Update 06. Oktober 2022 – Literaturnobelpreis für Annie Ernaux
Die Begründung des Nobelpreiskomitees: Sie bekomme den Preis für „ihren Mut und ihre klinische Scharfsinnigkeit, mit der sie die Wurzeln, Entfremdung und die kollektiven Zwänge persönlicher Erinnerungen aufdeckt.“
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Man kommt an den Werken von Annie Ernaux nicht vorbei. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es gibt für mich nur eine Autorin, die in der Rückschau auf ihr eigenes Leben so schonungslos ehrlich mit sich selbst, ihren Träumen und Lieben, ihren Vorurteilen, ihrer Scham, ihrem Selbstmitleid, mit Missbrauch und Enttäuschung umgeht und sich dabei einer literarischen Reflexion unterzieht, die beispiellos ist. Annie Ernaux scheint sich durch ihr Schreiben zu befreien, von den Fesseln ihrer Geschichte zu lösen, um letztlich im endlosen Meer ihrer Kreativität so schwimmen zu können, wie es ihr ohne die Analyse ihrer Vergangenheit nicht möglich wäre. Sie scheut vor nichts zurück. Sie wagt jeden Blick hinter die Kulissen, lässt keinen Stein auf dem Anderen.
Ich folgte Annie Ernaux hörend durch die „Erinnnerung eines Mädchens“ und war an ihrer Seite, als „Die Jahre„ vergingen. Ich beschloss diesmal, nicht die Bücher zu lesen, sondern ausschließlich den Lesungen und Hörspielen von Der Audio Verlag die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wurde belohnt mit intensiver Nähe, aufrichtigen Gefühlen und einer unfassbaren Stimmgewalt, die mich auf dieser Reise fesselten. Ich weiß nicht genau, ob die Bücher eine vergleichbare Wirkung in mir erzielt hätten. Hier jedoch hatte ich das unmittelbare Gefühl, Annie Ernaux zuhören zu dürfen, mit ihr im gleichen Raum zu sein und quasi aus erster Hand in ihr Leben entführt zu werden. Es ist zutiefst intim, was sie erzählt. Es ist nur für meine Ohren bestimmt. Ein exklusiveres Hörerlebnis kann man sich kaum vorstellen. Es sind Kindheitserlebnisse, Erinnerungen an das problematische Elternhaus und Emotionsmuster ihres späteren Weges, die sie mir in diesen Stunden anvertraut hat, die ich wie einen ganz persönlichen Schatz hüte. Jede Rezension fühlt sich an, wie eine Indiskretion. So tief hörte ich nie zuvor.
Auch diese Worte kommen mir wie ein Verrat an einer Schriftstellerin vor, die mir in in den letzten Stunden von ihrem Vater erzählte. Von dem Menschen, der sie prägte und zu dem sie ein so ambivalentes Verhältnis hatte, dass sie es nach seinem Tod nur kaum für sich behalten konnte. Doch wie schreibt man über seinen Vater? Wie nähert man sich einem Menschen an, den man bisher nur aus einer sehr emotionalen Distanz mit dem eigenen Leben verbunden sehen wollte? Wie schreibt man über eine Figur im eigenen Leben, von der man sich immer befreien wollte, ohne sie jetzt zu verraten? Ein Roman war ungeeignet. Das stand schnell fest für Annie Ernaux. So entstand eine sehr kritische und doch emotionale Auseinandersetzung mit ihrem Vater, die jetzt unter dem Titel „Der Platz“ als Hörspiel ihren Weg in die kleine literarische Sternwarte fand.
Annie Ernaux war 27 Jahre alt, als ihr Vater 1967 starb, wartete auf ihre erste Stelle als Lehrerin und fühlte sich an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt, an dem sie über ihr Verhältnis zum eigenen Vater und nicht zuletzt auch über sich selbst schreiben wollte. Schnell spürt man die distanzierte Liebe und die zärtliche Distanz, die sie für ihn empfand. Aber da ist viel mehr. Eine schier unüberbrückbare Klassendistanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, lässt aufhorchen und mich als Zuhörer, gerade weil ich selbst Vater bin, deutlich zurückschrecken. Will man als Vater nicht unbedingt, dass es der eigenen Tochter später einmal besser geht? Will man nicht alles geben, um seinen Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen, den man selbst nicht geschafft hatte? Es packt mich in den tiefsten Gefühlsebenen, bei Annie Ernaux eine intensive Scham zu fühlen, die mit der Existenz des Vaters verbunden ist.
Er, der kleine Krämer, dem es mit dem kleinen Laden gerade mal eben gelang, seine Familie zu ernähren, findet im späteren Leben der eigenen Tochter keinen Platz. Ihre Bildung, die er ihr ermöglicht, entfernt sie immer weiter vom proletarischen Elternhaus. Die gemeinsame Sprache geht verloren. Ihre theoretisch ausgerichtete Welt geht auf Kollision zum Lebensentwurf der Eltern. Sie beginnt, sich für die komplexe Schlichtheit des Vaters zu schämen. Besuche mit Kommilitonen geraten für sie zum Fiasko. Sie ist kaum in der Lage, ihren Freundinnen zu vermitteln, dass dies das Elternhaus ist, aus dem sie stammt und dessen Werte sie eigentlich schätzen sollte. Ihr Vater entspricht seiner Tochter nicht mehr. Ein Riss geht durch das Verhältnis, das schon zuvor nicht gerade durch innige Liebe gekennzeichnet war.
Ist es Verrat am eigenen Vater, so zu schreiben? Ist es das Bildungsbürgertum, das sich hier an seinen Wurzeln vergeht oder ist es eher eine Abrechnung mit den eigenen Gefühlen, die wir hier erleben? Ich war sehr verunsichert, bis ich in den Untertönen des Erzählten deutliche Spuren von schlechtem Gewissen erkannte. Nein, Annie Ernaux ist weit davon entfernt, ihrem Vater dessen Herkunft und die fehlende Bildung zur Last zu legen. Sie zeigt nur beeindruckend auf, wo es hinführen kann, wenn man sich aus der heimischen Schlichtheit erhebt und zum Freiflug ansetzt. Wenn das eigene Elternhaus zur Last wird, ist es kaum möglich, das eigene Leben als Höhenflug zu erleben. Dieses Dilemma tobt in Annie und so verstehe ich diese Aufarbeitung als den Versuch, ihrem Vater wieder einen Platz im Leben einzuräumen. „Der Platz“, den sie ihm genommen hatte.
Ich musste das Hörspiel oft unterbrechen, weil immer wieder Fragen auftauchten, die mich intensiv beschäftigten. Was, wenn meine eigene Tochter in einigen Jahren so über mich schreiben würde? Was, wenn sie sich später einmal von mir distanziert, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie gerne vom eigenen Vater hätte? Was, wenn ich mir vorstelle, sie würde sich für das hier Erlebte schämen? Und was, wenn ich nur eine Sekunde daran denke, dass all dies schon jetzt unausgesprochen zwischen uns stehen würde? Dieses Hörspiel kann verstören. Es kann aber auch dazu führen, dass man im Hier und Jetzt gemeinsame Worte findet, die diese Schranken einreißen, bevor sie uns um die Ohren fliegen. Nie zuvor empfand ich ein Hörspiel als größere Chance, sich in seiner paradoxen Vatersicht „sie soll es ja mal besser haben“ zu hinterfragen.
Annie Ernaux lebte im Gefühl, ihr Erbe auf dem steinigen Weg in ein bürgerliches Leben zurücklassen zu müssen. Der Bourgeoisie war ihre Herkunft zu schlicht. Vater Ernaux war zu schlicht. Scham begleitete sie in ihr Leben als Lehrerin und Intellektuelle. „Der Platz“ ihres Vaters ging verloren. Damit auch ihr eigener. Mit dieser Aufarbeitung hat sie beides zurückerobert und ihrem Vater auf dem schlichten Grab ein Denkmal in aller Würde und Zerrissenheit errichtet. Das Hörspiel bietet einen emotionalen Zugang zu dieser facettenreichen Denk- und Sichtweise. Es wird jener Intention der Autorin in besonderer Weise gerecht, ihre eigenen Gefühle auf den Prüfstand zu stellen. Es ist atmosphärisch, was uns im Hörspiel erwartet. Es sind rhythmische Klangmuster, die in den Vordergrund treten, wenn das Denken Luft holt. Es sind Echo-Effekte, wenn das Leben von einst sich Raum verschafft und den „Platz“ zurückgewinnt, den es verloren hat.
Und es ist die Stimme von Stephanie Eidt, die so sehr Annie Ernaux ist, wie man nur Ernaux sein kann. Sie liest nicht. Sie lebt. Sie zaudert, zweifelt, hinterfragt, erlebt und durchlebt. Sie wird emotional, wenn die Erinnerung zu schmerzhaft wird und erlöst sich selbst, wenn die Befreiung von alten Fesseln spürbar wird. Nicht sie hat den Kloß im Hals, wenn es schwer wird. Ihre Zuhörer spüren ihn mit zunehmender Dauer. Wenn dann noch gefühlvolles Gitarrenzupfen das hier Erzählte untermalt, treten Tränen in die Augen. Wenn sie im Namen von Annie Ernaux über die Rolle eines Vaters spricht, ist Ende mit Vernunft und Zurückhaltung. Dann verliert man die Distanz. Der Erzählraum weitet sich und „Der Platz“ wird zur Vision dessen, was man selbst vererben möchte.
Dem Platzverweis im Leben folgt der Freispruch am grünen Tisch der Literatur.
„Er fuhr mich auf dem Fahrrad zur Schule. Ein Fährmann zwischen zwei Ufern. Bei Sonne und Regen. Vielleicht sein großer Stolz, sogar sein Lebenszweck, dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn nur herabgeblickt hatte.“
Was, frage ich mich, kann eine Tochter schöneres über ihren Vater sagen? Dank an Annie Ernaux, danke, Stephanie Eidt. (Ein Vater) Jetzt werde ich Ernaux lesen. Es geht weiter mit „Die Scham„. Ich komme nicht los.
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