ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia – Astrolibrium

Vorsicht. Ich schicke dieser Rezension eine Triggerwarnung voraus, weil ich selbst in bestimmten Lebensphasen einen großen Bogen um Bücher mache, die sich in ihrem Kern mit dem Thema Demenz auseinandersetzen. Alzheimer nennt sich die besondere Ausprägung der Störung des menschlichen Gehirns, in dessen Folge die Betroffenen in zunehmender Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit versinken. Es war mein Vater, der mir von jener heimtückischen Krankheit geraubt wurde. Tief in sich und eine nicht nachfühlbare Welt entrückt, verabschiedete sich zuerst sein hellwacher Geist und dann schließlich auch der gesamte Organismus. In der Literatur findet man oftmals die eher skurrilen Momente einer Demenz wieder, in denen die Vergesslichkeit beginnt, dem Opfer erste lustige Streiche zu spielen. Groß ist die Versuchung, die Krankheit als Kulisse für rührende Familiengeschichten zu verwenden und sie damit gänzlich aus der Realität zu entheben. Die Wahrheit ist härter. Um sie geht es in guten und empathisch verfassten Romanen, in denen alle Aspekte der Demenz thematisiert werden, in denen man den Erkrankten näher kommt und in der eigenen Hilflosigkeit abgeholt wird, die im Alltag zur bestimmenden Größe wird. Ich wurde nämlich vom eigenen Vater vergessen, während ich versuchte ihn zu pflegen. Und genau an dieser Stelle warne ich davor, im Lesen unvorbereitet auf ein Thema zu stoßen, das Wunden gerissen hat.

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia ist ein solches Buch. Und nicht nur das. Es handelt sich hier auch noch um ein Bilderbuch, mit dem man unsere jüngsten Leser mit einem Themenbereich konfrontieren kann, den ihnen selbst die eigenen Eltern nicht erklären können. Ich weiß, wovon ich rede. Mir fehlten damals solche Bücher. Mir fehlte diese Chance, meine Kinder langsam darauf vorzubereiten, dass ihr geliebter Opa bald nicht mehr wissen würde, wer da überhaupt vor ihm steht, wie seine Enkel heißen, und was er mit ihnen anfangen sol. Mir fehlte die Möglichkeit, ihnen mit Bilderbüchern ganz sanft zu erklären, dass sich ihr eigener Großvater in ein Kleinkind verwandelte. Und mir fehlte die Hilfestellung, zu erklären, dass dieser Zustand unumkehrbar ist, egal, wie oft man mit ihm redet, welche Musik man ihm vorspielt, oder wie oft man ihn später, als es nicht mehr anders ging, im Pflegeheim besuchte. „Warum? Er erkennt uns doch gar nicht.“ Darf man einem Kind diese Frage verübeln? Nein. Hätte ich damals schon die Geschichte von Lilia gehabt, es wäre ein wenig leichter gewesen. Entenblau vielleicht.

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Sind Sie noch da? Danke. „Entenblau“ von Lilia ist eine facettenreich angelegte und doch minimalistisch erzählte Geschichte von augenscheinlichen Gegensätzen, von tief empfundener Freundschaft und Liebe, von Fürsorge und vom Vergessen. Wann treffen wir in freier Wildbahn auf eine Ente und ein Krokodil, die auf einen langen gemeinsam erlebten Lebensweg zurückblicken können? Wann haben wir je von einem Kroko-Baby gehört, das einsam und verlassen von einer Ente gefunden und quasi adoptiert wurde, an „entenkükenstatt“ angenommen sozusagen? Wann durften wir je in der Erinnerung eines heranwachsenden Krokodils miterleben, wie es alles von einer Ente beigebracht bekommt? Nie zuvor ist mir das in einem liebevoll illustrierten Bilderbuch begegnet. Im Buch und im wahren Leben erreicht auch diese Geschichte ihren Wendepunkt, als das Krokodil – jetzt ausgewachsen und stolz auf die Vergangenheit – feststellen muss, dass seine in die Jahre gekommene Entenmama ihre Erinnerungen verliert… Alles verblasst. Das wundervolle Entenblau der Vergangenheit beginnt zu schwinden…

Was im Bilderbuch ohne jeden Schnickschnack und Ablenkung –  sozusagen „en point“ – illustriert und erzählt ist, lässt uns als Vorlesende und Mitlesende viel Raum, um unsere Kinder an die Hände zu nehmen und durch die Geschichte zu führen. Es ist die ungewöhnliche Beziehung zwischen Ente und Krokodil, die wir erklären können. Wir können hervorheben, wie unterschiedlich beide sind. Wir dürfen Vergleiche ziehen, weil es bei Adoptionen bei Menschen ja auch so ist. Und wir können die Entenmama loben, weil sie das kleine Krokodil einfach Krokodil sein lässt, ohne es zu verbiegen. Lilia lässt nichts aus, selbst der abzuwischende Krokodilhintern spielt eine Rolle. Als die alte Ente dann im Vergessen versinkt, werden die Rollen getauscht. Das Krokodil übernimmt. Die Verantwortung wird unmittelbar spürbar. Es gibt keine Ausreden. Nein. Die Fürsorge ist dem einst kleinen Krokodil, das nun so erwachsen ist, von der Entenmama in die Wiege gelegt worden. Jetzt spielt auch der Entenpopo eine große Rolle. Hygiene ist wichtig bei Demenz.

Wer nun denkt, das harmlos wirkende Bilderbuch Entenblau würde uns jetzt ins Leben zurückgehen lassen, sieht sich getäuscht. Hier wird im Klartext illustriert und erzählt. Hier kommt der Aspekt zum Tragen, der die Angehörigen von Erkrankten voller Frustration verzagen lässt. Die Ente hat plötzlich Angst vor dem Krokodil und weiß nicht mehr, wer vor ihr steht. Ja, das haben wir erlebt. Das in diesem Buch so klar zu sehen und so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, ist mutig und aufrichtig zugleich. Nein, an einer Demenz ist nichts lustig, es gibt keine Schmunzelmomente, nur Angst, Sorgen und Mitgefühl. Und dann treibt mir diese Geschichte endgültig die Tränen in die Augen, weil mir das Krokodil zeigt, wie ich mit der Enttäuschung zurechtkommen könnte, nicht mehr erkannt zu werden. Ja, die Ente in diesem Buch ist anders, als wir Enten kennen. Sie hat einen blauen Schnabel und blaue Flossen. Sie hebt sich so deutlich ab, wie es unsere Eltern und Großeltern tun. Sie ist eine blaue Ente und sicher bekannt wie jener sprichwörtliche bunte Hund. Und nur diesen besonderen Enten ist es vergönnt, mit den eigenen Angehörigen so umzugehen, dass sie ihre Eigenständigkeit niemals verlieren. So war mein Vater. Für mich und für seine Enkelkinder. Hätte ich dieses Buch damals schon gehabt, es wäre mir ein wichtiger Ratgeber gewesen, ohne je Ratgeber sein zu wollen.

Es sind nur 46 Seiten, die ein Leben verändern können. Es ist eine Geschichte, die aus Empathie zu bestehen scheint. Sie ist Lehrmeister und Spiegel, Wegweiser und im entscheidenden Moment befreiende Stütze. Diese Geschichte verlangt nichts von uns, aber sie gibt unendlich viel. Sie nimmt die Menschen ernst und schenkt besonders den Opfern von Demenzerkrankungen eine würdevolle Rolle in dieser Erzählung. Und keine Sorge. Diese Geschichte schreckt nicht ab. Das tun die Geschichten, die verharmlosen und die lustigen Momente suchen. Sie helfen nicht, weil im Moment der Erkenntnis der Spaß verschwindet und die Skurrilität einer heillosen Angst weichen muss. Nein, es ist Entenblau. Es ist diese besondere Beziehung, die uns vorbereitet ohne neue Angst zu schüren. Das Krokodil zeigt einen Weg. So schwer er auch ist, so wenig glücklich man am Ende des Buches vor dem letzten Bild sitzt. Es ist einer der aufrichtigsten Momente in einem Kinderbuch, den ich je erleben durfte, weil er nicht verlogen ist. Ein Buch nicht nur für Angehörige von Erkrankten. Ein Buch ganz besonders für Eltern und Kinder, die ihr Herz auf dem rechten Fleck tragen. Ein schlichtes und doch gewaltiges Bilderbuch, das uns auf ein Vergessen vorbereiten kann, das uns selbst, unsere Familie, aber auch Freunde und Bekannte treffen kann. Eine empathische Investition in die Zukunft.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Wer neben Entenblauals Kinderbuch gerne einen Roman lesen würde, den ich guten Herzens empfehlen kann, dann greifen Sie zu Der vergessliche Riese von David Wagner. In meiner Rezension schrieb ich:

David Wagner gelingt mit seinem Roman ein glaubwürdiger Grenzübertritt in die Denkwelt eines Alzheimerpatienten. Er entwickelt eine Perspektive, die zeigt, wie ein Mensch im Vergessen sogar vor unliebsamen Erinnerungen geschützt wird. Eine Sicht, die vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Und doch erscheint der vergessliche Riese in seiner Welt seltsam entrückt, befreit vom Alltäglichen und frei von Verpflichtungen. Ein Biotop des Vergessens umgeben von Menschen, die vom Erinnern geplagt sind, damit leben müssen, dass jeder Besuch schnell vergessen ist und Fragen in Endlosschleifen wiederholt werden. Hier verliert nicht der Kranke seine Identität. Es ist das Umfeld, das verblasst. Ein Kreislauf dem sich dieser Roman intensiv widmet. (weiterlesen)

Ich erinnerte mich an meinen vergesslichen Riesen, fühlte im Buch die persönliche Betroffenheit des Autors und die autobiografischen Züge seiner Vater-Sohn-Geschichte, sowie die befreiende Wirkung des Schreibens und Lesens. Diese beiden Bücher haben die Gabe zu versöhnen, zu heilen, schützen und vorzubeugen. Sie als Buchtandem zu sehen, also als Grundlage des gemeinsamen Erlesens beider Geschichten für jüngere und ältere Lesende, kann in außergewöhnlichen Situationen einen unglaublichen Schub und Energie freisetzen, die ohne diese Bücher kaum vorhanden wäre. Letztlich sind es Geschichten für die Menschen in unserer Mitte, die sie sofort vergessen würden, wenn man sie ihnen vorlesen oder erzählen würde. Daran sollte man immer denken. Immer.

Ein persönliches (versöhnliches) Ende.

Das Krokodil in Entenblau hat recht. Die Entenmama hat viel vergessen, aber sie ist immer noch da. Mit ihr zu reden, zu singen und gemeinsame Ausflüge zu machen, sie zu streicheln und spüren zu lassen, dass sie nicht allein ist, ändert vielleicht nichts an der Krankheit. Aber es ändert etwas am Wohlbefinden der Erkrankten. Und nie, nie, nie, niemals darf man selbst vergessen, dass tief im erkrankten Menschen drin alles da ist, was wichtig ist. Es kann nur nicht mehr abgerufen werden. Mein Vater lag am Ende in einem Pflegeheim. Nicht ansprechbar. Mit leerem Blick. Keine Reaktion. Alles Reden half nichts. Dachte ich. Kein Erkennen. Kein Erinnern. Nichts. Eine Hülle. Ich ging auf Tuchfühlung. Hielt seine Hand, sprach und versuchte es mit Musik. Für mich erfolglos. Für ihn? Das war immer eine bohrende Frage. Eines Tages fragte ich im Heim, ob es erlaubt sei, meinen Bordercollie mitzubringen. Vater liebte Hunde. Und was geschah? Mein Hund legte seine Schnauze in die Hände meines Vaters und blieb so. Und was sagt der Mann, der seit Jahren geschwiegen hatte, der mich nicht mehr erkannte und nicht wusste, wo er sich befand?

„Arndt, ich kann mich doch hier nicht um einen Hund kümmern.“

Es ist jedem selbst überlassen zu analysieren, wie viele kognitiv verankerte Fakten in diesem Satz verborgen sind. Es ist jedem selbst überlassen, darüber nachzudenken, was dieser Satz in mir auslöste und was er mir heute bedeutet. Ich will mit diesem sehr persönlichen Erlebnis nur verdeutlichen, dass man nie aufgeben darf zu hoffen. Es war der letzte Satz meines Vaters, zwei Jahre vor seinem Tod. Er war ein großes Geschenk und noch so viel mehr…

Danke fürs Lesen. 

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Was geht in einer versierten und etablierten Kinder- und Jugendbuchautorin vor, wenn sie in diesen Tagen, in unserem Land, in diesem gesellschaftlichen Szenario um sich blickt und politische Tendenzen und Automatismen erkennt, die an die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland erinnern? Was geht in einer Autorin vor, die in ihrem gesamten Schaffen immer wieder an die Jugend der Welt appellierte, niemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seines Geschlechtes auszugrenzen oder anders zu behandeln? Welche Kriege toben in ihr, wenn sie merkt, dass es gerade jetzt an der Zeit ist, erneut und eindringlich Farbe zu bekennen, Flagge zu zeigen und in aller Deutlichkeit mit ihren Mitteln gegen die Verführung einer Jugend anzukämpfen, die ihr so sehr am Herzen liegt. Was geht da in Kirsten Boie vor?

Man kann es sich ganz gut vorstellen, wenn man ihr aktuelles Buch zur Hand nimmt. Man kommt schnell dahinter, wenn man sich anschaut, mit welcher Verve sie sich einer Zeit angenommen hat, die auch sie nur vom „Hörensagen kennt. Oder sollte man hier besser vom „Verschweigen sagen, weil man der im Jahr 1950 in Hamburg geborenen vielseitig interessierten jungen Frau von einst ihre bohrenden Fragen zur Vergangenheit in Deutschland beharrlich nicht beantwortete? Ja, man spürt sofort, was in der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin vorgegangen sein muss, als sie in ihren Gedanken die ersten Spuren einer Geschichte aufspürte, die sich zum Ende des Zweiten Weltkrieges im bayerischen Städtchen Penzberg zugetragen hatte. Eine unerzählte Geschichte, die auch im heutigen veränderten Stadtbild kaum Spuren hinterlassen hat. Und doch eben eine Geschichte, die wie kaum eine andere geeignet ist, den Irrsinn einer ideologischen Verblendung aufzuzeigen. Der Titel dieses Buches zeigt, wie sich das Herz verkrampft.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

DUNKELNACHT

Mit diesem Titel werden schon die Weichen gestellt. Kein ausschweifender Roman, keine Geschichte, die nur vierundzwanzig Stunden erzählt und eine ganze Epoche nur als Kulisse missbraucht, keine Dokumentation mit uferlosen Quellenangaben und auch kein Erlebnisbericht aus der Sicht eines Protagonisten. Nein, Kirsten Boie schrieb eine Novelle, in der sie sich als allwissende Erzählerin alle Perspektiven aneignet, Zugänge zu den Gedanken aller Charaktere hat und auf allen Zeitebenen weiß, was passiert war, gerade geschieht und noch passieren wird. Dabei dient ihr eine wahre Begebenheit als Kern einer Erzählung, die sie mit Protagonisten anreichert, die erfunden sind und somit den Zugang zu den Geschehnissen erleichtern. Es ist diese distanzierte Nähe, die aus Zeitgeschichte einen Jugendroman werden lässt, der sich zur Pflichtlektüre für Schüler und Schülerinnen eignet, die im Alter von 15 Jahren sehr gut nachempfinden können, warum diese Geschichte relevant für ihre Gegenwart und Zukunft ist.

Es ist eine Geschichte von Schuld, Verantwortung, Opportunismus (also eine der wissentlichen Mitläufer) und Versagen. Es ist eine Geschichte, die sich in einer Zeit abspielt, in der die Machtstrukturen instabil und die Variablen des Handelns vielfältigst waren. Der Zweite Weltkrieg steht kurz vor seinem Ende. Die Nationalsozialisten sind an den meisten Fronten geschlagen und die Alliierten stoßen gegen Berlin vor. Auch in Bayern warten nun die ehemaligen Anhänger auf ihre Niederlage, ihre Gegner auf ihre Befreiung durch die Amerikaner. Ein größeres Ungleichgewicht der Kräfte ist nur kaum vorstellbar. Niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Während man sich in Penzberg mit weißen Fahnen auf eine friedliche Übergabe der Stadt vorbereitet, sind es nicht die amerikanischen Soldaten, die einmarschieren. Es ist die Wehrmacht auf ihrem Weg in die Heimat. Allen Gerüchten und allen falschen Meldungen des Radios zum Trotz wird dieser 27. April 1945 nicht zum Tag der Befreiung in Penzberg. Ganz und gar nicht.

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Hier holt Kirsten Boie nicht weit aus, sie agiert und schreibt präzise an der Timeline der wahren Ereignisse entlang und lässt uns fortan nicht mehr zum Luftholen kommen. Drei Jugendliche stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Novelle. Drei Charaktere, die für alle stehen, die damals in Penzberg und an anderen Orten gelebt haben könnten . Es sind Marie, Schorsch und Gustl, aus deren Sicht wir die wichtigen Details erleben. Wobei der Schorsch eher hoffnungsvoll in Marie verliebt ist, während der Gustl das nicht von sich behaupten kann. In diesem Strudel der Gefühle verliert man leicht den Überblick, im Strudel der Geschichte verliert man sich nunmehr plötzlich ganz. Was eben noch in den baldigen Frieden zu münden schien, entpuppt sich nun als das letzte Aufflammen der Macht der Nazis in Penzberg. Nichts spricht mehr von der Übergabe der Stadt an die Eroberer. Jetzt hallen Parolen vom „Halten bis zum letzten Mann“ durch die leeren Straßen. Jetzt soll Geschichte geschrieben werden. Jetzt ist die Endzeit da. Es kommt zur DUNKELNACHT. Und Gustl ist mittendrin im letzten Aufgebot der Nazis. Werwölfe.

Kirsten Boie wertet und bewertet nicht. Sie erzählt und überlässt die Deutungshoheit ihren atemlosen Lesern und Leserinnen. Sie lässt allerdings keinen Zweifel an Wahrheit und Lüge, an Propaganda, Hass und Manipulation. Sie zwingt uns alle sehenden Auges in eine Mordnacht in Penzberg, die kaum vorstellbar ist. Endphasenverbrechen nennt man heute halbjuristisch, was damals nicht nur in Penzberg geschah. In den Wirren der letzten Kriegstage kam es vielerorts zu den wahnwitzigsten Taten der Nazis. Hier führt die Autorin alle psychologischen Parameter ins Feld, die zu den Ausschweifungen und letztlich zu den Morden führten. Angst, Rache, Eifersucht und Endzeitstimmung. Jedes Gefühl für sich schon tödlich genug. Die Kombination in der Dunkelnacht jedoch ist ein tödlicher Mix, dem man nicht entfliehen konnte. Der Ruf des Werwolfs erschallt…

„Hass ist unser Gebet, und Rache ist unser Feldgeschrei.“

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen, angesichts der Parolen gegen Andersdenkende und der zunehmenden rechten Gewalt in unserer Gesellschaft, sind es gerade diese Geschichten, die in Erinnerung gerufen werden müssen. Es sind jene Ereignisse, die zeigen, wie leicht es Mitläufern gemacht wird, wenn sie das Gefühl haben, nur Befehlen zu folgen. Es sind genau jene wahren Geschichten, die uns heute noch zeigen, wie hilflos man sich in unsicheren Zeit fühlen konnte. Und doch war und ist es möglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht auf der falschen Seite zu stehen, Mensch zu bleiben und nicht willenlos zum Täter oder Mittäter zu werden. Hier geht Kirsten Boie jeden erforderlichen Schritt, den man gehen muss, um uns heute zu erklären, was damals geschah, wie es geschehen konnte und wie nah wir erneut einer Gefahr ausgesetzt sind, rechten Populisten Glauben zu schenken.

Dunkelnacht sprengt den Rahmen eines Jugendbuches. Dunkelnacht fordert viel von seinen Lesern und Leserinnen. Wer verstehen will, muss wissen, wer wissen will muss lesen. Wer liest, wird sich erschrecken, angewidert den Kopf abwenden und sich fragen, wie das nur geschehen konnte. Kirsten Boie hat viele Antworten in diesem Text verborgen. Manche augenscheinlich, andere wieder gut versteckt. Es ist gerade an der Jugend von heute, diese Antworten zu finden, und eigene Antworten für die Zukunft zu entwerfen. Und dann heißt es, dafür einzustehen. Die Mordnacht von Penzberg kostete 16 Menschenleben. Die Spur der Hinrichtungen zog sich durch die ganze Stadt. Dabei gingen den Nazi-Schergen die Bäume für die Erhängung der willkürlich ausgesuchten Opfer aus. Nichts lässt Kirsten Boie im Verborgenen. Klartext ist Synonym für dieses Buch. Die deutsche Geschichte ist nichts für Zartbesaitetes. Das wird in diesem Buch mehr als klar. Dieses Sonnenklare besiegt die möglichen Dunkelnächte.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Kirsten Boie und Gudrun Pausewang gehen in ihren Geschichten Hand in Hand. „Der einhändige Briefträgervon Gudrun Pausewang beschreibt ebenfalls eines der tragischsten Kapitel in den letzten Kriegstagen. Ich habe dieses Jugendbuch aus gleich mehreren Gründen sehr oft verschenkt. Es ist die Geschichte, die aufrüttelt, es sind die unkalkulierbaren Zeiten, die uns nicht ruhen lassen und es ist die Tatsache, dass diese wundervolle Autorin ihre junge Leserschaft so ernst genommen hat, um ihr eine solche dramatische Geschichte anzuvertrauen. Dieses kraftvolle Vertrauen spüre ich auch bei Kirsten Boie und die Reaktion ihrer Leser und Leserinnen spricht Bände. Ich weise an dieser Stelle auf den „Buchpalast in München Haidhausen hin. Katrin Rüger war in unserer Buchhändlerinnen-Glockenbachwelle zu Gast in einem Gespräch über Buch und die Welt. Hier stellte sie „Dunkelnacht“ als Empfehlung für den Gabentisch vor.

Und nicht nur das. Die Bücherfresser (der Jugendleseclub der Buchhandlung trifft sich wöchentlich als Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises) haben nicht nur „Dunkelnacht“ für sich entdeckt, sie haben es rezensiert und Kirsten Boie in einem bewegenden Interview zu dieser Geschichte befragt. Hier findet ihr dieses Gespräch. Und erneut muss ich sagen: Nicht nur das. Derzeit befinden sich ungefähr 50 signierte Exemplare des Buches im Buchpalast. Frei nach dem Motto, wer zuerst kommt, liest zuerst. Ach ja. Sagte ich eigentlich schon: Und nicht nur das? Ich sage es jetzt zur Sicherheit ein letztes Mal: Eines der von Kirsten Boie signierten Exemplare gehört zu unserem Preisausschreiben der Buchhändlerinnenwelle… Wie Ihr das vom Buchpalast gestiftete Buch gewinnen könnt, erfahrt ihr hier

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Der neue Roman von Kirsten Boie ist da…

Was in den letzten Kriegstagen in Memmingen geschah, gehört zu den sogenannten Endphasenverbrechen. In einer Phase der Auflösung war alles denkbar und erlaubt. In wenigen Wochen jedoch wäre der Krieg Geschichte. Dann, ja dann wäre doch alles im Lot. Das war die Hoffnung und so sieht heute unser Denken aus. Am Ende des Krieges steht der Frieden. In welchen menschlichen Verwerfungen sich dieser Nichtmehrkrieg allerdings abspielt, wird selten erzählt. „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ bildet hier eine literarische Ausnahme. Kirsten Boie hat keinen Trümmerfrauenroman für Kinder und Jugendliche geschrieben. Sie hat sich nicht ins mehrfach ausgebombte Hamburg hineinversetzt, um den Aufbruch in eine neue Zeit zu erzählen. Nein, Kisten Boie lässt uns eine Trümmerwoche unmittelbar nach der deutschen Kapitulation erleben. Es sind die Tage vom 22. Juni bis zum 29. Juni 1945, die wir an ihrer Seite erleben. Tage, die wir in der Realität niemals erleben wollten. Glaubt mir. Hier geht´s zur Rezension.

Heul doch nicht, du lebst ja noch von Kirsten Boie - Astrolibrium

Heul doch nicht, du lebst ja noch von Kirsten Boie

GlockenbachWelle – Die BuchhändlerinnenWelle

GlockenbachWelle - Die BuchhändlerinnenWelle - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Die BuchhändlerinnenWelle

Die BuchhändlerinnenWelle

Herzlich willkommen zur siebten Ausgabe unserer GlockenbachWelle. Eigentlich wollten wir am Ende der vierten CoronaWelle mit einer Gegen-Welle genau diejenigen zu Wort kommen lassen, die unter den Lockdowns der letzten beiden Jahre so massiv gelitten haben.

Die Buchhändler und Buchhändlerinnen, die im Kampf gegen die digitale Übermacht von Online-Riesen der Zwangsschließung ihrer Büchertempel durch kreative Konzepte die Stirn geboten haben und sichtbar geblieben sind. Nun sitzen wir erneut inmitten der Virus-Welle und sehen einen erneuten Lockdown auf uns zurasen. Vielleicht ist deshalb diese BuchhändlerinnenWelle so angebracht. Folgt uns in ein Gespräch über Buch und die Welt und drückt die Daumen, dass alles gut wird. Wir, das sind:

Unsere Gastgeberinnen der Glockenbachbuchhandlung, zwei Blogger:innen und die beiden handverlesenen Inhaberinnen besonderer Büchertempel im Dialog.

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Petra Schulz und Pamela Scholz (die Gastgeberinnen), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Katrin Rüger, der Inhaberin des Buchpalasts im Münchner Stadtteil Haidhausen und Karina Trübner, Inhaberin der Bücherinsel in Herrsching am Ammersee

In einem exklusiven Radio-PodCast-Format für Literatur Radio Hörbahn, ins Leben gerufen, administriert und liebevoll mit hörbarem Leben gefüllt von Dr. Uwe Kullnick.

GlockenbachWelle - Die BuchhändlerinnenWelle - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Die BuchhändlerinnenWelle

Was bewegt uns diesmal?

Wir werden uns über inhaberinnengeführte Buchhandlungen im Allgemeinen und im Besonderen austauschen. Wir Blogger werden als Impulsgeber fungieren und auf diese Art und Weise einen bunten Reigen interessanter Themen auf den Tisch bringen, die unsere Stammtischschwestern mit Lizenz zum Bücherverkauf dann diskutieren. Es geht im Schwerpunkt um:

Corona
Nachhaltigkeit
Social Media
Papiermangel
Das herausforderndste Erlebnis mit Kunden
Das schönste Erlebnis mit Kunden

Mit dabei: Bücherempfehlungen zum Weihnachtsfest

Natürlich erhalten Sie aus berufenem Munde jeweils drei exklusive Lesetipps für den Gabentisch. Die Besonderheit ist, dass diese insgesamt neun Buchempfehlungen bis Heiligabend in den drei Buchhandlungen einen GlockenbachWellen-Sondertisch erhalten. Wellenschläge aus dem Glockenbachviertel zum Ammersee und zurück nach Haidhausen. Wann gab es das zuletzt?

GlockenbachWelle - Die BuchhändlerinnenWelle - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Die BuchhändlerinnenWelle

Ganz neu und erstmalig: Das literarische Preisausschreiben

Es geht um FunFacts zu den beteiligten Buchhandlungen. Nur eine Behauptung ist wahr. Notieren Sie die Buchstaben der jeweils richtigen Aussagen und schicken Sie Ihre Lösung per Mail an [email protected] oder flüstern Sie die Lösung vor Ort einer der Buchhändlerinnen ins Ohr:

Einsende- bzw. Flüsterschluss ist der 14. Dezember 2021… Zu gewinnen gibt´s ein exklusives Bücherpaket, das im Podcast live zusammengestellt wird.

Und spätestens jetzt sollten Sie sich zuschalten. Hier geht´s lang. Ohren auf!

UPDATE: Wir haben eine Gewinnerin und gratulieren Irmgard V. zu einem Buchpaket, das aus drei Büchern besteht. Die richtigen Lösungen lauteten:

B – Die Glockenbachbuchhandlung ist begehrte Filmkulisse
A – Die originale Zeichnung von Torben Kuhlmann ist in Herrsching sehr begeht
B – Im Buchpalast lebte tasächlich ein Jahr lang ein Buchbewohner.

Das Buchpaket besteht aus: Kleine Freuden von Clare Chambers, Dunkelnacht von Kirsten Boie (signiert) und Von hier bis zum Anfang von Chris Whitaker.

Wir danken, hoffen, wir drücken Daumen, wir beten und wünschen, wir sind bald wieder da. Ihr Team der GlockenbachWelle. Das war die siebte Ausgabe unserer GlockenbachWelle. Bleiben Sie uns treu und lassen Sie sich überraschen, wie es GENAU HIER weitergeht. 2022… Das Radiowellenjahr wird grandios…

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt…

PS: Was die Rezension zu „Dunkelnacht“ von Kirsten Boie mit dieser Welle zu tun hat, gilt es bis zum 14. Dezember herauszufinden. Mein Artikel kann das Lesen retten!

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Ihr kennt Domino? In seiner klassischen Variante benötigt man 28 Dominosteine, um das legendäre Legespiel beenden zu können. Auf  Augenzahlen kommt es hier an, und nur, wer passend anlegen kann, darf weitermachen. Ansonsten verzögert sich das Fortkommen und die zusätzlich zu ziehenden Steine erschweren den Sieg. Wer daran den Spaß verliert, kann die Spielsteine aufstellen und den ersten zu Fall bringen. Den sogenannten Domino-Effekt macht man sich gerne auch im Leben zunutze. Fällt der erste Stein und hat man gut aufgestellt, dann ist der Rest eine Kettenreaktion, der man sich nicht in den Weg stellen kann. Hierbei wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, von denen jedes einzelne gleichzeitig die Ursache des folgenden ist. Domino. Es war das Bild dieses Spiels, das mich in einem Roman begleitete, mir zugleich Zugang und Halt verschaffte und mich durchgehend beschäftigte, weil ich viele seiner Elemente im Verlauf einer epischen Erzählung wiederfand.

Im Saal von Alastalo“ von Volter Kilpi kommt in einer prachtvollen Schuberausgabe aus dem Mare Verlag ins Bücherregal. 1066 Seiten plus Anhang und Anmerkungen zur Übersetzung lassen diesen opulenten finnischen Klassiker auf 1135 Seiten anwachsen. Das kann abschrecken. Sollte es aber nicht. Auch, wenn der Roman mit seinen 68 Euro sicherlich so manches Literaturbudget zu sprengen droht, man sollte es sich wirklich gut überlegen, ob man an diesem Prachtstück einfach so vorbeigehen kann. Es ist wahrlich eine Anschaffung fürs Lesen, sorry Leben natürlich. Und beiläufig bemerkt, ich mag es, wenn ein Buch teurer ist, als das Regalbrett auf dem es steht. So sieht Bücher-Lifestyle aus. Doch kommen wir zurück zum Domino-Vergleich aus meiner Einleitung. Nicht ich möchte Euch zum kippen bringen. Es ist der Autor selbst, der sich wahrscheinlich eher unbewusst in einem Bild bewegte, das sich mir hier aufdrängte. Im „Saal von Alastalo“ kommen genau 28 Landbesitzer zusammen, um auf Einladung des Gutsbesitzers und Geschäftsmannes Hermann Matsson über die Anschaffung einer Dreimastbark für die Schärengemeinde zu beratschlagen.

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Achtundzwanzig Partikularinteressen und Charaktere, Allianzen, eifersüchtige und egoistische Sichtweisen sowie Neid, Missgunst und eindeutige Manipulation gilt es nun richtig zu bewerten, abzuwägen, auszubalancieren und in Einklang zu bringen, um ein höheres Ziel zu verwirklichen. Volter Kilpi erklärt uns nicht nur auf beeindruckende Art und Weise, was das Prinzip der Anteilseignung für die entlegenen Gemeinden und die Geschäftsleute in den Schären bedeutete, er lässt auch das Handelssystem in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufleben. Jenes Prinzip der Gewinnmaximierung bei gleichzeitiger Risikominimierung für den Einzelnen hat die Gutsbesitzer dahin gebracht, wo sie heute stehen. Es ist ein ansehnlicher Reichtum, der sie schon jetzt verbindet und doch neidet jeder dem anderen das Schwarze unter dem Fingernagel. Und nun sind sie vereint. Zu Gast beim Erfolgreichsten von ihnen, beim Gutsherren von Alastalo, der es im Saal im Herzen seines Gutes so richtig krachen lässt. Der Raum ist riesig, die Möbel gereichen jedem Schreiner zum Ruhm, die Pfeifensammlung an der Wand ist riesig und edel. Wer würde nicht neidisch reagieren auf das Ansinnen des Herrn von Alastalo, alle Mittel zu bündeln, um mit dem größten Handelsschifff der Schären, der eleganten und schnellen Dreimastbark über die man hier berät, in eine reiche Zukunft zu segeln.

Dominoday in den Schären. Verzeiht mein einfaches Bild für diesen mehr als komplex erscheinenden Klassiker. Ich fühlte mich wohl im Saal von Alastalo. Ich beobachtete die geladenen Gäste, ließ sie mir von Volter Kilpi einzeln vorstellen und genoss den Stil des finnischen Autors. Opulent fabuliert er, beobachtend und lauernd folgt er seinen Figuren durch das Setting seiner einzigartigen Erzählung. Dabei gönnt er sich alle Zeit der Welt, um seine Charaktere, ihre Absichten und verborgenen Hoffnungen zu beschreiben. Hier gönnt er alleine schon Malakias Afrodite Härkäniemi mehr als 100 Seiten, um sich im Regal der prächtigen Pfeifen die passende für diesen Anlass auszusuchen. Hier brilliert Volter Kilpi, weil man schnell merkt, dass es gar nicht um Pfeifen geht, sondern um den Status, den man für sich beansprucht, die Signale die man aussendet und die komplex ineinander greifenden Zahnräder der Schären-Diplomatie der Bauernschläue. So wird aus der Pfeife eine klare Verhandlungsposition, aus den Teppichen auf dem Boden ein Status und aus dem Sitzplatz auf dem gigantischen Sofa die Pole-Position für die bald beginnende Verhandlung.

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

„Mit Barken befährt man Meere und den Atlantik,
aber mit Kähnen Tümpel und die Buchten der Ostsee.“

Das große Denken greift endlich um sich, in jenem Saal, in jenen Tagen und in den versammelten Köpfen. Das braucht seine Zeit, das erfordert Geschick und das braucht Überredungskunst und so wirkt die Szenerie oft wie die großen Epen, in denen es um Thronfolger und zu erobernde Königreiche geht. Es sind die Ritter ihrer eigenen Güter, die hier die Politik für die Zukunft bestimmen. Es sind Hierarchien, die verborgen liegen bis man sie ans Licht zerrt. Nicht der einflussreichste Gutsherr ist auch der reichste. Es ist ein brillantes literarisches Verwirrspiel, dem wir uns ausliefern, wenn wir Volter Kilpi in seinen „Saal von Alastalo“ folgen. Seine Erzählweise entschleunigt den Tag, dämpft die Lautstärke des Alltags-Trubels und sensibilisiert uns für die Feinheiten, die zwischen den Zeilen zu finden sind. Einzig unsere Geduld fordert der finnische Autor ein. Hier, an der Garderobe des Saals von Alastalo sollten wir alles ablegen, was uns belastet. Auf große Fahrt kann man nur gehen, wenn man sich auf alles einlässt. Das haben wir mit den Gästen in diesem Saal gemeinsam.

Erst dann dürfen wir uns vom kleinen Boot ins große träumen. Von der Jacht in die Galeasse. Vom Schoner in die Brigg und zuletzt von der Brigg in die Bark.

„Die Franzosen haben Proust,
die Iren haben Joyce – 
die Finnen haben Kilpi.“

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

So bewirbt der Mare Verlag einen Autor, der 1933 finnische Geschichte schrieb, weil er eine finnische Geschichte schrieb. Das wird ihm vielleicht nominell gerecht, schreckt vielleicht aber gerade jene Leserschaft ab, die Marcel Proust einfach für zu elitär und James Joyce für zu schwierig hält. Nichts von beidem ist Volter Kilpi. Sein Schreiben ist nahbar und verständlich. Es ist bildhaft, schön und zeitgemäß schillernd, aber es ist niemals unverständlich, unstrukturiert oder uninterpretierbar. Der Saal von Alastalo hat viel mit der Tafelrunde eines König Artus gemeinsam. Es geht um Gefolgschaft, um die Chancen, die sich nicht immer jedem bieten, und die großen Abenteuer, die man eben nur gemeinsam stemmen kann. Ich fand in diesem Roman keine Länge, ich fand kein unbedachtes Wort und ich fand keine Figur, die man hätte streichen können. Ich fand eine Übersetzung aus der Feder von Stefan Moster, die einem Meisterwerk auch im Duktus unserer Sprache das Höchstmaß an Eleganz und Schlichtheit verliehen hat, die es benötigt, um auf mehr als 1000 Seiten zu fesseln und zu begeistern. Und doch ist es wohl keinem Lesenden möglich, die tatsächlich erzählten sechs Stunden in dieser Zeit zu lesen. Wie hat er das gemacht, der Herr Kilpi…?

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Antoine de Saint-Exupéry – Die Stadt in der Wüste

Kaum ein Zitat aus berufener Feder passt so gut zu diesem Roman, wie die Worte des Schöpfers unseres kleinen Prinzen. Lade all diese Menschen ein und erzähle ihnen „Im Saal von Alastalo“ von einer Dreimastbark und ihren Möglichkeiten. Lesen…!

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

U von Timur Vermes

U von Timur Vermes - Astrolibrium

U von Timur Vermes

Rucksack eigentlich viel zu schwer.
Zeit knapp, Wochenende vor der Brust.
Termine absagen vielleicht. Ruhe.
Ein Buch wäre gut.
Da? Nee, Drogeriemarkt mit Buchwerbung. 
Falsches Ross, Mann.
Laufschritt. Jetzt.
Büchertempel, endlich.
Hände desinfizierten.

Jeder nur ein Korb, wo sind meine Quadratmeter?

Maske auf, Diskussion aus. Buchblick sondiert die Lage.
Einheitsbrei, Funkelglitzerliteratur. Mainstream.
Erster Blick bleibt hängen. Ungewöhnlich.
Ein Buchstabe – U – geht´s noch?
Timur Vermes. Es klingelt laut im Hinterohr.
Führerrevival, Flüchtlingssatire. 
Er ist wieder da.
Die Hungrigen und die Satten.
Gut. Grandios. Dicke Schinken. Laute Stimme.
Alles, nur nicht gewöhnlich. Aber jetzt?

Fragezeichen im Hirn. 
Ein Büchlein nur. Cover gut. 146 Seiten.
Nichts mehr zu erzählen, der Gute?
Buch auf, Blick rein, Gedanken aus.
Erster Eindruck zählt.

What?
Keine Sätze?
Fragmentarisches Schreiben. Oft ein Wort pro Zeile!
Wer schreibt so? Wer liest das denn?
Stelle mir vor, ich würde so rezensieren.
Ofen aus, Blog zu, Leute weg.
Aber Vermes?
Kurzstrecke statt Marathon. Büchersprint, gehetzt?
Geht nicht. Nichts für mich. Brauche Literatur.

Weiter. Schauen. Eilen.
Blick zurück.
U.
Wo war ich?
Ein Blick rein und dann schon Seite 10?
Story abstrus – oder?
Zwei Menschen – eine U-Bahn.
Eine endlose Fahrt.
Nonstop-Lesen-Fahren-Nonstop.
Zurückbleiben bitte – Assoziationen kommen.
Pendleralltag. Bahn steht, kommt nicht, Verspätung.
Chaos. Stress.
Aber Bahn hält nicht, fährt ewig, keine Bahnhöfe mehr.
Und dann…
Puh. Tempo frisst die Augen auf.
Notbremse zieht nicht.

U von Timur Vermes - Astrolibrium

U von Timur Vermes

Weglegen. Schnell. Abhauen. Brauch ich nicht.
Buchhändlerinnenaugenbraue zuckt nach oben.
„Gerade für Sie, dachte ich…“
Notbremse ziehen. Meine.
Doch zur Kasse. Schnell – Danke – Sorry – Nein alles gut.
Muss nur lesen. Weg mit mir.
Weit weg. Alles raus. Zurückbleiben bitte.
Fahrschein egal. Lesen. Rhythmus. Neues Gefühl.
Luft? Fehlanzeige. Puls. Fragt nicht.
Rapid-Eye-Reading.
Anrufen zuhause. Vergessen.
Später. Sieht man doch. Geht nicht.
Lesen.
U.
Symbole, Rolltreppe – Schilder – bekannt.
Fahrplan gefressen. Völlig losgelöst.
Mitfahren. Zu schnell. Zu lang.
Unaufhaltsam. Wo geht das Leben hin?
Haaaalt…

Was, wenn…?
Wohin, weil…ß
Wann endlich?
Zwei auf sich gestellt. Panik, Herzfrequenz eskaliert.
Falscher Film?
Falsches Buch?
Nein.
Auslesen, rausspringen auf der letzten Seite.
Heimlaufen. Fahren? Bloß nicht.
Empfehlen? Euch? Lächerlich.
Mein Buch. Finger weg. Mein Puls.
Mein Ende. Nicht Eures. Jeder findet seins.

Vermes.
Gewagt. Pulsierend. Unvergesslich.
Jedermanns?
Jederfraus?
Sicher nicht. Wozu auch?
Meins!
Zuhause. Endlich.
Verschwitzt.
Ausgelaugt.
„Was los?“
Alles gut, nur Ruhe jetzt. Ein wenig.
„Hast Du da?“
Nur ein Buch. Lach.
Brüll.
Nur ein Buch.
Nur.
Nur.
Nu
N
.
.
N U R

Er ist wieder da und Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes – Was zuvor geschah, was ich zuvor las, was sich hier so findet:

Er ist wieder da

Es wäre lustig, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Timur Vermes hat ein feines Händchen, wenn es gilt den Finger tief in die Wunden der breiten öffentlichen Meinung zu legen. Er hat mit „Er ist wieder da“ bewiesen, dass seine Utopie eines untoten und wieder auferstandenen Führers Adolf Hitler, (so skurril die Ausgangssituation auch ist), geeignet war, dem Publikum einen literarischen Brocken zum Fraß vorzuwerfen an dem es schwer zu knabbern hatte. Sein Roman war Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft. Er polarisierte und regte zu lautstarken Diskussionen an. Und spätestens mit dem Film zum Buch explodierte das Pulverfass unter dem Schriftsteller, weil man es gewagt hat, die Filmadaption um spontane Realbilder zu erweitern, die beim Dreh entstanden sind. (Hier weiterlesen: die Rezension im Archiv der kleinen literarischen Sternwarte)

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten

Die Hungrigen und die Satten“ ist für die Satten geschrieben. Unter dem schönen Schein unserer Wohlfahrtsgesellschaft sind es die reinen Egoismen, die dieser Roman auf dem Korn hat. Ob wir schon zu satt sind, um die Message zu verstehen? Ob wir in vielen Situationen selbst erkennen, zu was die Abschottung eines Kontinents führt? Ob wir uns selbst dabei ertappen, dass wir uns Angst vor Überfremdung und Islamisierung einreden lassen, während wir gleichzeitig vor dem Fernseher sitzen und Mitleid mit den Menschen empfinden, die schön weit weg von uns ihr Schicksal ertragen? Sind wir zu bequem geworden? Ist unser Ruf #wirsindmehr noch zeitgemäß? All diese Fragen wirft Timur Vermes auf, als würde er uns mit dem Müll unserer Ausflüchte ersticken wollen (Hier weiterlesen: die Rezension in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium)