Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr - Astrolibrium

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Es sind diese „Stell-Dir-vor-Rezensionen“, die sich als Stilmittel eignen, wenn es darum geht, sich den Texten von Anthony Doerr zu nähern. Es ist das Unvorstellbare, das uns der Pulitzerpreisträger von 2015 ins Leben schreibt. Es sind keine alltäglichen Geschichten, die seinen Weg in unsere Herzen finden. Und genau deshalb hilft es mir, genau mit dem einleitenden Aufruf in eine Rezension seiner Bücher zu starten. Ich bin schon einmal gut damit gefahren. „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ebnete Anthony Doerr den Weg zu höchsten literarischen Ehren. Ich schrieb damals:

„Stell Dir vor, Du bist blind. Nicht von Geburt an, sondern langsam erblindet. Stell Dir vor, Du kannst Dich noch sehr gut an Farben und Formen erinnern, aber nun, im Alter von sechzehn Jahren hat Dich Deine Sehkraft völlig verlassen. Und doch bist Du nicht hilflos. Stell Dir vor, Du hast einen Vater, der Dir ein Modell Deiner Stadt baut und Dich mit den Fingern so lange Deine Wege ertasten lässt, bis Du es schaffst, Dich außerhalb dieser Miniaturwelt gänzlich allein zurechtzufinden. Und dann stell Dir vor, es fallen die Bomben auf deine Stadt. Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… Dieses würde mir reichen…!“ (weiterlesen oder gerne auch weiterhören)

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Und nun, kaum sieben Jahre später, greife ich erneut zu diesem Stilmittel, um den Roman „Wolkenkuckucksland“ vorzustellen. Auch hier dürft Ihr Euch gerne an meiner Vorstellung reiben, Eure Bilder mit meinen vergleichen und Eurer Vorstellung von einer (für Euch) gut erzählten Geschichte gerne Gehör verleihen. Diese Erzählung hat nichts mit Mainstream zu tun. Hier ist alles im Stile einer Novelle völlig neu erzählt, in seinem Konstrukt mehr als außergewöhnlich und gewagt. Dies hier ist die Welt von Anthony Doerr. Stell Dir vor, es wäre jetzt auch Deine!

Stell Dir vor, Dir begegnet ein Buch, das so aussieht, als wäre es gerade einer großen mittelalterlichen Bibliothek abhanden gekommen. Stell Dir vor, die Vorschusslorbeeren der internationalen Presse machen Dich neugierig und lassen Dir keine Chance, dieser Geschichte zu entkommen. Und dann stell Dir vor, Du findest einfach keinen Zugang zu einem Roman, der Dich schon unmittelbar nach dem Prolog mit drei Erzählebenen konfrontiert, die nichts miteinander verbindet. Stell Dir vor, Du befindest Dich:

  • In der Zukunft – An Bord des Raumschiffs Argos im 65. Missionsjahr
  • In unserer Zeit – In der Stadtbibliothek von Lakeport und
  • In der Vergangenheit – Im Jahr 1439 in Konstantinopel

Und dann stell Dir bitte noch vor, jeder dieser einzelnen Handlungsstränge wäre so fesselnd und interessant, dass er ein eigenes Buch verdient hätte. Nur, es will Dir nicht gelingen, die Geschichten miteinander in Verbindung zu bringen. Wenn Du Dir all dies vorstellen kannst, dann herzlich willkommen im „Wolkenkuckucksland„…

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Was es jetzt braucht, ist eine große Portion Urvertrauen in den Schriftsteller und die Büchermenschen, die dieses Buch schon gelesen haben. Letztere schreiben fast einstimmig vom erforderlichen Durchhaltevermögen, das letztendlich belohnt wird, von den Problemen im anfänglichen Verständnis der komplexen Textkomposition zu Beginn und den Schleiern, die sich langsam lüften und letztlich Zusammenhänge hervortreten lassen. Und der Autor zeigt uns schon vor dem Beginn seiner Geschichte, was er hier eigentlich geschrieben hat. Es ist ein großes Buch über die Liebe zum geschriebenen Wort. Eine Geschichte, die nicht nur unsere, sondern jede Zeit überdauern wird und in jeder Facette eine Liebeserklärung an die immerwährende Macht der Literatur. Hier ist es schon die Widmung des Romans, die erste Spuren legt:

„Für alle Bibliothekare,
damals, heute und in den Jahren, 
die da kommen werden.“

Wenn wir also im Wolkenkuckucksland Jugendlichen in den jeweiligen Coming-of-Age-Phasen begegnen, dann muss uns klar sein, dass Bücher eine wichtige Rolle im Roman spielen. Während sich Konstance an Bord des Raumschiffs Argos befindet, und mit den letzten ihrer und unserer Art einen Weg zu neuen Planeten sucht, bereiten sich Anna und Omeir 1453 auf die Belagerung und Eroberung Konstantinopels vor. Im heutigen Idaho werden wir in einer Bibliothek zu Zeugen eines Bücherabends, auf den sich die Kinder schon tagelang gefreut haben. Es könnte so schön sein, wäre da nicht Seymour, der mit einem Rucksack die Bibliothek betritt. Sowohl der Inhalt, als auch er selbst sind nichts anderes als tickende Zeitbomben. In der Zukunft endet die Existenz unserer Erde, in Konstantinopel steht das Ende der friedlichen Welt bevor und in Idaho enden so viele unerzählte Geschichten. Wenn nicht... Ja, wenn nicht der Autor selbst größere Pläne für seine Protagonisten hätte. Anthony Doerr plant etwas Großes…

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Es gilt ihm zu vertrauen. Es gilt, sich tief in die einzelnen Geschichten fallen zu lassen und an der Seite der Heranwachsenden zu bleiben. Es gilt, dem einzigen Bindeglied in diesen einzelnen Geschichten Beachtung zu schenken. Es gilt, einem Romanfragment auf der Spur zu bleiben, das die Zeit überdauert hat und von einem utopischen Land in den Wolken erzählt. Hier liegt die Magie dieses Buches verborgen. Es ist die Kraft einer antiken Erzählung, die uns in allen Zeitebenen wiederbegegnet. Es ist eine Geschichte, die im Stile der griechischen Mythologie dem „Wolkenkuckucksland“ den Hauch einer Legende vermittelt. Es ist eine Geschichte, die nicht endet, weil sie von Konstantinopel über Idaho bis ins Weltall führt… Ihr gilt es zu folgen. Wie einst Odysseus, so erkennen auch wir die wahren Ziele erst an den Ufern, an denen wir in diesem Roman anlanden dürfen. „Wolkenkuckuckslandist im besten Sinne ein literarisches Biotop, in dem die alten Geschichten mit den neuen in symbiotische Beziehungen treten.

„Ein Requitorium“, sagt er schließlich. „Kennst du das Wort?
Das ist ein Ort zum Ausruhen. Ein Text, ein Buch ist ein Ruheort für die Erinnerungen von Menschen, die früher einmal gelebt haben.
Es bietet Erinnerungen die Möglichkeit zu bleiben, nachdem die Seele weitergereist ist.“

Wir werden mehr als reich belohnt für unsere Standfestigkeit. Anthony Doerr lässt keine Frage offen. Das entspricht nicht seinem Stil. Überraschende Wendungen haben allerdings immer Hochkonjunktur in seinen Büchern. Nichts ist hier zufällig. Im Moment des Erkennens fallen uns nicht wenige Schuppen von den Augen. Das Lesen wird hier zum Aha-Effekt mit emotionalem und literarischem Tiefgang. Viele Romane knüpfen ihr Schicksal an die Odyssee von Homer, einige erleiden dabei heftigen Schiffbruch und gehen unter, andere wiederum erobern uns im Sturm. Mein Troja erobert der Autor, weil auch er ein Trojanisches Pferd vor meine Mauern geschoben hat, das es in sich hat.

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Ein bibliophiles Kleinod, in dessen Innerem sich die kaleidoskopische Wirkung eines großen Erzählers tausendfach bricht, aber nicht verliert. Jeder Leser, jede Leserin sieht am Ende der Geschichte eigene und unverwechselbare Muster. Jeder verliebt sich und verliert sich in einer eigenen Geschichte. An Bord der Argos, in der Bibliothek in Idaho oder vor den Toren von Konstantinopel. Unvergessen wird der rote Faden, der alles mit allem verbindet. Ebenso unvergessen die kleinen Zufälle am Rande. Wer kommt schon auf die Idee, einen Protagonisten der Argos Omicron zu nennen und ihn erst aus dem Hut zu zaubern, als eine Quarantäne an Bord erforderlich wird. Chapeau…

Ein Wort zum Hörbuch in der ungekürzten Fassung, gelesen von Frank Arnold. In der letzten Zeit verfalle ich immer mehr dem eigenständigen Medium eines Hörbuches. Von der literarischen Zweitverwertung eines Buches spreche ich hier schon lange nicht mehr. Auch diese mehr als sechzehn stündige Fassung ist perfekt eingelesen und mehr als großartig interpretiert und inszeniert. Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass ich durch die verschachtelte Komposition dieses Romans im Buch oftmals zurückgeblättert habe, um Hinweise aufzuspüren, die mir zuvor entgangen waren. Hier ist das Hörbuch alleine ein zu flüchtiges Erlebnis. Die Spurensuche rückwärts fällt schwer und es wäre ein katastrophaler Fehler, diese Geschichte en passant zu hören. Sie eignet sich nicht für zwischendurch. Als Erweiterung des Erlebnisses „Wolkenkuckucksland“ kann ich auch das Hörbuch empfehlen… Wie schreibt Anthony Doerr so schön:

„Ich weiß, warum die beiden Bibliothekarinnen dir die alten Geschichten vorgelesen haben. Weil du, wenn sie gut genug vorgelesen werden,
allem entkommst, solange die Geschichte anhält.“

Zum guten Schluss. Literatur Radio Hörbahn ist mehr als unsere GlockenbachWelle. Unter der Leitung von Dr. Uwe Kullnick entstand eine lebendige Podcast-Plattform, die inzwischen auch Gastgeber für die ganz Großen der Literatur ist. Folgen Sie gerne der Lesung aus München. Anthony Doerr und Anuschka Tochtermann, seine deutsche Stimme, in der Aufzeichnung des Livestreams aus dem Amerikahaus.

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

GlockenbachWelle - Stroux Edition und Marie Gaté - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

Ein herzliches Willkommen zur achten Ausgabe der GlockenbachWelle. Der erste literarische Podcast des Jahres 2022 ist gleichzeitig einem Verlag, einer Schriftstellerin mit Bleistift und einem ganz besonderen Projekt gewidmet.

Die achte GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

Pamela Scholz, Gastgeberin der Glockenbachbuchhandlung, zwei Blogger:innen, ein Verlag aus München und eine ganz besondere Schriftstellerin im Gespräch für Literatur Radio Hörbahn:

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung in München
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Annette Stroux, Verlegerin der Stroux Edition, Marie Gaté, Autorin von „Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt“, sowie dem Creative Director des Verlages Matthias Mielitz.

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz.

GlockenbachWelle - Stroux Edition und Marie Gaté - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

Was haben wir diesmal vor?

Eine Edition stellt sich vor. Annette Stroux spricht über ihren Verlag, die Philosophie des Verlegens in München, Erfolge und verlegerische Wagnisse. Im zweiten Teil folgen wir Marie Gaté in ihre gleichsam autobiografische wie historische Familiengeschichte Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt. Ein Roman von besonderem Format, der einen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis in unsere Zeit spannt und dessen Wellen im Lauf der Zeit nicht abebben. Ein Cover-Projekt rundet diese Stroux-Welle ab…

Freuen Sie sich auf:

  • Bekenntnisse einer Verlegerin
  • Buchempfehlungen von Annette Stroux
  • Eine Jane-Gardam-Trilogie, die als ein Buchtipp zählt
  • Besondere Beziehungen zu einem besonderen Viertel
  • Die Erklärung des Begriffes Glockenbach-Bronx
  • Erfolgsgeschichten und hart erkämpfte Siege in pandemischen Zeiten
  • Besondere Leseproben mit Bindungscharakter
  • Einen Bleistift, der durch die Aufnahme fällt
  • Eine französische Weltenbürgerin mit vielen Muttersprachen
  • Einen Roman, der zugleich Brücken und Wellen schlägt
  • Die Absage an die Schauspielerinnen dieser Welt, weil DIE Rolle vergeben ist
  • Zitate, Zitate und Zitate. Vom fallenden Bleistift bis zum Buchstabenkönig
  • Ein Cover-Projekt, das nur in der Glockenbachbuchhandlung zu sehen ist
  • Die Bücherkette von Pamela Scholz
GlockenbachWelle - Stroux Edition und Marie Gaté - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

Hier finden Sie eine Linkliste, die Sie auf dem direkten Wege zu den Rezensionen der strouxschen Schätze in der kleinen literarischen Sternwarte führt:

Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt von Marie Gaté

Wie wäre es mit einer literarischen Praline, die in wundervoller Verpackung auf euch wartet und in ihrem Inneren mehrere Geschmacksexplosionen verbirgt? Könnt ihr euch vorstellen, wie es sich anfühlt, ganz langsam durch eine äußere Schicht aus Krokant in die Tiefen dieser Leckerei vorzudringen und dabei festzustellen, wie sich alle Zutaten in eurem Mund zu einer Komposition von größter Raffinesse vereinen?  (weiterlesen)

Emma Bonn – Eine Spurensuche“ von Angela von Gans

Mein Name ist Bonn, Emma Bonn… Das war meine erste Assoziation, als ich diesen Namen zum ersten Mal hörte. Ich denke, das hätte der wahren Emma Bonn ein wenig gefallen, wenn sie das Spiel mit ihrem Namen heute miterleben könnte. Kann sie nicht, wie mir die weitere intensive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte deutlich machte. Es war erneut ein Buch aus der Münchner Stroux Edition, das mich in seiner schlicht und doch so erfreulich auffällig gestalteten Aufmachung auf einen Menschen neugierig machte, den man eigentlich hätte vergessen sollen. (weiterlesen)

Findelkind“ von Eva M. Bauer

Was macht generationsübergreifende Familiengeschichten relevant? Sind es die Geschichten prominenter Familien in historisch interessanten Zeitscheiben? Sind es in vielen Fällen einzelne Familienangehörige, die man besser einordnen kann, wenn man ihren Stammbaum kennenlernt und daraus Verhaltensweisen und Beweggründe für ihr späteres Leben ableiten kann? Sind es Opfergeschichten, die völlig harmlos beginnen und dann in den Wirren von Kriegen und Ideologien in Richtungen abdriften, die man hätte voraussehen können, wenn man nur genau hingeschaut hätte? (weiterlesen)

GlockenbachWelle - Stroux Edition und Marie Gaté - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Stroux Edition und Marie Gaté

Neben ihren gewohnt kompetenten Buchempfehlungen präsentiert uns Pamela Scholz gemeinsam mit dem Creative Director der Stroux Edition ein besonderes Projekt. Die Kunden der Glockenbachbuchhandlung dürfen in den nächsten beiden Wochen vor Ort darüber abstimmen, welches Buchcover eine März-Neuerscheinung aus dem Hause Stroux Edition erhalten soll. Kein Online-Voting, kein Instagram-Liken, sondern eine echte Stimmabgabe in den heiligen Hallen der Tankstelle des Geistes im Glockenbachviertel. Unter allen Teilnehmenden wird ein Exemplar des Buches verlost.

Jetzt sollten Sie sich zuschalten. Hier geht´s lang. Ohren auf!

Wir wünschen uns ein Wiederhören mit Ihnen, wenn es wieder heißt „Ohren auf für eine neue GlockenbachWelle“. Und versprochen. Die neunte Welle wird auch in rein inhaltlicher Hinsicht ein wahrer Ohrenschmaus. 

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Mein Name ist Bonn, Emma Bonn… Das war meine erste Assoziation, als ich diesen Namen zum ersten Mal hörte. Ich denke, das hätte der wahren Emma Bonn ein wenig gefallen, wenn sie das Spiel mit ihrem Namen heute miterleben könnte. Kann sie nicht, wie mir die weitere intensive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte deutlich machte. Es war erneut ein Buch aus der Münchner Stroux Edition, das mich in seiner schlicht und doch so erfreulich auffällig gestalteten Aufmachung auf einen Menschen neugierig machte, den man eigentlich hätte vergessen sollen. Einen Menschen, der in vielfacher Hinsicht keinem der sozialen Bilder seiner Zeit entsprach und dem man zeigen musste, wie Fehl am Platz er war. Ein Mensch, dessen Besitz man sich aneignete, dem man in Anwendung eindeutiger Gesetze alles verbieten konnte, was für andere Bürger normal war. Das Schreiben, die Behandlung in einer Klinik oder medizinischen Beistand durch eine eigene Haushälterin. Alles verboten. Nichts sollte sie, die deutsch-jüdische Autorin Emma Bonn der Nachwelt hinterlassen, nichts sollte an sie erinnern. Die Auslöschung war das Ziel.

Ich stelle mir gerade vor, wie sehr die Nazis von einst vor Wut schäumen würden, wenn sie noch am Leben wären und in Feldafing am Starnberger See vor der Villa der Schriftstellerin stehen und ein paar Details bestaunen müssten. Eine Gedenktafel, die an die Dichterin und nicht an ihre Unterdrücker erinnert. Ein Stolperstein, der auf ihre Vergangenheit in ihrer Villa und ihre Deportation hinweist und nicht auf die Machthaber, die sich hier breitgemacht hatten. Menschen, die plötzlich ihre Geschichte erzählen und sich an sie erinnern. Eine Schriftstellerin, die zugleich eine Verwandte von Emma Bonn ist, Bürger und Bürgerinnen von Feldafing, die neuen Besitzer dieses Anwesens und in zunehmender Anzahl Interessierte, die von ihrer tragischen Geschichte erfahren. Leser und Leserinnen, die sich der Spurensuche nach jener deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Dichterin anschließen, um ihre Gesichte aufleben zu lassen und an sie zu denken. Sie dem Vergessen zu entreißen und der menschenverachtenden Ideologie eine klare Abfuhr zu erteilen. Ein für alle Mal. Jetzt und für alle Zeiten. 

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Und so hat sich Angela von Gans einer Mission verschrieben, die der eigenen weit verzweigten Familiengeschichte gerecht wird. Die in Melbourne geborene, in Indien und Österreich aufgewachsene, und seit 1970 in München lebende Weltenbürgerin hat sich intensiv mit ihrem Stammbaum auseinandergesetzt und ist dabei doch eher zufällig auf ihre entfernte Verwandte Emma Bonn gestoßen. Es waren Recherchen im Kreise ihrer Familie und ein unerwartetes Paket voller unveröffentlichter Gedichte aus Amerika, die der Spurensuche neue Nahrung verliehen und zu diesem Buch führten. „Emma Bonn, 1879 – 1942, Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin„. Ich habe mich schnell dazu entschieden, mich ihrer Mission anzuschließen, liegt doch Feldafing fast vor meiner Haustür. Also rein ins Buch, versinken in den Gedichten und auf mit der ganzen Familie raus zum Starnberger See. Das Erinnern mit allen Sinnen und auf allen Kanälen ist unsere Triebfeder…..

„Doch einst, das weiss ich, wird die Seele frei,
Bleibt mir verhüllt auch, wann und wie das sei,
Die Kehle bebt schon vor dem Jubelschrei,
Die Flamme zieht mich hoch, die Stricke sind entzwei.“

Emma Bonn (März 1941)

Angela von Gans braucht nicht viel Raum, wenn sie das Leben von Emma Bonn rekonstruiert. Es sind zarte 150 Seiten, die nun Zeugnis ablegen von einem Leben in Deutschland, das in anfänglich behüteten Bahnen verläuft, doch langsam und sicher in eine Richtung abdriftet, die ins absehbare Chaos führt. Es sind Familienchroniken und Stammbäume, die der Familie von Emma Bonn Kontur verleihen, es sind diese frühen Aufzeichnungen, die der Spurensuche Halt geben. Dann jedoch verliert sich Emma im Schreiben und in ihren Romanen und Gedichten. Es ist ein brillanter Versuch, ihr durch die Enthüllung der autobiografischen Anteile ihres Schreibens auf die spur zu kommen. Angela von Gans beschreibt die Hoffnungen und Ängste eines jungen Mädchens, die zunehmende Verzweiflung angesichts einer unerklärlichen Nervenkrankheit, die Emma ans Bett fesselt und zuletzt die letzten Strudel in der Hass-Spirale der Judenverfolgung durch die Nazis. Enteignung, Deportation, Tod.

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Angela von Gans lässt die Hoffnungen und Wünsche eines jungen Mädchens neu entflammen, und bringt uns dadurch einer Schriftstellerin näher, die erst in ihrer Poesie und in ihren Geschichten das konnte, was ihr die Gesundheit verwehrte.

„Hätte sie frei laufen und in dem natürlichen Rhythmus des kleinen Körpers
sich austoben dürfen, Schnee und Kälte wären ein Spaß gewesen…“

Emma Bonn (Das Kind im Spiegel)

Auf diese Art und Weise gelingt nicht nur eine kleine Rennaissance sondern auch die Retrospektive auf das Gesamtwerk einer Autorin, die im Dritten Reich weder als lebens- noch als lesenswert betrachtet wurde. Angela von Gans verliert sich dabei nicht in Sentimentalitäten oder Gefühlsausbrüchen. Es ist eine gesunde Distanz, die sie hier einnimmt, um der Rolle der Berichterstatterin gerecht zu werden. Die Emotionen sind in weiten Teilen uns überlassen. Es sind die Gedichte, die berühren, es sind die Romane, in denen wir Emma Bonn wiederfinden und ganz zuletzt ist es die Bürokratie der Nazi-Diktatur, die Zeugnis über Deportation und Tod ablegt. All dies wird wieder lebendig. In jedem Wort, auf jeder Seite und in jedem Kapitel zeigt dieses Buch auf, dass man auch Jahrzehnte nach dem Vergessen Menschen ins Erinnern retten kann. Es ist die höchste und zugleich nachhaltigste Form des Sieges gegen die nationalsozialistische Ideologie.

„Was wirklich lebt, kann nie und nie ersticken.
Es keimt und sprosst und grünt, es steigt der Saft.
Mag dich die Zeit, in der Du lebst, auch nicht erquicken,
Die Zeit, in der Du lebst, hält Dich in Haft.“

Emma Bonn (April 1933)

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Ich fand die Villa Bonn in Feldafing, ich las die Inschrift der Gedenktafel, ich sprach mit den neuen Besitzern, denen es so wichtig ist, an Emma zu erinnern, ich stand vor dem Stolperstein, der das Wort Theresienstadt trägt, wie den ewig zu hörenden Schrei der Ungerechtigkeit und ich wurde auf den jüdischen Friedhof Feldafing aufmerksam. Eine dramatische Geschichte von befreiten KZ-Insassen, die in Feldafing aufgefangen wurden. Nach dem Krieg entstand hier ein Hoffnungsort. Dieser Friedhof zeugt jedoch auch von jenen Opfern, die den Krieg nicht lange überlebten. Aber das ist eine andere Geschichte. Typisch jedoch für die Geschichte von Emma Bonn, weil das Erinnern an ein Opfer des Nazi-Terrors das Erinnern an so viele andere Opfer nach sich zieht. Ein lesenswertes Buch über unsere jüngere Geschichte, eine Wiederentdeckung und die Neuentdeckung von Gedichten, die uns die Geschichte fast vorenthalten hätte. Wenn es nicht so viele aufrechte Menschen gegeben hätte, die dem widerstanden haben.

Ich danke auf diesem Weg ganz besonders jenen Lesern, die mir auf meinem Weg zu Emma auf Instagram oder Facebook gefolgt sind. Jürgen Gielsdorf zum Beispiel war mit Buch und Kamera zeitgleich im Norden unseres Landes unterwegs. Man kann sich vorstellen, wie bewegend es ist, mit den Erinnerungen an Emma Bonn nicht allein zu sein. Der Weg geht weiter. Erinnern und immer weiter erinnern, das ist mein Ziel im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen. Wir werden Emma Bonn in der nächsten Ausgabe unseres literarischen PodCasts „GlockenbachWelle“ mit der Stroux Edition einen ganz besonderen Platz einräumen. Dazu schon bald mehr, wenn wir mit Marie Gaté, Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt, der Verlegerin Annette Stroux und einem noch gut gehüteten Geheimnis auf Sendung gehen. 

Hier geht´s zu meiner Bibliothek „Gegen das Vergessen„.

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Im Januar 2018 begegnete ich erstmals „Penguin Bloom und war nicht nur von der Geschichte der kleinen australischen Elster begeistert. Es war die Geschichte hinter dem Offensichtlichen, die mir den Atem raubte. Die Geschichte von Sam Bloom, (eigentlich Samantha) die nach einem Unfall querschnittgelähmt ist und der ein kleiner Vogel neuen Mut macht. Damals erzählte Sam’s Ehemann Cameron diese Geschichte. Sam lernten wir nur indirekt kennen. Hinter dem Vogel konnte man sich gut verstecken. Penguin stahl allen die Show. Nun, drei Jahre später, sitze ich vor dem Buch, das Sam Bloom selbst schrieb. „Wieder fliegen lernen„. Sie tritt aus dem Hintergrund ans Licht. Sie nimmt uns jetzt an die Hand und führt uns in ihre grundverschiedenen Leben. Das davor und das danach. Am Ende von „Penguin Bloom. Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ meldete sich Sam Bloom erstmals in diesem Buch zu Wort. Ihr Kampf um ein normales Leben steckte in den Anfängen, aber es zeichnete sich schon damals ab, dass wir noch mehr von ihr hören und lesen würden. Meine Rezension endete so:

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Das Ende gehört Samantha Bloom. Sie wendet sich in einem bemerkenswerten Brief an alle Menschen, die ihr Schicksal teilen. Sie wendet sich an alle Menschen, die zum Umfeld von Betroffenen gehören. Sie spricht ungeschönt über ihre Ängste, ihre Scham, den Ekel vor sich selbst, den Hass gegenüber Menschen, denen es besser geht und in letzter Konsequenz über die wenigen Wege, die uns bleiben, Menschen wirklich helfen zu können, die durch ihre Querschnittslähmung aus dem Querschnitt des Lebens fallen.

Die wahre Geschichte endet nicht mit dem Buch. Die wahre Geschichte ist auch die Geschichte des Loslassens. Wir können weiter daran teilhaben, wenn wir dem Account von Penguin Bloom „penguinthemagpie“ auf Instagram folgen. Die Blooms leben bei Sidney an einem Traumstrand. Samantha Bloom hat das Kajakfahren für sich entdeckt. Penguin Bloom verschwand, nachdem ihre Aufgabe erfüllt war, aber

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Diesem ABER von einst gesellt sich nun ein weiteres ABER hinzu… Sie hat ihren Weg ans Licht gefunden und wieder fliegen gelernt. Sam Bloom hat ihren Aufwind und das mediale Interesse an ihrer Geschichte genutzt, um sich neu zu erfinden. Dazu gehörte es, Hürden zu überwinden und Grenzen hinter sich zu lassen. Zu Menschen in vergleichbaren Situationen zu sprechen, auf Veranstaltungen aufzutreten und Präsenz zu zeigen, über sich selbst zu sprechen und öffentliche Reden zu halten. Vormals eher undenkbar, tastete sie sich langsam vor in eine neue Welt. „Wieder fliegen lernen“ ist das Ergebnis ihrer inneren Reise. Jetzt schreibt sie selbst, jetzt findet sie ihre Worte für das eigentlich unaussprechliche Geschehen. Jetzt geht Sam einen weiteren Schritt auf uns zu und öffnet sich in einer ungeschönten sympathisch ehrlichen Art und Weise, die uns fesselt und in ihren Bann zieht. Nein, erwarten Sie keinen Ratgeber für Menschen, die nach schweren Unfällen an den Rollstuhl gefesselt sind. Erwarten sie kein Buch, in dem Sie als Angehöriger von Menschen mit Handicap eine Checkliste der guten Taten und überlebenswichtigen Gesten an die Hand bekommen. Genau das ist es nicht, was Sam Bloom wollte. Sie taugt nicht zum Ratgeber. Sie ist Sam und das ist ihr Buch.

An der Seite ihrer Kinder und ihres Mannes hat sie Kraft geschöpft, ist sie an sich und der unausweichlichen Situation gewachsen und hat hier Grenzen überwunden, die für sie unüberwindbar schienen. Die leidenschaftliche Surferin, die nach dem Unfall nur schwer daran glauben konnte, sich sportlich zu betätigen und im Kajakfahren den Weg fand, erste kleine Erfolge zu feiern, ist inzwischen zweifache Para-Surfweltmeisterin. Auch das ist Teil ihrer Geschichte, die sie in ihrem Buch erzählt. Es bewegt extrem, zu erfahren, wie sehr ihr das erste Buch aus der Feder ihres Ehemanns geholfen hat und was ihr diese Liebeserklärung bedeutet. Es ist sehr emotional, nun aus ihrer Feder zu erfahren, was Cameron Bloom damals erzählte. „Wieder fliegen lernen“ ist dabei viel mehr als nur ein reiner Perspektivwechsel von Cam zu Sam. Dies ist die ungeschönte brutale Wahrheit aus Sicht der einzig Betroffenen. Was man ihr vorher zuschrieb, was man in sie hineininterpretierte und was man vermutete, wird nun zum Fakt. Sam bleibt kein Gefühl, keinen Zweifel und keinen Schmerz schuldig, um uns zu zeigen, wie man sich selbst aus einer katastrophalen Lage befreien kann, ohne jemals Frieden mit sich und dem Leben als Querschnittgelähmte schließen zu können.

Wieder fliegen lernen von Sam Bloom - Astrolibrium

Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Und was ist mit Penguin Bloom, werden Sie fragen? Nun, die Rolle der kleinen Elster ist und bleibt dominant und allezeit sichtbar, auch in diesem Buch. Es war Penguin, die einen lebenswichtigen Impuls von außen setzte und damit schlicht und ergreifend auch einen Selbstmord verhinderte. Auch, wenn Penguin Bloom inzwischen weitergezogen ist, dieses Buch ist mit jeder Faser eine Hommage an das kleine Federknäuel. Es sind unglaubliche Fotos, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch ziehen, die uns zeigen, wie wichtig jener kleine verletzte Vogel für die ganze Familie war und ist. Seine Existenz allein schafft es, in der Folge Raum zu geben für die Bilder, die im vorherigen Buch ausgeblendet waren. Es sind die Bilder einer gebrochenen Frau nach dem Unfall. Es sind die Bilder aus der Klinik, aus der Reha und Bilder vom Weg zurück. Aber es ist auch ein Buch des DAVOR. Eine Samantha in Aktion, auf eigenen Beinen, reisend und in der Natur verwurzelt. Es ist dieser Kontrast, der ihre Geschichte so greifbar macht.

Sam Bloom erzählt direkt, auf den Punkt und unverblümt. Sie beschreibt ihre klare Reaktion auf Menschen, die sich ihr nur mitleidsvoll oder oberflächlich nähern. Sie geht ihren Weg weiter, obwohl sie nicht mehr gehen kann. Sie hinterlässt mehr Fußspuren in ihrer Geschichte, als manche Menschen, die auf eigenen Füßen stehen. Und doch wird sie bei aller erzählerischen Präzision und in ihrer fast spröde anmutenden Genialität im entscheidenden Moment sentimental und emotional, wenn es um ihre drei Söhne geht. Es ist ihr schlechtes Gewissen, das sich durch ihre Zeilen zieht. Es ist das Gefühl, als Mutter versagt zu haben und ihren Kindern eine normale Kindheit schuldig zu sein. Wir sind versucht, ihr laut zuzurufen, dass sie das nicht so sehen sollte. Aber dann müssen wir akzeptieren, dass dieser Schmerz, so bitter er ist, die Triebfeder für all die Kraft ist, die es braucht, um in dieser Situation Energie zu finden und wieder fliegen zu lernen.

Wieder fliegen lernen von Sam Bloom - Astrolibrium

Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Wer „Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ gelesen hat, kommt an „Wieder fliegen lernen – Meine Geschichte“ nicht vorbei. Wer sich traut, diesen Weg gemeinsam mit den Camerons zu gehen, wird literarisch und menschlich reich belohnt. Wer Klartext verträgt und auf beschönigendes Beiwerk verzichten kann, wird hier fündig, wenn es darum geht, das eigentlich Wichtige im Leben zu finden. Und wer sich schon damals unsterblich in die kleine australische Elster Penguin Bloom verliebt hat, findet hier die berührende Fortsetzung dieser Liebeserklärung.

Wobei man schon ehrlich bleiben muss. Auch Sam Bloom neigt keinesfalls dazu, Penguin in allzu schillernden Farben zu beschreiben…

„Verstehen Sie mich richtig: Penguin war kein Engel. Dafür kackte sie entschieden zu oft auf unseren Esstisch und unsere weißen Sofakissen.“

Beflügelt“ ist der Titel der Verfilmung der Geschichte von Samantha Bloom. Die grandiose Naomi Watts spielt die Hauptrolle in dem bewegenden Film, der derzeit bei Amazon Prime zu sehen ist. Auch Netflix hatte ihn erworben und wollte ihn ab dem 21. Januar ausstrahlen, hier gilt es allerdings das aktuelle Programm zu beobachten. In jeder Beziehung ein sehenswerter Film, der mit den Büchern eine Einheit ergibt, weil es im Vorfeld der Umsetzung des Filmprojektes zu wichtigen Begegnungen zwischen Sam Bloom und Naomi Watts kam. Schreibt mir doch, wenn Ihr Penguin Bloom schon kennt und wie Ihr dieser Geschichte weiter gefolgt seid. Guten Flug…

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Mein Lesen ohne Florian Illies? Vorstellbar vielleicht, sinnvoll allerdings nicht. Zu sehr hat sein Schreiben mein Lesen beeinflusst, zu intensiv bin ich den Episoden seiner biografisch geprägten Mosaiksteine gefolgt, die am Ende immer wieder ein großes Bild ergeben. Geschichte kann man als Geschichtsschreibung verstehen, oder man nähert sich ihr auf einem anderen Wege an. Es sind die Menschen ihrer Zeit, die Florian Illies Revue passieren lässt. Es sind jene Menschen einer Epoche, eines Jahres, eines ganz besonderen Augenblicks, die bei ihm zu Wort kommen und sich über den tiefen Graben der Vergangenheit an uns wenden, um uns von ihrer Zeit zu erzählen. Es ist bewegend, die von Florian Illies konstruierten Zeitbrücken zu betreten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nach prominenten und einfachen Menschen Ausschau zu halten, denen wir wohl ohne diesen brillanten Collage-Künstler und Erzähler nie zugehört hätten.

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Vor drei Jahren schrieb ich voller Vorfreude auf das neue Buch von Florian Illies „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ und im emotionalen Rückblick auf seine vorausgegangene Hommage an das letzte Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges: „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“:

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

Es wurde ein goldener Herbst und jetzt bescherte mir Florian Illies einen wahrlich goldenen Lesewinter mit der neuen Collage „Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls. 1929 – 1939„. Mehr als nur ein Jahr, mehr als nur ein Buch…

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Jetzt, kaum drei Jahre nach meinen Lese-Erlebnissen im Jahr 1913, spannt Illies den Bogen weiter. Elf Jahre statt einem einzigen liegen seinem Buch zugrunde. Elf Jahre, die sich vielleicht auch zum Begriff eines letzten Sommers vereinen lassen, weil nach ihm ein umso längerer Winter folgte, als noch Jahre zuvor. Beide Epochen haben meine Großeltern am eigenen Leib erlebt, aktiv, ungeschützt. Es wäre ein Genuss, sie heute mit den Büchern von Florian Illies zu beschenken und sie zu fragen, ob sie ihre Geschichten dort wiederfinden. Aber vielleicht gehören diese Werke ja in die Bibliothek jenseits des Wahrnehmbaren und werden auch mit Interesse im Himmel gelesen. Nicht nur daran musste ich oft denken, als ich dem Verleger Florian Illies beim Legen seines Mosaikmusters folgte. Es gelingt ihm erneut, mich einerseits in seinem Buch zu fesseln, mir andererseits jedoch auch wieder Flausen in den Kopf zu setzen denen ich dann im Internet und in Sekundärliteratur recherchierend nachgehen muss. Illies fordert viel und gibt alles. Sein Name wird erneut zum Prädikat einer erlebnisreichen Zeitreise.

Er lässt die Wilden Zwanziger Jahre enden, wie sie begannen. Mit Kopfschmerzen und Besuchen in Krankenhäusern. Wir schreiben das Jahr 1933. Kein Wunder, dass in diesem Buch drei zentrale Kapitel den elf Jahren von 1929 bis 1939 Struktur verleihen.  DAVOR / 1933 / DANACH. Es klingt wie eine Ouvertüre auf den finalen Abgesang, die  Menschen zu beobachten, die den sterbenden Roaring Twenties Spalier stehen. Von F. Scott Fitzgerald und seiner glamourösen Frau Zelda, bis zu Jean Paul Sartre und seiner großen Liebe Simone de Beauvoir, über jene fast unbekannte Aktrice Marlene Dietrich, bis hin zum Skandal mit Bananenschurz Josephine Baker und meiner lange vermissten literarischen Bekannten Mopsa Sternheim. Florian Illies blättert in seinem Album der verbrieften Erinnerungen, nicht immer lustigen Anekdoten, realen Gerüchte und kuriosen Episoden und erstellt eine Collage der Jahre, in denen sich der Glanz der Epoche verliert. Es ist ein Gefühl, das alles dominiert. Es ist die Liebe, der er Raum im immer größer werdenden Vakuum gibt. Leidenschaften und Affären, Beziehungen aller nur denkbaren Konstellationen verleihen diesen Jahren bis 1933 eine ekstatische und doch gleichzeitig so apokalyptische Endgültigkeit. Besonders, wenn Pablo Picasso der Frau seines Lebens mit einem Gemälde zu verstehen gibt, was für ein Monster sie ist!

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Verstörende Botschaften breiten sich aus. Die einen voller Hoffnung für die Frauen in Europa: „Die Frauen brauchten die Männer nicht mehr.“ Sie finanzieren ihr Leben selbst, machen unabhängig vom ehemals starken Geschlecht Karriere, sie arbeiten und bereisen die Welt. Wenn das mal nicht nach Aufbruch klingt. In wildem Taumel lässt der Autor und Sammler großer Persönlichkeiten tiefe Einblicke zu und Muster entstehen. In jeder tiefen Leidenschaft wächst ein zweifelnder Same. Die Endlichkeit scheint um sich zu greifen und die hellwachen Intellektuellen von den Gebrüdern Mann über Bertold Brecht bis hin zu Victor Klemperer verlieren Überblick und Mut. 1933 naht. Unheilvoll und voller böser Vorzeichen ergießt sich dieses Jahr über Berlin. Beziehungen brechen zusammen, Gräben brechen auf, die Intellektuellen verlassen ihre Stadt fluchtartig vor dem aufziehenden brauen Sturm und bringen sich in Südfrankreich in Sicherheit. Oder was man in diesen Tagen so als Sicherheit bezeichnet. Illies macht den Wandel an den Menschen fest. Ihre Zerwürfnisse stehen stellvertretend für dieses Annus horribilis, in dessen Gefolge der Untergang einer ganzen Welt den Abgesang probt.

Was dann DANACH geschieht, also von 1934 bis 1939, klingt wie eine Flucht vor der Realität. Augen zu und durch, könnte man meinen. Der Reigen der Beziehungen nimmt Fahrt auf, es wird mehrfach und verzweifelt geheiratet, es wird gesündigt und genossen bis es kein Ende mehr zu geben scheint. Es ist die Zeit der exzessiven Spiele zwischen Hannah Arendt und Walter Benjamin.  Als könne Schach die Welt retten und ihr Paris auf ewig konservieren. Und während wir schon wissen, wo diese Jahre enden, streben Autoren, Musen, Malerinnen und Schauspieler mit einem Tempo in den Untergang, an das man sich auch lesend kaum gewöhnen kann. Florian Illies erzählt brillant. Es sind die neuen Namen ihrer Zeit, die uns ans Licht bringen und hellhörig werden lassen. Es sind Sophie Scholl, Claus Graf von Stauffenberg mit seiner Frau, Ernst Jünger und Else Lasker Schüler, die von sich Reden machen. Uns stockt beim Lesen der Atem. Was Florian Illies hier nacherzählt, klingt wie komponiert. Was er uns ans Herz legt, ist der wache Blick auf das Jetzt. Und ja, es gibt Muster, die man zu erkennen glaubt. Hier liegt die wahre Wucht seiner Bücher. Vor dem fertigen Mosaik stehen wir selbst rastlos, weil wir spüren, dass wir auch heute noch im Besitz einiger Mosaiksteine sind. Legen wir sie mit Bedacht an die Geschichte vor unserer Geschichte an. Sonst schreibt Florian Illies über uns…

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Einer Spur bin ich dem Schreiben von Florian Illies intensiv gefolgt. Es war kein leichter Weg, der großen deutschen Dichterin und Autorin Else Lasker-Schüler durch diese aberwitzigen Jahre auf der literarischen Fährte zu bleiben. Sie, die Brieffreundin und heimliche Liebe von Franz Marc, blieb 1913 im ersten Buch zurück und doch war ihr Anteil an diesem Jahr so außerordentlich, dass ich ihn nie vergaß. Erst später traf ich erneut auf sie und ihren Brieffreund mit dem Blauen Pferd. Es ist diese Chronik eines Gefühls, die mich auch im neuen Werk von Florian Illies wieder zu ihr bringt. Es macht mich betroffen, sie nun 1933 blutend in den Straßen von Berlin zu sehen. Opfer der SA, weil die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung sehr früh beginnt. Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns begegnen. Ich muss dem Blauen Pferd im Lenbachhaus davon berichten. Vielleicht können wir zusammen ein Tränchen vergießen. Für Else. 

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Von Florian Illies inspirierte Artikel in der kleinen literarischen Sternwarte:

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ – Das Sequel

Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler
1913- Der Sommer des Jahrhunderts geht weiter“ – Eine Hommage

Unter dem Schlagwort 1913 findet man weitere Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies