie versprechen? Wie kommen sie bei der Zielgruppe an und schaffen sie es, nicht nur für einen kurzen oberflächlichen Moment zu unterhalten, sondern sind sie in der Lage, Impulse zu geben, die vielleicht sogar prägend sein können. So sah sie aus, meine Ausgangslage, als ich mich vom Rezensieren entfernte und plötzlich vor der Kamera saß und Bilderbücher zum Besten gab.

Die Reaktionen auf die Bilder und Geschichten kamen sofort. Sie kamen spontan, ungefiltert und von Grund auf ehrlich. Und so sitze ich nun hier und stelle euch eins dieser „getesteten“ Bilderbücher in der kleinen literarischen Sternwarte vor. Der Stein und das Meer“ aus den kunstvollen Federn von Alexandra Helmig (Text) und Stefanie Harjes (Illustration) ist eine der aktuellen Neuerscheinungen aus dem Hause Mixtvision Verlag, den ich noch im März in München besucht hatte. Hier sprang mir das Buch ins Auge, hier konnte ich nicht widerstehen und nun sollte sich zeigen, ob sich mein Gefühl bestätigen würde, oder nicht. Ja, zugegeben, die Ausgangslage war nicht einfach, aber der Verlag selbst zeigte auf seinem Instagram-Profil, wie kreativ man mit der besonders schwierigen Situation umgehen kann. Das war und ist großes Bilderbuch-Kino…

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer ist eine Bilderbuchgeschichte über Sehnsucht, Zeit und Vergänglichkeit. Wir lernen „Sören„, einen kleinen grünen Stein, kennen. Seit ewigen Zeiten ist er auf einem Felsen im Meer gefangen. Er sehnt sich danach, endlich frei zu sein. Er möchte sehen, woher die Dinge kommen, die er täglich auf dem Wasser sieht. Neugier treibt ihn an und doch ist er einfach nur ein Stein. Passiv. Bis ihn ein Sturm in die Fluten wirft und er endlich ganz nah am Strand zur Ruhe kommt. Die Zeit geht nicht spurlos an ihm vorüber. Die Brandung lässt ihn kleiner werden. Die Flut scheint ihn im Lauf der Zeit immer weiter aufzureiben. Viele Menschen ziehen wie Silhouetten an ihm vorüber. Bis er von einem kleinen Mädchen gefunden wird, das „Sören“ gerne mit nach Hause nehmen würde. Ihre Mutter erklärt ihr, was ein wahrer Glücksstein ist und bringt das Mädchen zum Grübeln. Sollte man „Sören“ mitnehmen oder ihn am Strand lassen? Keine leichte Entscheidung und doch eine, die prägend für ein ganzes Leben ist.

Diese Geschichte regt die Fantasie an. Haben Dinge eine Seele? Was ist Zeit? Darf man einfach alles mitnehmen was man findet und darüber bestimmen? Bringt es Glück, seine Heimat zu verlassen und warum wird der Stein in der Brandung immer kleiner? In vielen Facetten bieten sich Anknüpfpunkte für ein gemeinsames Lesen und Leben. Wir erkennen schnell, dass manche Reise genau dort endet, wo sie mal begonnen hat. Und doch war es das Abenteuer wert. Sind wir selbst wie Steine im Strom der Zeit? Und was würden wir gerne sehen und entdecken, wenn wir frei wären. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dies verdeutlichen auch die Bilder, die den sehnsuchtvoll poetischen Ton des Textes umfließen und die Geschichte zu einem lebendigen Wimmelbild werden lassen.

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Der Stein und das Meer

Ich habe versucht, beim Vorlesen einen zusätzlichen Impuls zu setzen. Die Eltern hatten im Vorfeld kleine grüne Steine vorbereitet, die am Ende der Geschichte zufällig vor den Kindern lagen. Nun sollten sie entscheiden, ob man sie behält oder ihnen ihre Freiheit zurückgibt. Die Reaktionen zeigten, dass „Der Stein und das Meer“ nicht nur ein einfaches Bilderbuch ohne Botschaft ist. Einige Kinder wollten sich nicht von ihrem „Sören“ trennen, da der Stein plötzlich eine eigene Persönlichkeit und eine Geschichte hatte. Andere nahmen ihn mit zu einem Spaziergang und suchten sichere Plätze, weil ein Glücksstein ja nur dort Glück bringt, wo er gefunden werden möchte. Manchmal ist es einfach interessant, den Dingen seinen freien Lauf zu lassen. Kinder können Dinge nicht nur gut verlieren. Sie können Dinge finden und ihnen eine eigene Geschichte im Leben geben. Wie auch immer. „Der Stein und das Meer“ ist ein Bilderbuch mit einer Seele und einem intensiven Innenleben. Wir alle sind „Sören“ und sollten Erfahrungen machen dürfen, die uns auch mal aufreiben und erstmal kleiner werden lassen.

Wort und Bild gehen im Bilderbuch „Der Stein und das Meer“ Hand in Hand. Auch wenn sich die Illustrationen deutlich vom Stil vergleichbarer Geschichten unterscheiden, sind die Collagen und Suchbilder wesentlich für den Erfolg dieser Geschichte. Zeit wird sichtbar und ein Hauch von Surrealität lässt dem Denken in und zwischen den Zeilen der Geschichte viel Freiraum. Und wenn Kinder heute etwas ganz besonders brauchen, dann das: Freiraum und Freestyle im Denken. Versucht es mit eurem Sören

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Der Stein und das Meer

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