Der Grolltroll – Alarmstufe BLAU

Der Grolltroll - Alarmstufe BLAU - Astrolibrium

Der Grolltroll – Alarmstufe BLAU

Alarmstufe BLAU

Das ist zum AUS-DER-HAUT-FAHREN. Da schreibst du eine wichtige Rezension und willst nur ganz kurz auf Speichern drücken. Und dann – das. Ich dreh´ durch. Ich flippe aus. Systemabsturz, Ganz kurz kein Internet. Speichern abgebrochen. Keine Spur vom wundervollen Text. Alles hin. Weg ins Nirwana. Verschwunden im Walhall der umsonst verfassten Satzgeflechte. Ich platz` gleich weg. Die Maus muss zuerst dran glauben. In einer fließenden Bewegung verabschiedet sie sich mit Schwung Richtung Wohnzimmer und mutiert zur Fledermaus. Nur Fliegen ist schöner. Ein erster Fluch hallt durch meine kleine literarische Sternwarte und der rechte Fuß nimmt das heftige Stakkato einer echt heftigen Stampfattacke auf. Ich brauche erstmal einen Kaffee, um den ganzen Frust zu verdauen. Innerlich vor Wut bebend begebe ich mich auf neutralen Boden, wo niemand etwas von meinem Blogger-Armageddon ahnt.

Die Kaffeemaschine schaut mich ganz harmlos an, bevor sie eine Fehlermeldung anzeigt, die mir klar zu verstehen gibt, dass nur der Ingenieurs-Service des Herstellers in der Lage sein wird, den Schaden in den nächsten 14 Tagen zu beheben. Der Orkan, der in mir tobt, entwickelt sich zum überregionalen Krisengebiet. Als meine Frau in aller Seelenruhe und bestens gelaunt fragt, ob ich Probleme habe (wobei sie genüsslich am wohl letzten Kaffee aus der Schrottmaschine nippt), implodiert mein Sicherungskasten. Müsste sie doch gemerkt haben. Sollte mich jetzt nicht ansprechen. Ich koche innerlich und bin so unkalkulierbar, wie ein Vulkan, der seit Hunderten von Jahren nur ganz leise vor sich hin geköchelt hat. Die Eruptionen jedoch spüre nur ich. Ich schmolle. Gänzlich unverstanden vom Rest der Welt. Das Gesicht zur Faust geballt, die Stirn gekräuselt, in mich hineinbrummend verschwinde ich zurück an den Computer (der so tut, als sei nie etwas passiert).

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Das ist wieder so ein Tag, an dem alles schiefläuft. Was dann passiert, bringt mich völlig aus dem „Ich-geh-gleich-in-die Luft-Konzept“. Da steht sie fröhlich neben mir und lacht mich an, legt ein großformatiges Bilderbuch auf meinen Schreibtisch und sagt nur „Ihr seid euch so herrlich ähnlich, wenn es mal wieder nicht so läuft, wie es soll!“ Meine Tochter, die angehende Erzieherin, die sich in der letzten Zeit mehr als intensiv mit dem Thema Medienrelevanz und Medienauswahl für Kindergärten beschäftigt, hat also echt vor, ihren alten Herrn zu therapieren. Und womit? Mit einem Bilderbuch! Geht ja gar nicht, denke ich mir und muss doch innerlich schmunzeln, als ich sehe, welches Buch sie mir da hingelegt hat. Der Kerl auf dem Cover ist zwar blau und hat ein wenig längere Eckzähne als ich, beim Blick in den Spiegel jedoch würde ich feststellen, dass wir uns gerade jetzt wirklich gleichen, wie ein geplatztes Ei dem anderen.

Der Grolltroll“ liegt vor mir und schon der erste vorsichtige Blick ins Buch lässt mich auflachen. Echt jetzt. Als hätte man meine letzten aufbrausenden Minuten skizziert und in diese Geschichte hineingezaubert. Dem blauen Monster will auch nichts gelingen, es hat einen echt gebrauchten Tag erwischt, was uns ungemein verbindet. Seine Reaktion ähnelt der meinen. Wut und Groll bahnen sich ihren Weg und treffen zuerst diejenigen, die gar nichts mit seinen Problemen zu tun haben. Logisch, dass alle Reißaus nehmen und den Grolltroll seinem tristen Schicksal überlassen. Er hat sie vergrault. Ja, denke ich mir. Das ist ein grandioses Buch für Kindergartenkinder. Sie verstehen schnell das Zusammenspiel zwischen Misserfolg und innerem Ärger. Sie erkennen sich selbst und müssen sich eingestehen, dass sie nur deshalb allein auf weiter Flur sind, weil der Groll in ihnen die anderen Kinder abschreckt und vertreibt.

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Fabelhaft gezeichnet. So liebevoll grollend hat man zuvor noch kein Monster gesehen. Ich bin fasziniert, was Autorin Barbara van den Speulhof, Illustrator Stephan Pricken und das Kreativteam/Kreativ-Duo Stephanie Maria Gerharz und Dr. Michael Gerharz unter ihrem Label aprilkind erschaffen haben. Wenn das nicht kindgerecht ist, weiß ich auch nicht weiter. Nur, so wie ich meine Tochter kenne, hat sie mir dieses Buch nicht in die Hände gegeben, damit ich darüber nachdenke, wie toll es für Kinder ist. Nein. Hier konfrontiert sie mich mit mir selbst und zeigt mir auf unglaublich sympathische Art und Weise, wie zeit- und alterslos dieses Bilderbuch ist. Ich muss sie gar nicht rufen, da sie die ganze Zeit in der Tür stand und mich lächelnd beobachtet hat. „Bei Dir macht es ja genauso schnell klick, wie bei den Kindern“, sagt sie nur und setzt sich neben mich.

Dann zieht sie ein Plüschtier hinter ihrem Rücken hervor, das mich umhaut. Es ist der Grolltroll, wie er im Buche steht und nicht nur das. Er trägt das mürrische Gesicht zur Schau, das ihn so unverwechselbar macht. Mit nur einem kleinen Griff jedoch lässt sich die „Grollschnute“ nach unten ziehen und das zornige Monster verwandelt sich in einen kleinen sympathischen Freund, der zum gemeinsamen Kuscheln einlädt. „Bei Dir funktioniert das ja auch“, sagt sie mir ins Gesicht und wir müssen herzhaft lachen. Ich merke gerade, was für eine tolle zukünftige Erzieherin hier neben mir sitzt. Ich merke aber auch, dass die Themengebiete Medienauswahl und Medienrelevanz ganz eng mit meiner Blog-Leidenschaft verbunden sind. Empfehlungen gilt es hier wie dort zu finden. Angebote müssen mit Leben gefüllt werden und Empathie ist der Schlüssel zu allem.

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Inzwischen ist mir egal, an welchem Text ich vorhin noch schrieb. Diesen Worten nachzutrauern ist einfach falsch. Sie kommen wieder. Sie sind irgendwo im Kopf und in meiner Literaturseele verankert. Viel wichtiger ist es jedoch, genau jetzt diesen Artikel gemeinsam zu schreiben. Blogger und künftige Erzieherin in einem Boot. Den Grolltroll auf dem Schoß und eine Bilderbuchempfehlung im Gepäck, für die wir beide die Hände ins Feuer legen. Auch bei euch herrscht sicherlich ab und zu Alarmstufe BLAU und ihr steht kurz davor, in den eigenen vier Wänden zur UN-Friedenstruppe zu mutieren, um die Konflikte in den Griff zu bekommen. Dabei kommt mir der Gedanke, dass die Jungs und Mädels mit diesen besonderen Missionen nicht umsonst Blauhelme tragen. Ob im Hintergrund der Grolltroll die Blaupause für diese Deeskalationstruppen war? Könnte schon sein. Jedenfalls könnt ihr euch mit schon vier Büchern zur Ruhe bringen, wenn das Chaos im Krisenherd Kinderzimmer tobt. Der Grolltroll, Der Grolltroll grollt heut nicht!?, Der Grolltroll will Erster sein und jetzt auch zum friedlichen Weihnachtsfest frisch auf Buchmarkt: Der Grolltroll. Schöne Bescherung.

Das könnte es zumindest sein. Es ist ja Heiligabend und im kleinen Baumhaus sieht alles sehr festlich aus. An alles hat der Grolltroll gedacht, um mit seinen Freunden ein frohes Weihnachtsfest zu feiern. Das einzige Problem könnte eine latente Veranlagung des blauen Trolls zum Grollen sein. Da muss man schon auf der Hut sein, sonst fährt er aus der Haut. Aber alles scheint gut zu gehen. Von einer Schneeballschlacht, über das Backen bis zum gemeinsamen Aufräumen. Jeder hat sich im Griff, auch wenn manches nicht auf Anhieb gelingt. Doch ausgerechnet bei der Bescherung bricht sich das Grollen seine Bahn. Scheinbar grundlos scheinen alle plötzlich sehr enttäuscht zu sein. Ob man das Weihnachtsfest noch retten kann? Auch dieses Grolltroll-Buch erklärt uns, warum so mancher Zornesausbruch oft absolut unvermeidlich ist und wie man sich erfolgreich zur Wehr setzen kann. Wer also unter dem Tannenbaum befürchtet, die lieben Kleinen könnten außer Rand und Band geraten, sollte sich „Die schöne Bescherung“ ins Haus holen. Dann klappt`s auch mit dem friedlichen Weihnachtsfest. (Sogar bei den Großen.)

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Amanda Gorman – Der Flügelschlag eines Engels

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Amanda Gorman – Der Flügelschlag eines Engels

Es war ein kalter, grauer und glanzloser Tag, an dem der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Joe Biden, seinen Amtseid sprach. Es war Mittwoch, der 20. Januar 2021, an dem sich ein neues Amerika präsentierten wollte, um der Welt zu zeigen, dass die Amtszeit von Donald Trump nun auch formal beendet war. Wenige Tage nach der Erstürmung des Capitols durch enttäuschte Anhänger, und aufgewiegelt durch den umstrittenen Populisten, sollte dieser Tag deutliche Signale der Normalität im Umgang mit Menschen aller Hautfarben, jeder Religion und Herkunft aussenden, damit der Ruck des Neubeginns weltweit spürbar sein würde. Hoffnungen begleiteten den Tag und selten zuvor waren so viele Augen auf den neuen Präsidenten gerichtet. Selten im politischen Washington jedoch war die Szenerie einer Inauguration derart gespenstisch, weil die weltweite Corona-Pandemie statt Hunderttausender Zuschauer nur einen Wald aus schweigenden Fahnen als stumme Zeugen zuließ. 

Es war eine angespannte Atmosphäre, die alles dämpfte, was hier auf den entehrten Stufen des Repräsentantenhauses gesprochen wurde. Selbst die Rede von Joe Biden wollte nicht richtig zünden, selbst das demonstrative Fernbleiben des Vorgängers trug nicht zur Entspannung bei. Es fühlte sich trotz der erhofften Befreiung nicht an, wie der Befreiungsschlag, den diese geschundene Demokratie so dringend benötigte. Es fühlte sich nicht an, wie die Naht, die eine zerrissenen Nation zusammenführen, vereinen und verbinden konnte. Wo blieb das Signal an die Welt? Wo war der Paukenschlag? Hatten die „Make Amerika Great Again„-Ambitionen so viel zerstört? War die Unsicherheit so groß, dass selbst die neue Regierung sich noch nicht frei bewegen wollte. Ein Land in Fesseln. Dieses Gefühl drängte sich mir auf. Ich war sprachlos. Bis. Ja, bis eine junge Frau zuerst das Podium mit ihrer Präsenz und dann die Welt mit ihren Worten eroberte. 

Amanda Gorman - Der Flügelschlag eines Engels - Astrolibrium

Amanda Gorman – Der Flügelschlag eines Engels

Amanda Gorman.

Ich denke, niemand, der diesen Moment miterlebt hat, wird dieses Mädchen jemals vergessen können. Niemand, der auch nur ein leises Gefühl für historische Momente in sich trägt, wird leugnen können, dass hier etwas wahrhaftig Großes geschah. Die junge Dichterin Amanda Gorman erhob die Stimme und beschwor alle Geister, die wir schon verloren geglaubt hatten. „The Hill We Climb“ lautet der Titel des Gedichts, das sie mit Herz, Stimme, Mimik und Gestik vortrug. Ein Gedicht, das an Poetry Slam erinnerte, in sich sehr festlich, getragen und doch keine Spur pathetisch war. Auch, wenn man nicht fließend Englisch sprach, erschloss sich der Inhalt auf der Emotionsebene. Ein Gedicht, der leisen Zwischentöne, der Wortspiele und der grenzenlosen Hoffnung. Eine Frau, die sich den Strömungen des Zeitgeistes entgegenstellte und mit ihrer Zerbrechlichkeit eine Wand gegen Nationalismus, Unterdrückung und Hass vor dem Capitol errichtete. Nach der Amtseinführung von Präsident Biden war klar, wer hier die lebenswichtigen Akzente gesetzt hatte und es war auch klar, dass dieses Gedicht lange nachhallen würde.

Was dann jedoch geschah, war erschreckend für mich. Als es darum ging, den Text in die Welt zu tragen, die Zeilen zu übersetzen, sie nachhaltig auch jenen zugänglich zu machen, die keine Englisch-Native-Speaker waren, entbrannte ein Streit darüber, wer in aller Welt berufen sein könnte, und dürfte, diese Übersetzung zu wagen. Was? Ich war entsetzt. Es ging hier nicht um die Deutungshoheit der Zeilen. Es ging nur noch darum, dass weltweit jeder Übersetzer, jede Übersetzerin ein bestimmtes Profil erfüllen müsste, um sich des Gedichtes würdig zu erweisen. Es ging nicht darum, wer es am besten zu können versprach. Darf ein weißer Mann, dessen Leben nicht durch Ausgrenzung und Rassismus eingegrenzt wurde, es wagen, diesen Text zu übertragen? Ach bitte. Diese Frage ist ebenso obsolet, wie der Gedanke, ob ich es denn wagen dürfte, das Gedicht auf meinem Blog zu rezensieren. In dieser Diskussion ging der Inhalt dessen verloren, was uns Amanda Gorman so euphorisch zugerufen hatte. Wer die Zukunft bewältigen will, muss zuerst die Differenzen beseitigen. 

Amanda Gorman - Der Flügelschlag eines Engels - Astrolibrium

Amanda Gorman – Der Flügelschlag eines Engels

Also lassen wir doch mal die Kirche im Dorf und schauen uns die zweisprachige Ausgabe des Gedichtes vom Hoffmann und Campe Verlag an.

Da hat uns die charismatische Dichterin Amanda Gorman am Tag der Inauguration von Präsident Joe Biden berührt, bewegt, aufgerüttelt, zu Tränen gerührt und geflasht. Ihr Gedicht „The Hill We Climb“ hat Eruptionswellen losgetreten, die bis zu uns spürbar waren. Eine andere Welle war unbeabsichtigt. Wer darf dieses Gedicht übersetzen? Ein Streit der vieles überlagerte. Lasst das Capitol auf seinem Hügel. Das Übersetzerinnen-Team Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşai hat mehr als nur den Versuch gewagt, sich dieser Herausforderung zu stellen und sie zu meistern. Wer sich jemals mit einer Übersetzung eines Gedichtes aus einer anderen Sprache ins Deutsche beschäftigt hat, weiß wie schwierig es ist, ein solches Unterfangen zu bewältigen, ohne von der Kritik an die Wand genagelt zu werden. Versucht es doch einfach selbst mal mit den Poetry-Slams von Julia Engelmann. Was will ein Übersetzer erreichen? Will man sich zur Konkurrenz eines Künstlers erheben und auf der Bühne gar noch besser sein als das Original? Nein. Das ist nicht die Intention. Es geht um die Annäherung an einen Text. Es geht um ein besseres oder gar erstes Verständnis des Textes, um Zugang und das Einreißen sprachlicher Barrieren. Das ist dem Team der Übersetzerinnen gelungen. Ich verstehe ihre Übertragung des Gedichtes als Annäherung, nicht als Versuch, selbst damit die Bühnen der Welt zu erobern. Die Ehrfurcht vor dem Original lässt kaum einen anderen Schluss zu.:

Amanda Gorman zu übersetzen ist, als würde man den Flügelschlag eines Engels mit dem einer Taube synchronisieren. Man hört ihn vielleicht und fühlt sogar, wie der Aufwind entsteht, aber es fehlt die Magie des Unbegreiflichen, die diese Flugbewegung zu einem ikonischen Ereignis werden lässt. (Aber hört doch selbst zu…)

Und nun betritt das kleine dünne schwarze Mädchen, die Nachfahrin von Sklaven, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die Träumerin und sprachgewaltige Künstlerin, die nicht nur eine Nation bewegte, eine neue Bühne und lässt ihrem Gedicht ein Buch folgen, an dem man nicht vorbeikommt. CHANGE. Eine Hymne für alle Kinder“, so lautet der Titel eines Bilderbuches, zu dem Amanda Gorman den Text und Loren Long die farbenfrohen Illustrationen beigesteuert haben. Versetzen wir uns noch einen ganz kleinen Moment auf die Stufen des Capitols und denken an die junge Dichterin, die dort stand und dem Establishment der alten weißen Männer den Marsch blies. Dann gehen wir einen Schritt weiter und träumen davon, diese Botschaft von Gleichheit und Mut zur Veränderung wäre für Kinder greifbar. Seid Ihr noch bei mir? Denn jetzt sind wir genau da angekommen, wo uns die junge Künstlerin haben wollte. Jetzt können wir im Klang ihres Gedichts und im Wissen um ihre Hoffnungen mit unseren Kindern ein Bilderbuch öffnen, dessen Botschaft nicht einfacher klingen kann. Change. Jeder kann die Welt verändern. Egal, woher man kommt, wie alt man ist, wie reich die Eltern sind und wo man aufgewachsen ist. Man muss es nur tun.

So können wir The Hill We Climb und Change als literarisches Tandem sehen,  auf dem sich Groß und Klein gemeinsam in eine Welt ohne Vorurteile lesen. Im selben Tempo, in die richtige Richtung und im gemeinsamen Takt.

Dieses Buchtandem funktioniert, weil der Erwachsene am Lenker sitzt, das Gedicht vom Capitol als emotionales Navigationssystem in sich trägt und sich nun anschickt, mit dem eigenen Nachwuchs in die Zukunft zu fahren. Change, die Veränderung wiegt dabei nicht viel. Das Buchtandem nimmt an Fahrt auf und wer beiden Geschichten hilft sich zu entwickeln, wird später einmal feststellen, dass man die Rollen tauschen kann. Denn sehr bald werden unsere Kinder das Lenkrad übernehmen und dann kommt es darauf an, welchem inneren Kompass, welchem Navigationssystem sie folgen. Ich hätte mir auch für das Bilderbuch eine zweisprachige Ausgabe gewünscht, da ich die Originalfassung sehr liebe. Man findet den englischen Text im Internet. Versucht es einfach mal, ihn parallel zu lesen. Er ist magisch. Naja und spätestens, wenn eure Kinder mal wieder ein Fußballspiel sehen, vor dessen Beginn die Spieler niederknien, um ein Zeichen gegen Rassismus in die Welt zu schicken, dann greift zum Bilderbuch. Hier findet Amanda Gorman die richtigen Worte für eine große Geste.

„Ich summe mit Hunderten Herzen
und jeder von uns reicht eine Hand.
Ich nutze meinen Verstand, meine Stärken,
beuge ein Knie für den Widerstand.“

Oder in der Originalfassung:

„I hum with a hundret hearts,
Each of us lifting a hand.
I use my strengths and my smarts
Take an knee to make a stand.“ 

Wer auch hier die Übersetzerinnen-Diskussion führen möchte, dem lege ich nahe, sich meine Gedanken zur Intention des Übersetzens erneut zu Gemüte zu führen. Die beiden Übersetzerinnen von „CHANGE„, Joy Denalane (Musikerin und Soul-Sängerin) und Daniela Seel (Lyrikerin und Übersetzerin) haben eine kindgerechte Anverwandlung des Originals geschrieben, die dem gemeinsamen Verändern unserer Welt Tür und Tor öffnen kann. 

Und nun heißt es „Den Hügel hinauf„, „The Hill We Climb“ und „Change„…
Danke Amanda Gorman für die inspirierenden Flügelschläge.

Amanda Gorman - Der Flügelschlag eines Engels - Astrolibrium

Amanda Gorman – Der Flügelschlag eines Engels

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Khomeini – Der Revolutionär des Islams. Eine Biographie von Katajun Amirpur, erschienen im C.H. Beck Verlag, ist in der Kategorie Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als einer der drei Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man die Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Bücher in den Kategorien Belletristik und Sachbuch, den Bayern 2-Publikumspreis und unsere Rezensionen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Khomeini – Der Revolutionär des Islam von Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams von Katajun Amirpur

Es war keine Überraschung für mich, dass unter den diesjährigen nominierten Titeln für den Bayerischen Buchpreis auch ein Buch zu finden sein würde, das ich mir selbst niemals gekauft hätte. Meine Interessen sind weit gefächert, aber bei einigen Themen bin ich doch eher zurückhaltend, weil ich mich zu intensiv einlesen müsste, um meiner Meinung zum Buch mit Nachdruck Gehör zu verschaffen. Insofern ist „Khomeini“ aus der Feder von Katajun Amirpur ein echtes literarisches Brett, das als letztes Buch der Kategorie Sachbuch noch von mir gelesen werden wollte. Der Revolutionär des Islams ist mir natürlich aus den Nachrichten des Jahres 1979 bekannt. Ich war Schüler in der Oberstufe eines Gymnasiums in der Eifel und stand drei Jahre vor dem Abitur. Und ja, der schwarz gekleidete Führer der islamischen Revolution hatte Eindruck hinterlassen, war nur in Verbindung mit seinem Titel Ajatollah im Westen bekannt und errichtete im Iran die Islamische Republik. Für einen siebzehnjährigen Eifelaner war das weit weg. Und zumindest die Persönlichkeit und die Geschichte Khomeinis sollten dies für mich noch lange bleiben. Fern…

Und nun liegt eine Biographie vor mir, die sich in aller Ausschließlichkeit mit diesem charismatischen Religionsführer beschäftigt, der mir immer noch so fremd ist. Da mein Weg allerdings zu allen nominierten Werken für den Bayerischen Buchpreis führt, führt auch kein Weg an Katajun Amirpur vorbei. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Auftritt unseres GlockenbachWelle-Teams auf der Frankfurter Buchmesse 2021 den Weg zu diesem religionswissenschaftlichen Buch ebnen würde. Neben unserem Stand, zu dem wir vom Börsenverein des Buchhandels und der Bayerischen Staatskanzlei eingeladen wurden, war natürlich bei XPLR-Media in Bavaria auch der Bayerische Buchpreis ein  sehr relevantes Thema. Und wir erhielten als Buchpreisblogger für den Buchpreis vom Börsenverein Prokura, auch diesen Themenbereich am Stand zu vertreten, Interviews zu führen und die Bücher vorzustellen. Und so entdeckte ich am Messe-Freitag einen Leser, der in der BayBuch-Ecke Platz nahm und in „Khomeini“ versank. Und wer sich während einer Buchmesse mehr als eine Stunde nicht mehr von einem Buch trennen kann, der ist DER perfekte Ansprechpartner für einen Rat suchenden Blogger.

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

„Sie sind Islam-Spezialist, kennen sich bestimmt mit Khomeini aus und ich darf Sie etwas fragen.“ So begann der hoffnungsvolle Versuch, mit dem Leser in Kontakt zu kommen. Was dann geschah, hat mich nachhaltig beeindruckt. Nein, er sei sicher alles andere als ein Spezialist. Er habe das Buch nur in die Hand genommen, weil er Khomeini als Schüler in den Nachrichten gesehen habe und die düstere Gestalt nicht mehr so richtig vergessen konnte. Und dann. Ja, dann habe er angefangen zu lesen und nicht mehr gemerkt, wie die Zeit vergangen sei. Das Buch habe einen zu großen Sog entwickelt, um es beiseite zu legen. Jetzt müsse er aber wirklich mal weiter. Man könne ja nicht den ganzen Tag an einem einzigen Messestand verbringen. Das Buch werde er sich allerdings kaufen. Sprach es und verschwand. Was für eine Erlösung in seinen Worten zu finden war, kann man sich kaum vorstellen. Ich verlor jede Scheu, in diese Khomeini-Biographie einzusteigen und wurde unmittelbar nach der Buchmesse belohnt. Sollte der mir unbekannte Leser diese Zeilen finden, ich danke herzlichst für diesen Schlüssel zu einem besonderen Buch.

Katajun Amirpur hat wohl geahnt, dass ich dieses Buch eines Tages lesen würde. In der Struktur und in der inhaltlichen Vorgehensweise erkennt man sofort, dass sie nicht voraussetzt, dass man sich vorher intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, In ihrer Herangehensweise liegt das sympathische Wissen, dass der Lesende nicht alles wissen kann und letztlich nur deshalb zu diesem Buch greift. Ihre Ausflüge in die Tiefe der islamischen Religionswissenschaft gelingen so leichtfüßig, dass man jederzeit gut folgen kann. Dass Katajun Amirpur weit ausholen muss, um die Bedeutung Khomeinis für den Islam und die restliche Welt hervorzuheben wird schnell klar. Der Revolutionär hatte nicht nur das Land, in dem er die Macht übernahm revolutioniert, er hatte es mit seiner eigenen Religion nicht anders gehandhabt. Hier liegen extrem spannende und erhellende Momente des Lesens vor der interessierten Leserschaft. Die Unterschiede zwischen schiitischer und sunnitischer Perspektive auf die Nachfolgefrage religiöser Führer, die dabei zur Anwendung kommenden Rechtsgrundlagen und Interpretationen sind so greifbar beschrieben, dass man sich als Zuhörender in einer Koranschule fühlt, der unbefangen und frei lauschen darf.

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Untermauert werden diese religionstheoretischen Betrachtungen mit der Vita des Gelehrten und späteren Revolutionsführers. Katajun Amirpur kommt dem in schwarz gekleideten Mann und dem, bezogen auf seine Persönlichkeit unbeschriebenen, Blatt in vielerlei Hinsicht nah. Sie beschreibt nicht nur die familiären Wurzeln, jene Ausrichtung der Lehre die ihn prägte und die Geschichte seiner Exile im Ausland. Nein, es sind die tragischen Jahre der Herrschaft eines Schahs, die verdeutlichen, warum Khomeini sich seiner Heimat zuwenden musste, um die Islamische Republik ins Leben zu rufen. Hier muss man der Autorin aufmerksam in ihre intensiven Beschreibungen folgen, wenn sie der Armut des Landes die Verschwendungssucht des Herrschers gegenüberstellt. Was Khomeini allerdings selbst verursachte, nachdem der Despot vertrieben war, gehört in vollem Umfang zur Geschichte dieses Buches. Dass ausgerechnet eine Frau sich dem Mann so intensiv nähert, der jegliche Beteiligung von Frauen am islamischen öffentlich sichtbaren Leben unterdrückte, verdient Bewunderung. Sie beschreibt Automatismen und Auswüchse patriarchalischer Systeme im Gegenwind moderner Zeiten und im Unterschied zur Entwicklung westlich geprägter Frauenbilder. Das ist kraftvoll und hat Wucht.

Katajun Amirpur gelingt mit ihrem Buch, den Schleier des Islams zu lüften, den viele Frauen innerhalb dieser Religion niemals lüften dürfen. Sie nähert sich diesem heiklen Thema deutlich an und schließt Kreise des Verständnisses zu ihrer Sichtweise. Es ist auch die verborgene Welt der schönen Künste, die sie für uns eröffnet. Khomeini als Dichter und Poet, als modebewusster Träger eines schwarzen Kaftans. Grotesk mag das klingen, als grotesk beschreibt die Autorin dies jedoch nicht. Man mag den Islam besser verstehen, nachdem man dieses Buch gelesen hat. Man mag besser mitreden und diskutieren können, wenn es hier um religiöse und patriarchalische Stereotype geht, die Katajun Amirpur klar aufbricht und erläutert. Das bessere Verständnis führt auf jeden Fall dazu, dass der Dämonisierung des Anderen Grenzen gesetzt werden. Für mich bleibt jedoch der Eindruck jener Islamischen Republik, den ich im Roman von Amir Hassan Cheheltan gewonnen habe. „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ gehört zu den lesenswertesten Büchern im Niemandsland zwischen Schah und Khomeini. Es beschreibt das Ende des freien Lesens im Islam. Unvorstellbar für mich. Diese beiden Bücher gehen sicherlich in gewisser Weise Hand in Hand. Mutige Bücher. Beide. 

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

Ein Nachtrag: Bleibt zuletzt die Verwirrung, wie das Buch eigentlich richtig heißt. Hier findet man auf der Verlagsseite unterschiedliche Angaben auf dem Cover und im Textteil. „Islam“ oder „Islams“. Ich habe mich damit auf Instagram beschäftigt.

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Buchmesse

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse

Herzlich willkommen zu einer Sonderausgabe der GlockenbachWelle.

Auf Einladung des Börsenvereins des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei durften wir unser Herzensprojekt GlockenbachWelle während der gesamten Frankfurter Buchmesse an einem eigenen Stand bei XPLR-Media in Bavaria präsentieren. Unter der Überschrift „Die Zukunft des Lesens“ hatte man uns als bayerisches Kooperationsprojekt des Jahres identifiziert und die große Chance eingeräumt, unsere Podcast-Welle in die weite Welt zu tragen. Und nicht nur das. Als offizielle Bayerische-Buchpreis-Blogger erhielten wir Prokura, für das Event zu werben, Rede und Antwort zu den nominierten Büchern zu stehen und nominierten Autoren / Autorinnen auf den erwartungsvollen Zahn zu fühlen.

Wir haben an den fünf Messetagen im Schwerpunkt auf den Instagram-Accounts:

aber auch bei Facebook und Twitter Fotos und Videos gepostet, in denen wir Euch an unserem Buchmesse-Abenteuer teilhaben lassen wollten. Immer dem Lachen nach, so lautete unser Motto. Neben all diesen schnellen und doch ewigen Eindrücken waren wir den nominierten Autor:innen für den Bayerischen Buchpreis auf der Spur und haben zwei ausführliche Interviews geführt, die wir zu dieser Sonderausgabe vereint haben.

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse

Die sechste GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Buchmesse

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und zwei nominierte Autor:innen für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis im Gespräch für Literatur Radio Hörbahn

Der Ort: Die Frankfurter Buchmesse 2021 – Halle 3.1
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Jenny Erpenbeck und Ewald Arenz

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz.

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse

Nominiert für den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik: KAIROS. von Jenny Erpenbeck, erschienen im Penguin Verlag. 

Im Interview befragen wir die Autorin zu ihrer Sicht auf einen Buchpreis, der in einer öffentlichen Debatte vergeben wird, zu dem großen Preisthema „Die Rolle der Frau“ in den diesjährigen Literaturauszeichnungen, zu den Hintergründen ihres Romans und zu den Gemeinsamkeiten einer toxischen Beziehung und einem toxischen Regime.

In meiner Rezension schrieb ich zum Buch:

Schon im Prolog fällt dieser Roman aus der Zeit. Schon auf den ersten Seiten fühle ich, wie sehr sich Zeitbegriffe voneinander entfernen. Dieser Prolog zeigt Vergängliches und Ewiges, beides Bestimmungsgrößen für den Roman. Hier begegnen wir den letzten Ausläufern eines amourösen Hochdruckgebietes. Sturm zieht auf. Er fragt sie, ob sie zu seiner Beerdigung kommen würde. 

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse – Astrolibrium

Nominiert für den BR2-Publikumspreis des Bayerischen Buchpreises: Der große Sommer von Ewald Arenz, erschienen im Dumont Buchverlag

Im Interview begegnet uns ein Autor, der nur wenige Minuten zuvor den Preis der unabhängigen Buchhandlungen gewonnen hatte und freudestrahlend über das Buch, den Generationenkonflikt unter Autoren im Genre Coming-of-Age, Benedict Wells und dessen Roman „Hard Land„, über die Frage, nach welcher Region der große Sommer schmeckt und über eine stürmische Fahrt im Taxi von Würzburg nach Frankfurt erzählt. Im exklusiven Instagram-Video sieht man, auf welcher Welle der Autor zu uns kam.

In meiner Rezension schrieb ich:zu seinem Roman:

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? 

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Spitzenreiterinnen - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Spitzenreiterinnen

Eine besondere Erwähnung ohne eigenständige Tonspur im Podcast verdient der Verbrecher Verlag. Die Freude über die Nominierung von Jovana Reisinger mit ihrem Roman „Spitzenreiterinnen“ in der Kategorie Belletristik führte zu einem Gespräch am Stand des Bayerischen Buchpreises. Wir haben die entscheidenden Minuten in einem exklusiven Video auf Instagram festgehalten. Hier geht´s lang.

In meiner Rezension schrieb ich zum toxischen Klima in diesem Roman:

Das Klima ist vergiftet. Weltweit. Man muss nur einen Blick in die Zeitungen oder in den News-Feed von Internetplattformen werfen, schon stößt man auf die Opfer dieser Klimakatastrophe, die nachweislich vom Menschen verursacht ist. Das lässt sich nicht mehr leugnen. Es ist das brutale und extrem toxische Klima der Gewalt gegen Frauen, das seine Opfer ausschließlich auf einer Seite fordert. 

Die GlockenbachWelle - Astrolibrium

Die GlockenbachWelle

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
GlockenbachbuchhandlungNur Lesen ist schöner und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn
 oder besuchen Sie den Prestel Verlag

Genau jetzt sollten Sie in den Nominierungs-Podcast starten

Die Preisverleihung des Bayerischen Buchpreises findet am 11. November 2021 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz statt. Neben Bayern 2, das die Verleihung im Radio live überträgt und einem Audiostream in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks wird das Team der GlockenbachWelle auf allen Kanälen live in Bild, Ton und Video-Impression berichten. Kommt einfach mit. Wir sind dabei.

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt

Ein ganz persönlicher Nachtrag: Wir haben unseren Wellenreitern versprochen, dass wir sie so schnell nicht mehr aus den Herzen lassen. Wir hatten alle Bücher der Wellen mit in Frankfurt, die seit Jahresbeginn die Bücherwelt erobert haben. Wir haben sie am Stand und in den Gesprächen mit potenziellen neuen Wellenreitern thematisiert und im Mittelpunkt des Geschehens gehabt. Und mit zwei Wellenreitern konnten wir uns sogar live treffen. Es gibt kleine Glockenbach-Videos dazu  Danke an den Mixtvision Verlag und den Prestel Verlag, dass wir die zur Verfügung gestellten Bücher verlosen durften.

Hier geht´s zum Mixtvision-Bilderbuchwellen-Meeting und zum Prestel-Bildband-Revival mit großformatiger Blinddate-Auflösung. Jetzt sind die Kreise geschlossen.

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Ein von Schatten begrenzter Raum - Emine Sevgi Özdamar - Astrolibrium

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Ein von Schatten begrenzter Raumvon Emine Sevgi Özdamar, Suhrkamp Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle relevanten Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und die Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Update 11. November 2021: So sieht eine Siegerin aus!

Emine Sevgi Özdamar - Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises - Ein von Schatten begrenzter Raum

Emine Sevgi Özdamar – Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Ein von Schatten begrenzter Raum

Da liest man die Romane, die für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert sind und stellt fest, dass zumindest die Autorinnen Jovana Reisinger und Jenny Erpenbeck in ihren Werken schnell zum Kern ihrer Geschichte vordringen. Sie entwickeln, jede für sich, einen Sog, der die geneigte Leserschaft schon von Beginn an zu fesseln weiß. Es wundert daher nicht, dass sowohl die „Spitzenreiterinnen“ als auch „Kairos“ von einer Dynamik getragen werden, die den jeweiligen Erzählgegenständen Rechnung trägt. Als ich mich nun der dritten Nominierten im Bunde näherte, ahnte ich schon, dass aufgrund des Volumens von mehr als 750 Seiten absolut kein Grund zur Eile vorliegen würde. Ich irrte mich nicht. „Ein von Schatten begrenzter Raum“ von Emine Sevgi Özdamar ist das Schwergewicht unter den nominierten Werken und lässt die Konkurrenz recht dünn aussehen. Die „Spitzenreiterinnen“ begnügen sich mit 257 Seiten, „Kairos“ endet auf Seite 379. Hat Emine Sevgi Özdamar so viel zu erzählen? Wie erzählt sie es und kann ich der in Berlin lebenden Schriftstellerin und Schauspielerin mit türkischen Wurzeln in ihre Geschichte folgen? Ich war gespannt…

Es wird schnell klar, dass Emine Sevgi Özdamar aus dem Vollen schöpft. Aus dem vollen Fundus ihres eigenen Lebens, aus dem vollen Schatz ihrer Erfahrungen und aus den prachtvollen Requisiten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft hat. In Wahrheit wird es jedoch nicht schnell klar, was sie uns erzählen will, weil sie sich jedem Tempo in ihrem Roman verweigert. Es fühlt sich an, wie eine orientalische Geschichte, in der wir gebeten werden, Platz zu nehmen, einen Tee zu trinken, zuzuhören, den Tee zu genießen und immer wieder Pausen zuzulassen, um dem eben Gehörten Raum zu geben. Es ist poetisch und traumwandlerisch sicher, wie uns die Autorin auf jene Inseln entführt, die den Startpunkt ihrer Suche nach sich selbst, ihrer Identität und den Rollen darstellen, die sie künftig spielen wird. Es ist der erste Aufzug eines Lebenstheaters, in dem sie die Hauptrolle spielt, ohne es jemals wahrhaben zu wollen. Es ist der erste Akt einer Vorstellung, die mit einer alternativlosen Flucht beginnt.

Ein von Schatten begrenzter Raum - Emine Sevgi Özdamar - Astrolibrium

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Es ist die Dynamik der erzeugten Sprachbilder, die das Lesen beflügelt. Ich fühle:

„Das Morgenlicht draußen, das mit einem Bein noch in der Nacht stand…“

Ich höre die Geräusche der Nacht, den rastlos rebellierenden Esel, die Motoren aller Boote auf dem Meer und die Orthodoxkirche, die plötzlich zu sprechen beginnt. Ich bin Gefangener einer Szenerie, die keine Kulisse ist. Ich folge Emine Sevgi Özdamar auf ihrer Flucht. Nichts wie weg aus der Heimat. Raus aus der Türkei, die in sich kollabiert. Eine Heimat, die alle vereinen sollte, die doch so unvereinbar sind. Griechische Türken und türkische Griechen. Armenier, Aleviten, Kurden. Zu viel für eine Heimat. Im Putsch entlädt sich die geballte Gewalt. Das Militär regiert, Hubschrauber dominieren das Bild und der Kultur werden die Riegel vorgeschoben. Es eng für die namenlose Erzählerin. Was bleibt ist die Flucht. Träume und Hoffnungen im Gepäck. Und nicht nur das. Man geht niemals ohne die eigene Geschichte aus der Heimat fort und so will auch sie den Reichtum ihrer kulturellen Identität retten. Schweres Gepäck auf zarten Schultern. Und das in einer Zeit, in der dem türkischen Leben in Europa ein Makel anhaftet. Gast darf man sein. Gastarbeiter gerne. Zuhause? Bitte nicht.

Ja, die Autorin hat viel zu erzählen. Schlichtweg ihr ganzes Leben liegt hier in der autobiografischen Waagschale. Ebenso, wie die Geschichte des vorliegenden Buches. Wir folgen ihr nach Berlin, erleben die Wanderin zwischen zwei Welten, weil sie Ost und West mit ihrem Ausweis wechseln darf, wie abgelegte Klamotten. Wir erleben ihre Sicht auf ein vergiftetes Deutschland, in dem man seine Toten nicht mehr findet. Sieht sie an Gedenkstätten ohne Opfer und fürchtet sich mit ihr vor den Schatten…

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Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

„Sie wachsen ineinander bis zu einem großen Schattenklumpen, der sich vom Tisch bis zu ihren Füßen verlängert und um ihre Füße herum sich mit dem Schatten der Stuhlbeine verbindet. Der Rest des Raumes ist ohne Schatten. Deswegen sieht es nur dort, wo der Schatten gewachsen ist, wie ein Raum aus, ein von Schatten begrenzter Raum.“

Sie setzt den Schatten das Licht der Theater entgegen, lebt in der Gesellschaft der großen Regisseure und Akteure auf, geht nach Paris, befreit sich von toxischen Bildern eines Deutschlands, das sie als „Draculas Grabmal“ empfindet. Die Autorin erzählt von einigen Suchen zugleich. Liebe, Heimat, Anerkennung. Sie berichtet nicht nur von der Flucht aus ihrem Land, sondern von den Fluchten vor der eigenen Bestimmung. Es sind Prophezeiungen, die der Erzählerin folgen. Es ist ihre Vorstellung, dass Vorstellungen in den großen Theatern in Berlin und Paris nur Raum für ihre Rolle als Putzfrau lassen. Es sind Überlebensängste, die sie auf Schritt und Tritt begleiten und es ist der verzweifelte Versuch, nach Hause zurückzukehren. Den Eltern zu begegnen und festzustellen, dass auch hier kein Platz mehr ist. Außer im Schuhkarton mit den Namen der Getöteten. Es schmerzt sehr, der Erzählerin auf ihrem Weg zu folgen und dabei zu erleben, dass sie sich selbst immer weiter von ihren Wurzeln entfernt. Und ganz nebenbei gelingt in aller Wehmut ein groß angelegter Theaterroman der vergangenen Jahrzehnte, in dem man großen Namen, kleinen Rollen, grandiosen Inszenierungen und Kulissen begegnet, die den Brettern, die die Welt bedeuten, Kontur verleihen.

Emine Sevgi Özdamar schreibt in ihrem groß angelegten Werk dagegen an, in die türkische Schublade einsortiert zu werden. Sie kämpft wortreich dagegen an, sie auf eine Herkunft und eine Nationalität zu reduzieren, ihr Gedächtnis auszulöschen und in einer anderen Kultur zu vereinnahmen. Sie schreibt uns ins Herz, dass es uns niemals egal sein darf, welche Geschichten unsere Mitmenschen erzählen. Sie hat sich selbst aus diesen Klischees befreit, indem sie ihnen Raum im Schattenraum gegeben hat. In dieser Begrenzung wirken diese Schatten bedrohlich, doch ein einziges helles Licht ist in der Lage, die Grenzen gänzlich neu zu ziehen. In gewagten Zeitsprüngen wagt sich unsere namenlose Erzählerin mehr als 30 Jahre in die Zukunft und beschreibt aus der Perspektive der Vergangenheit das Grauen der einstürzenden Türme des World Trade Centers, den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo oder den ISIS-Anschlag auf den Flughafen von Istanbul. Vielleicht ist es so, dass wir in weiteren 30 Jahren alle Schubladen geschlossen haben, die zur Ausgrenzung von Menschen geeignet sind. Es wäre auch ein Verdienst dieses Romans. Hier lohnt die Ausdauer im Lesen, auch wenn ich mir einen ähnlich lesenswerten Roman mit maximal 500 Seiten sehr gut vorstellen kann. An einigen Stellen des Opus Magnus von Emine Sevgi Özdamar hatte ich schon ein wenig mit meiner inneren Unruhe zu kämpfen, die mich nach vorne treiben wollte.

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Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

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und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

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Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

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