Es gibt Bücher, die man sich für ganz besondere Momente aufhebt. Bücher, die eine bestimmte Lebensphase beschreiben, die man besser nachvollziehen kann, wenn es so weit ist. „Kanalschwimmer“ von Ulrike Draesner ist ein solcher Roman, den ich mir sorgfältig weggelegt hatte, bis ich pensioniert wurde. Nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand zu gehen war für mich mit klaren Vorstellungen, Erwartungen und Träumen verbunden, die ich realisieren wollte. Keinen Gedanken wollte ich daran verschwenden, was wäre, wenn…! Wenn etwas dazwischenkäme, wenn jemand mit meinen Wünschen Schicksal spielen würde. Und doch gab es da dieses Buch, das mich warnte, mir nicht zu sicher zu sein. Es lauerte mir auf, bis ich dann im Juni nicht mehr zur Arbeit fahren musste und es endlich zur Hand nehmen konnte.
Ich wollte nicht hoffen, dass es mir so ergehen würde, wie Charles. Kurz vor dem Ruhestand teilt ihm seine Ehefrau Maude mit, dass sie künftig nichts mehr davon halte, ihr Leben nur noch mit ihm zu verbringen. Eine Menage à trois schwebt ihr nicht nur vor, ein gemeinsamer Freund aus längst vergangenen Zeiten überrascht den arglosen Bio-Chemiker kurz vor dem 62. Geburtstag mit seiner Anwesenheit. Mit Silas nicht nur das Haus, sondern auch noch für den Rest seiner Tage die Ehefrau teilen zu müssen, überfordert den in die Tage gekommen Wissenschaftler so sehr, dass ihm aus seiner Sicht keine andere Wahl bleibt, als sich in ein Flucht-Abenteuer zu stürzen, um seine Gedanken zu sortieren und das Gefühlschaos in den Griff zu bekommen.
Charles beschließt kurzerhand, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Als wahrer Brite darf man sich das nicht so vorstellen, dass man sich einfach so an die Kanalküste begibt, eine Badehose anzieht, ins Wasser steigt und mal eben die 36 Kilometer rüber bis an die französische Küste schwimmt. Nein. Eine solche Challenge unterliegt klaren Regeln und Vorgaben. Ganz Sportsmann unterzieht sich Charles einem Programm zur Vorbereitung auf die Strapaze. Hier geht es ebenso zu wie in einem Trainingslager für Extrem-Bergsteiger, die den Mount Everest besteigen wollen. Nur, dass man sich nicht von einem Sherpa nach Frankreich tragen lassen konnte. Genau die Herausforderung für einen Mann in der großen Lebens- und Beziehungskrise seines Lebens.
Seine Gedanken sind fokussiert. Er darf sich keinen einzigen Fehler erlauben. Das rettet ihn. Zumindest so lange, bis ihm das Wasser bis zum Halse steht. Hier mutiert die wässrige Challenge zum Jakobsweg eines Gepeinigten. Nur das Alleinsein ist ihm nicht vergönnt. Er hängt im wahrsten Sinne des Wortes an der Angel seines Piloten. Ein Bild, das sich festbrennt, denn wer die Angel, mit der ihm in regelmäßigen Abständen etwas zu Essen ins Wasser gereicht wird, berührt, ist raus. Ende des Versuchs. Gescheitert. Ulrike Draesner wählt eine starke Metapher, um den geplagten Geist des Betrogenen in der aufgewühlten Nordsee um sein Überleben schwimmen zu lassen. Hier ist das Meer ebenso feindlich, wie das eigene Zuhause, es ist unkalkulierbar, Wetteränderungen im Wasser sind ebenso lebensgefährlich, wie aufziehende Gewitter in der Beziehung. So beginnt die Challenge eines Lebens, die mich lesend immer wieder aus der Bahn warf und mich mit der Frage konfrontierte, wie ich denn selbst reagieren würde?
Der „Kanalschwimmer“ begibt sich auf eine paradoxe Odyssee, denn ganz anders als der griechische Held, der nach zwanzig Jahren im Trojanischen Krieg nach Hause kommt und seine Frau Penelope dort von vielen Verehrern belagert sieht, flieht Charles nach siebenunddreißig Ehejahren aus der belagerten eigenen Festung ohne zu ahnen, wo er ankommen wird. Während sich der geschundene Körper im Kanal nur noch auf das reine Funktionieren beschränkt, verweigert sein Gehirn das mechanische Fressen von Seemeilen und schwenkt in die Vergangenheit ab. Es sind existenzielle Fragen in den Augenblicken zwischen dem Ein- und Ausatmen, die ihn jetzt heimsuchen. Wann zerbrach seine Zukunft, wo entstanden die Risse und hätte er die Warnzeichen vorher bemerken müssen?
Ulrike Draesner hat einen verwundeten Protagonisten ins Wasser geschickt und mit jedem Schwimmzug nähert sie ihn der Erkenntnis an, dass er schon seit Anbeginn der Zeit damit hätte rechnen müssen, dass sich sein eigenes Fehlverhalten irgendwann rächen würde. Folgt dem Scheitern der Beziehung auch das Scheitern auf hoher See? Es ist nicht nur diese Frage, die mich durch diesen Roman getrieben hat. Der Autorin gelingt es an allen neuralgischen Punkten, ihrer Leserschaft die Fragen in die Herzen zu schreiben, die unseren „Kanalschwimmer“ umtreiben Sind wir schon an Punkten angelangt, die es unausweichlich machen, in naher Zukunft die Badehose anzuziehen? Fühlen wir uns in unseren Beziehungen zu sicher und sind wir am Ende angelangt, an dem wir nichts mehr in eine gemeinsame Zukunft investieren müssen? Und reichen wir unseren Lebenspartnern überhaupt noch aus, um deren Vision vom „Gemeinsam-Alt-Werden“ zu entsprechen?
Ich fand schnell meinen Zugang zum Inhalt dieser Geschichte, weil ich sie für mich als Frühwarnsystem verstehen wollte. Etwas länger hat es gedauert, den Schreibstil zu erfassen, weil Ulrike Draesner eine Erzählweise präferiert, die nicht für das schnelle und vielleicht ab und an oberflächliche Lesen geeignet scheint. Sie fordert den aktiven Lesenden und belohnt uns mit Wortgebilden und Satzwunderwerken, die man oft auch mehrfach lesen muss, um ihnen auf den Grund zu gehen. Der „Kanalschwimmer“ ist kein Roman von der literarischen Stange. Er gehört zur Haute Couture seines Fachs. Wenn eine Schriftstellerin schreibt, wie sie schreibt und uns gefesselt ins Wasser der Nordsee wirft, dann kann man auch davon ausgehen, dass wir am Ende des Romans nicht mit einem Konfektions-Ende aus dem Wasser steigen, uns abtrocknen und ganz beruhigt den Heimweg antreten.
Ich habe mein Ende in dieser Geschichte gefunden und bin sehr beruhigt zu wissen, dass andere Lesende dieses Ende anders empfinden. Ein Roman wie ein Bausatz, der aus den Bausteinen eines Lebens besteht, das nicht nur ein einziges Leben ist. Daran sollten wir auch nach dem Lesen denken, wenn wir uns in einer intakten Partnerschaft wähnen. Wir sind nie allein. Wir gehen die Wege gemeinsam und wenn wir denjenigen aus den Augen verlieren, mit dem wir aufgebrochen sind, dann trifft uns die Erkenntnis viel zu spät. Vielleicht auf dem Wasser. Vielleicht auf den Bergen. Vielleicht auf einem Weg, den es zu erwandern gilt. Die Liebe ist die eigentliche Challenge, der wir uns an jedem Tag zu stellen haben. Ich wäre nicht ins Wasser gegangen. Ich hätte die Angel nach meiner Seelenverwandten ausgeworfen und die Challenge gewagt, sie davon zu überzeugen, dass ein Leben zu zweit jedes Extremerlebnis aufwiegt.
Der „Kanalschwimmer“ ist kein „Seepferdchen“ für Beziehungen. Rettungsboote sucht man vergeblich. Der Sprung ins kalte literarische Wasser lohnt sich.
Weitere mare-Titel in der Bibliothek der kleinen literarischen Sternwarte…































