Zur Schlachtbank

Oh ja! Einmal im Jahr dürft ihr böllern und einmal im Jahr an Karneval die Sau rauslassen, und ihr rollt vor Entzücken eure rosige Zunge im Maul wie die Wilden, als man ihnen Glasperlen gegen Gold anbot. Unbezahlbare Mieten, Hungerlöhne, Lebensmittelpreise zum Niederknien — egal! Aber wehe, es erfrecht sich einer, euch das Böllern und das Karnevalssaufen zu nehmen — dann begehrt ihr auf, die Fäuste voll Explosivstoffe, im Gesicht eine Clownsnase, und nennt es wütend eure Freiheit — statt endlich von eurer wahren Freiheit Gebrauch zu machen. Ihr habt keine Ziele, keine Träume und eure Phantasie reicht nicht weiter als euer nächster Video-Werbeclip. Geht mir weg, ihr braven, harmlosen Schafe. Mit euch habe ich nichts zu schaffen.

Heiliger Abend

Noch eine kleine Runde, und dann ist es geschafft. Wind staucht die Wege, die Hügel rücken zusammen, Krähen fallen dem Gewölk in den Schoß. Die Menschen eilen nach Hause, als schlüpften in ihren Manteltaschen Küken. Zwei Esel auf der Weide grasen in Ruhe, sie haben schon alles gesehen. In der hereinbrechenden Dämmerung wandern die Glocken wie Bettler von Turm zu Turm.

Noch einmal in O.

Lange habe ich dieses Glücksgefühl nicht mehr gehabt. Ich fuhr mit dem Zug nach Alsheim, saß alleine am Fenster, den Blick hinaus gerichtet, ziellos, wie wenn man das Auge Gassi führt. Hinter den Scheiben kein Wetter, weder richtig Wolken, noch Sonne, keine Schatten, die Strecken flachgestrichen, die Tiefen nur Erzählung, Gemälde, und darin alles an seinem Platz, das Bekannte wie das Unbekannte, ich kann nicht sagen, daß ich diese Böschung, diese Brücke, diese Stück Zaun oder Hecke mit den verwelkten Brombeerranken wirklich kenne, auch nicht die Pferde auf der Weide, den Kirchturm, den Waldrand, die Fahnenstange überm Schrebergarten, die Weinreben; aber es sind Typen, die mir vertraut sind, Variationen über ein Thema, das ich in- und auswendig kenne, so sehr, daß ich weniger Betrachter als Teil des Betrachteten bin, weder der, der über diese Umgebungen nachdenkt, noch der Gedanke selbst. Ein Stück Weg schob sich aus einem Acker ins Blickfeld, Telegraphenmasten holten die Ferne ein, und plötzlich war ich genau so sehr am Platz wie alles andere auch unbestreitbar am Platz war, als hätte etwas eingerastet. Es war wie eine immense Erleichterung, als höbe sich eine Last von den Schultern, als löste sich eine Sorge auf, von der ich bis zu diesem Moment gar nicht wußte, daß sie mich bedrückt hatte. Es hatte etwas damit zu tun, daß ich mich zu Hause fühlte, angekommen, mit einer freudigen Überraschung, die darin lag, zu bemerken, daß ein lange Vermißtes die ganze Zeit zu Händen, in der Nähe und greifbar gewesen sei und nun nie mehr fehlen würde.

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Nach ein paar Kilometern von Alsheim nach Norden haben wir dann an einem Wingertsturm halt gemacht, jetzt sitzen wir Brote kauend im Durchzug und sind in Minuten durchgefroren. Ein schwarzer Fleck am Boden verrät, daß jemand versucht hat, in dem Raum ein Feuer zu machen. Augenscheinlich war ein Kunststoff mit in den Flammen, denn der Beton ist verkrustet von einer harten, aus dem Flüssigen wiedererstarrten Masse. Ich schüttele den Kopf und schimpfe laut und heftig, da sei wieder jemand zu dumm gewesen, einen Eimer Wasser umzukippen. Ich bin überhaupt, stelle ich mehrmals fest auf dieser Wanderung, sehr laut „Aber das ist nicht gerecht!“). Ich registriere es und kann es nicht abstellen, als müßte etwas Aufgestautes, Hintangehaltenes immer wieder nach draußen. Ich bin grundgereizt, vielleicht geht es wie mir vielen, aber warum ändert sich dann nie etwas? Will ich diesen zornigen Ausbruch, dieses Geschimpf wirklich in Erinnerung behalten für später, wenn ich an unser klammes Frühstück zurückdenken werde?

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Es ist ein Tag mit einem Licht wie aus niederländischer Malerei geborgt, nicht ganz echt, als könnte jederzeit sich ein Riß in der milchig grundierten Leinwand zeigen. Was man sieht, ist, so deutlich es sich in der Ferne auch zeigt, nie ganz wirklich, es ist wie ein Name, ein Zeichen für die Sache selbst. In diesem hellen Dunst glaubt man den Einzelheiten ihre Existenz nicht, glaubt nicht, daß man sieht, was man sieht, als müßte es einem jemand erst erklären. Immerhin, der Odenwald, das muß der Odenwald sein. Aber schon die Fabrik mit dem Schlot, an dem fortwährend die gleiche Abgasfahne klebt, schwebt mal wie auf hoher See, wenn der Gebirgsrand sich hinter Schleiern zurückzieht, läßt sich dann wieder im Raum verorten, mit anderen Strecken und Winkeln in Beziehung setzen, wenn die Hügel als Grundierung wieder sichtbar werden. Die Ortschaften und Straßen sind mehrfach deutbar, als Nähe oder als Ferne, und mehrfach versuchen wir, den Rhein zu identifizieren, lassen uns mehrfach von flachen Gebäuden und Agrarfolien narren. — Die Ebene scheint abgerutscht von den Hängen, über die wir spazieren, die Straßen lärmen darin herum, ab und zu zeigt sich in der Ferne das Ziel, die Zeichnung eines Kirchturms am Hang.

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Das Sehen an diesem Tag ist wie Segeln, man braucht dichtgeholte Schote, sonst landet man sonstwo. Das Weite der Ebene mit ihren Strecken und Panoramen entfaltet sich ins Innere des Betrachters hinein, und indem es das Bewußtsein mit etwas füllt, das leichter ist als Luft, läßt es die Schritte fliegen.

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Wir kennen uns seit Jahren, und seit ebenso langer Zeit gehen wir wandern. Wir kennen uns gut genug, um einander diese Sehnsucht nicht mehr mitteilen zu müssen, wir wissen beide, was das andere denkt: einmal mit einer großen Kelle aus der Zeit schöpfen! Nicht lange planen, einfach hinauslaufen in diese weiche, gemalte Landschaft, ihr auf den Pelz rücken, an der Leinwand kratzen, bis sie ihr Geheimnis preisgibt; diese flusige, aufgeweichte Ebene überqueren und in den Bergen auf der anderen Seite verschwinden, in den Schluchten, Spalten und Falten, wo uns keiner kennt und wir sein dürfen wer wir sind.

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Aber dazu wird es nicht kommen. Selbst um einen Ausflug wie diesen müssen wir ringen. Schon zeigt sich die Kirche zum Greifen nahe, eben noch schien sie viele märchenhafte Meilen entfernt. Ruinenfenster rahmen die Ferne, halten unseren Weg an der Leine, halten ihn für Augenblicke fest, ehe wir uns abwenden; wir umrunden den Kirchenbau, tun einen Blick hinein und schließen unsere Wanderung im Ort bei Kaffee und Kuchen ab. Ringen um Zeit, ringen um gemeinsame Fluchten, abgetrotzt den prosaischen Verhältnissen. Und schon sind wir am Ziel, die Meilen haben uns betrogen, die Zeit sowieso. Wie immer denke ich, ich bin nicht wach genug gewesen.

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Auf der Rückfahrt sah ich noch einmal das grüne Dach des Wingertsturms in den Höhen, und es erschien mir absolut unglaubhaft, daß wir vor einigen Stunden dort gesessen haben sollten. Dieser Ort war in diesem Moment leer; er existierte vermutlich, aber niemand betrachtete ihn. Er war wieder so leer, wie er es war, bevor wir dort frühstückten. Es gab keine Beweise für unser Dasein, und wenn es sie gegeben hätte, wären sie nutzlos gewesen. Ein Schwarm Vögel stob vom Acker auf, das Gras leuchtete plötzlich, die flatternden Leiber funkelten in einem Sonnenstrahl. Fort war der Dunst: Das Licht meißelte Wege und Pappelreihen konturscharf aus der Tiefe der Ebenen. Oben trug der Turm seine leere Kammer zum Horizont, ehe er aus dem Zugfenster verschwand, und da war es wieder, als hätte es uns nie gegeben.

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Einen Tag später der dämmrige, nebelige, sanft verregnete Wald mit seinen steilen, tropfenden Wegen, dem vergeßlichen Laub, den schrottreifen Farnrotoren, den sabbernden Rinnsalen; das Regengetröpfel lief als Gerücht überall herum, irgendwo verbargen sich Rehe; Steine glänzten fett, wie Wahrheiten, die sich als schmucke Lügen tarnen; der winzige beobachtbare Ausschnitt der Welt war auf geheimnisvolle Weise vollständig und zugleich offen, grenzenlos, und ich dachte, daß es keinen schöneren Ort gebe auf der Erde.

Hürxberg

Man muß in allem viel wacher werden. Mit dem Ohr ganz nah ans Räderwerk der Zeit gehen, bis man die Mechanik hören kann. Die Fragen fragen lassen, bis sie von selbst verstummen. Vorsatz: Die Tagträume wieder ernst nehmen. Überhaupt mehr träumen. Wacher träumen.

Musterung

Der berüchtigte Griff in den Schritt bei der Musterung („Husten Sie mal!“) ist neben der subtilen Demütigung eine symbolische Aneignung, rituelle Besitzergreifung. Die Geste besagt, Schau her, wir, der Staat, dürfen dir ungestraft an die Eier fassen, und du kannst gar nichts dagegen tun; auf unseren Wink mußt du die Hose herunterlassen, vor uns bist du nackt bis in die intimsten Stellen; unserem prüfenden Griff entgeht nichts: Du gehörst uns ganz. So ist der Griff nach den Testikeln, vollkommen überflüssig zur Feststellung der Wehrtauglichkeit, als ein Vor-Griff zu verstehen, auf die echte, die totale Verfügung, wenn im Ernstfall derselbe Staat den jungen Mann kraft dieser Verfügungsgewalt schwerer Verwundung, Verkrüppelung oder dem Tod preisgibt, sobald es seinen, des Staates, Zwecken dienlich ist.

Hürxberg

In Minuten wandelt sich der Himmel überm Hügelkamm. Erst zarte Wolkenschlieren wie Fehler in einem Bergkristall; dann ein boshaftes Leuchten unter dem aufgeworfenen, vernarbten Lid quellender Wolken; dann verödete Ebenen, wie der Spiegel von Schlachtschauplätzen. Den Pinselbaum habe ich gestern beim Wandern aus den verschiedensten Perspektiven zu erkennen geglaubt. Jetzt scheint er für die Gültigkeit dieser Blickwinkel zu nah. Noch später aufgeklart, die Meßfühler kleiner schmaler Wolken greifen den Sonnenschein ab und ziehen schnell weiter. Frühlingshaftes Licht kurz darauf, fleckiges Gewölk malt Idyllen an den blaßblauen Himmel. Bald darauf, beim nächsten Blick empor, ist das Gewölk wie mit Brausepulver aufgequollen. — Unterdessen am Grund das Irrlichtern von Farbe an den letzten Stockrosen. Man hält für fremden Lack, was sich noch an die verhärteten Stämmchen klammert. Die Krone des Nußbaum voll zergrübelten, schütter zweifelnden Laubs. Das Grün plötzlich nach Moll wechselnd. Wo wir noch einen satten Dur-Akkord im Ohr zu haben glaubten. — Und endlich stoppt das Drama oben, die Sphären kommen zur Ruhe, und der Himmel bedeckt sich mit einem blinden, hellen Schirm.

Aequinoctium

Ufer raffen die Säume, sie streben hinauf zu den Bäumen.
     War es wie ehmals im Traum, daß sie der Spiegel erschreckt,

war es ein Falter, ein Schnabel, der Fuß eines schnelleren Mondes.
     Oben wispert, was floh, opfert die Steine dem See.

Leise schaffen am Fels die teuer verdungenen Wellen.
     trennen den Spiegel auf, lösen die Masse vom Bild.

Vögel wohnen noch fort im großen Gedächtnis der Stille.
     Halten das Schweigen noch wach, wie es sich selber belauscht.

Alles hat sich geborgt ein Gehäuse des größeren Raumes.
     Dunkel wie er ihn fand, legt sich der Wind auf den Stein.

Schachtel um Schachtel enthüllt die Nacht ihre samtenen Kleider.
     Drüben, vom Schilfrand gebannt, wohnt noch der gestrige Tag.

Mond im August

Und plötzlich der Mond im Fenster, als wäre der Trabant von langer Reise heimgekehrt. Als ahnte er auch, wir haben ihn nicht vermißt bis zu diesem Moment, da wir wach wurden, wer weiß von welchem Geräusch, und uns wunderten über den fremden Schimmer, der als Gast im Fenster hing; und doch als Heimkehrer hier zuhause war; wie jemand, der Hof und Tore, Dächer und Geländer, Winkel und Einlässe in Augenschein nimmt und prüft, ob nach der langen Abwesenheit noch alles am Platz ist. Da vermißten wir ihn nachträglich und erkannten, wie sehr wir uns gesehnt hatten nach wir-wußten-nicht-was, dabei war es immer dieses Licht gewesen, das uns gefehlt hatte. Wo war er gewesen, der Vermißte? Mit Wolken gerungen, gegen die Erdschwere gelaufen, in den eigenen Meeren erdunkelt? Hatte er die Seiten getauscht und uns zwei Monate lang seine schwarze, sternenbesäte Rückseite zugewandt? War er ins Schleudern geraten und mußte hinter allen Kimmen untergehen, um schlimmeres zu verhindern? Nun war er wieder da und forderte nichts. Seine Meere lagen ruhig und windstill überm Äther und klammerten sich fest an seine ausgependelte Masse. Seine dunkle Seite war wieder voller Sterne und auf der Rückseite verborgen, und sein Licht fand alles unverändert hienieden, nur daß vielleicht ein Seufzen ging, durchs Feld, durch Ähren, durch die Eichen, die nicht ahnten, daß sie sich in dieser Nacht an ein altes, fast vergessenes Gedicht erinnerten.

Wuppertalsperre

Wie das Wasser jede noch so geringe Beunruhigung zur Angst verstärkt: Der Gedanke, es könnte ja gewittern, ließ mich neulich sofort zum Rucksack zurückschwimmen; dabei war gar kein Gewitter vorhergesagt; und auch nicht das geringste Anzeichen einer solchen Wetterentwicklung (regnerisch, ja, aber nicht wüst und wild) erkennbar — es reicht, den Gedanken zuzulassen, und schon verwandelt sich die zwar nicht freundliche, aber insgesamt öde-harmlose Szenerie in die Kulisse eines tödlichen Dramas. Und ist es nicht immer so mit der Angst? Man darf sie nicht zulassen, andernfalls gewinnt sie Macht über einen.

Am nächsten Tag dann fast ganz gekniffen und umgekehrt, noch bevor auch nur die Zehen naß wurden, so unfreundlich, so abweisend, so diffus-bedrohlich war die Landschaft, dieses Jahr verbreitet sie aufgrund des geringen Wasserstandes und den kahlen, von den unterschiedlichen Wasserpegeln der letzten Jahrzehnte bebänderten Uferstreifen den Charme eines Industriekanals. Es ist eine Landschaft, in der man jederzeit auf an rostigen Zäunen hangende totenkopfverzierte Warntafeln zu stoßen glaubt. Dazu regnerisch, windig, die Luft schon so fröstelig, daß jeder Gedanke ans Schwimmen Gänsehaut bekommt. Also rein, trotz allem. Es ist kalt, aber ich habe jeden Vergleich verloren, die Temperatur ist dieses Jahr zu launisch, es waren schon 24°, jetzt sind es höchstens noch 21°, doch diese Schätzung hat nichts mehr, woran sie sich orientieren kann. Immerhin einen guten Kilometer geschwommen, eingestiegen auf der Höchstener Seite, weil am gewohnten Ort die Ufer infolge des gesunkenen Wasserstands so steil sind, daß man klettern muß, diagonal rüber, dann am Lenneper Ufer bis fast gegenüber der Spitze, Querung und zurück. Sicher Einbildung: das knarrende Geräusch, das ich auf einmal unter Wasser gehört haben will; als drehte jemand am verschleierten Seegrund Radbolzen fest. Ein interessanter Gedanke an Land, läßt mir die Idee im Wasser und knapp bei Atem das schon ziemlich kühle Blut in den Adern stocken. Sehr entmutigend auch der plötzlich einsetzende Regenschauer, denn ich bin mit dem Fahrrad da, ohne Schirm, und wenn es jetzt anfängt zu schütten, brauche ich mich an Land gar nicht erst abzutrocknen. Aber der Regen hört gleich wieder auf. Ich kämpfe mich mit abwechselnd Brust und Kraul vorwärts. Am Ende noch auf den letzten hundert Metern in einen ganz neuen Rhythmus gefunden und mich mit Atmen nach nur einer Seite (mehr rechts als links) ganz behaglich gefühlt. Aber die Kälte setzt zu. Sie ist es, die die Strecke limitiert, nicht die körperliche Ausdauer. Meine gewohnten drei Beckenkilometer scheinen in dieser klammen Brühe undenkbar. Lange Zeit sehe ich nur einen weißlichen Fleck voraus. Dann, nach ein paar kräftigen Zügen Kraul liegt plötzlich der Rucksack keine zehn Meter vor mir, und es ist geschafft. Der weißliche Fleck ist ein ominöser Schaumschwamm am flachen Ufer, als hätte jemand Geschirrspülmittel ins Wasser gekippt. Mit einer Art trotzigen Hochgefühls steige ich aus dem Wasser. Ich schaffe es gerade, mich abzutrocknen, bevor es zu schütten anfängt.

Sommer, ein Aufholen des Jahrs. Langsames Strömen, in Beharrlichkeit, unmerkliches Schreiten. Die Fernen schießen Garben von Wärme ab, auf den Feldern liegen die Heuballen wie betrunkene Tagelöhner herum, im mürben Laub am Waldgrund platzen Hitzebomben. Luft scheuert an Luft wie die Haut zwischen Zehen. Hart straffen sich die Muskelstränge der Buchen, mit geschwollenen Wurzeln graben sie nach Wasser. Oben kreischen die Schnecken auf den Wegen, während sich die Schatten ins tiefere Gehölz zurückziehen. Verborgen ruht irgendwo ein Lichtfleck auf einem Polster erschlaffter Dunkelheit.

Hürxberg am Ellerntubel

Am guten Ort, auf der Rückseite der Morgenvögel. Im Nußbaum wird die Sonne immer leichter. Seufzende Spatzen, Ideen von weither, manches Fenster ist geöffnet zum Schlaf. Langes, langes Atemholen des Morgens. Der sich erinnert; eine alte Jacke überwirft, die ich kenne von damals, als sie neu war und vor Gegenwart glänzte. Steile Flächen fangen das Licht, die Stockrosen legen Farbe auf. Eine Amsel schlüpft durch ein Loch in der Luft. Plötzlich ist es lange her, daß Glocken waren.

Solstitium

Traurig die Drossel am Abend. Schon ohne Atem beinahe
     zieht sie das Dunkel der Nacht wie eine Krankheit sich zu.
Schatten am Abgrund des Auges, wo Wimpern in Dunkelheit stürzen:
     Tief am Grund nimmt der Bach deiner Verwandlung sich an.

Satyrica

Am Teltschik-Turm scheinen Leute mit Hunden zu sein, schon aus einiger Entfernung höre ich ein Jaulen und Fiepen. Tatsächlich, ein Wagen hat nahebei geparkt. Aber wo ist der Hund, wo seine Halter? Der Platz um den Turm ist verlassen, die Bänke und Tische stehen wie Viehtränken im Regen. Und überhaupt, das Geheul klingt seltsam, bei näherem Hinhören eigentlich gar nicht nach Hund. Kann es sein, daß …? Ernsthaft, bei dem Wetter? Doch doch, unter dieser Annahme ergibt das Geräusch sofort Sinn. Kein Zweifel, was da so jault, kläfft, heult, ist ein Mensch, und der Ursache des jetzt neu eingeordneten Schalls zufolge sind es mit ziemlicher Sicherheit zwei — auch wenn man zunächst nur sie hört. Aber wo sind die beiden? In dem Wagen? Bestimmt nicht, denn sonst wären die Scheiben von Innen wohl ziemlich beschlagen, und nach der Heftigkeit der Schreie zu urteilen, müßte das Fahrzeug tüchtig wackeln. Daß sie irgendwo im nassen Gras liegen, auf dem feuchten Waldboden im Unterholz, scheint wegen der Witterung unwahrscheinlich. Andererseits ist an der Situation sowieso und überhaupt nichts wahrscheinlich. Auch stimmt die Richtung nicht: Die Laute kommen ganz klar von oben, vom Turm. In offener Bauweise errichtet, sind dessen Treppen von außen einsehbar. Würde das Epizentrum des Schalls auf einem der unteren oder mittleren Absätze liegen, müßte man Bewegungen sehen können. Aber da rührt sich nichts, da ist nur tropfender Stahl und nasses Holz. Indessen das Geschrei kurz verebbt, nur um gleich darauf umso lauter wieder einzusetzen. Aber ganz oben, wirklich? Der Turm ist mindestens 40 Meter hoch, die Spitze mit der Aussichtsplattform verliert sich im Nebel. Dort oben weht selbst an einem vermeintlich windstillen Tag immer eine steife Brise, und an diesem Spätwintertag, Temperaturen zwischen 1 und 8 Grad, Nieselregen, muß es da oben scheußlich sein — triefende Nase, klamme Finger, quid non vincit amor?

Rücksichtsvoll doch amüsiert verzog ich mich unter die nächststehenden Bäume (obwohl mich von oben so wenig jemand würde bemerkt haben, wie ich von unten die Aussichtsplattform im Nebel erkennen konnte), dachte an ein Lessinggedicht (nur umgekehrt) und lauschte mit einigem Vergnügen, wie oben die Schreie spitzer und schriller wurden, Fleisch gegen Fleisch klatschte und endlich auch seine Stimme, ein kurzes Keuchen, sich hören ließ — und dann war es vorbei. Ein, zweimal quiekte und seufzte es noch von oben, dann hörte ich, wie zwei sich vermutlich Liebes zumurmelten, und beschloß, daß es Zeit sei, dem Ort und dem Geschehen taktvoll den Rücken zu kehren.

Hürxberg

Der gute Ort vorm Aufbruch. Nebel verdünnt den Hügelkamm, die Bergmasse wird leicht und fängt an zu schweben. Hinter den weichgebürsteten Fichtenwipfeln eine Ahnung von Rosa, eine Behauptung, mehr ein Farbwort als eine Farbe. Ein Verweis auf Verborgenes, aber Zugehöriges. Eine Zusage auch, daß die Welt noch zusammenhält. Eine Ruhe liegt darin, liegt im Äußerlichen, in Berg, Nebel, Tagesanbruch, das die wild sprengenden Gedanken zusammenhält. Man möchte die Stirn an den Waldrand legen und selber so ruhig werden, so kühl und so gewiß.

Bever

Die Farben an diesem Wintertag, als hätte jemand versucht, aus welken Blüten ein Gemälde zu sticken. Matt, fahl, erklären sie die Materie zu etwas Durchscheinendem. Selbst der Stein vor dem Fuß, der schwarze, tote Baumstamm am Wegesrand, ein geknickter Ginsterstrauch, sie sind so ausgehöhlt wie ein Teil der Ferne; als dränge nichts ins Nahe, ins Erreichbare hinein. Das Wasser der Bevertalsperre spannt sich wie Folie von Talhang zu Talhang, darunter, scheint es, ist eine Quelle flimmernden Lichts, in dessen je verschiedenen Brechungen nähere und fernere Flächen ineinander verzahnt sind. Niemand bewegt sich an den Ufern, obwohl es immer wieder wie Stimmen übers Wasser fliegt. Wendet man den Kopf; bleibt man stehen, um zu lauschen: so war es doch nur wieder Gänse- oder Reiherruf. Oder das Rascheln der eigenen Kleidung. — Alle zehn Schritte drehe ich mich um, damit ich den Moment nicht verpassen, da der See hinter dem Bogen des Hügels abtaucht und verschwindet, durchsichtig wie Nebel, und gibt doch kein Geheimnis preis.

Halb sechs, letzte Stunden des Jahres. Vereinzelte Böller platzen nah und fern. Sonst ist es still. Das Treppenhaus kehrt in seinen eigenen Wendeln wieder. Sehr fern murmeln die Straßen. Um halb fünf sind Glocken gewesen, lange, festlich und traurig, wie Glocken immer sind. Ich höre vor allem das Traurige darin, die Sehnsucht, den Ausdruck eines unbenennbaren Verlustes, die Erinnerung an etwas, das einmal war, gestern, letztes Jahr, vor Jahrhunderten, und jetzt nicht mehr ist. Einmal, denkt man, müssen die Glocken anders geklungen haben. Tosend, jubelnd, zornig, selbstgerecht, hoffnungsvoll, panisch, freudig. Als das, was sie jetzt beklagen, noch nicht verloren war und sie auf nichts zeigten als auf die Gegenwart. Ich bin ein Kind, das die Nase an einer kalten Scheibe plattdrückt und in die Winterdämmerung hinausschaut, sehnsuchtsvoll, und es weiß nicht, wonach, und die verschneite Welt birgt diese hallenden, wogenden, klagenden Stimmen, irgendwo weiß vielleicht irgendwer, was verloren ging, und warum die Glocken so traurig sind. Das Gesicht spiegelt sich im Glas, ein Atemhauch fliegt darüber, noch ein Glockenschlag und noch einer, träger jetzt, mit längeren Pausen, wie ein Schluchzen, das sich langsam erschöpft. Schon damals, schon in der Kindheit, war alles voller Vergangenheit und Stunden wie diese, da die Abendglocken schlugen und ich vielleicht Fieber hatte oder Husten, angefüllt mit einer Trauer, von der ich gar nichts wissen konnte. Als würde ich mich nach eben der Kindheit bereits zurücksehnen, die ich gerade erlebte. Als würde ich Zeuge meiner eigenen dereinstigen Vergangenheit. Als wüßte ich schon, daß dieser Blick in die Winterwelt, über die der Glockenschlag sich in Wellen breitete, einer viel späteren Zeit angehörte; als sähe ich mich selbst von sehr, sehr fern, als das lang versunkene Kind, das ich in diesem Moment noch war. Das, was ich erlebte, war unendlich kostbar, und zugleich war unbegreiflich, warum es so kostbar war. Es war etwas, das ich verlieren würde, bevor ich es besäße, etwas, das ich erst wissen würde, wenn ich es vergessen hätte. Etwas, das ich in genau diesem Augenblick verlor, als der letzte Glockenschlag bebend in der Dunkelheit verklang.

Unbefleckt

Man kann, wie Antje Schrupp das tut, die jungfräuliche Empfängnis Mariens mit dem Hinweis, es sei inakzeptabel, den Wert einer Frau an ihrer sexuellen Vergangenheit bemessen zu wollen, in Bausch und Bogen als patriarchalen Feuchttraum ablehnen — oder man nimmt die Geschichte ernst: dann bleibt man für andere Deutungen offen, die vielleicht nicht historisch-exegetisch zu verteidigen sind, aber dennoch prima Sinn ergeben. Wie es ja die Natur von guten Geschichten ist, offen für alle möglichen Deutungen zu sein. Die jungfräuliche Empfängnis steht für das Unmögliche, das im Wunder möglich wird. Sie ist so unmöglich, wie es unmöglich ist, daß Farn blüht, Vögel Milch geben oder Hasen Eier legen. Sie widerspricht jeder biologischen Erfahrung. Ist die Welt auch gesetzmäßig eingerichtet, so zeigt sich Gott in der Jungfrauengeburt als der, der an die eigenen Gesetze nicht gebunden ist. (Denn für Gott ist nichts unmöglich, Lk 1, 37.) Was aus menschlicher Sicht schon die ganze Welt schien, erweist sich als unvollständig, erweist sich als begrenzt, erweist sich gegenüber dem, was Gott ist, verarmt, des Wunders bedürftig. Man könnte salopp sagen, da ist noch Luft nach oben. Die Geburt Jesu durch eine Jungfrau ist eine Revolte gegen den Verstand und gegen das vermeintliche Wissen, das die Welt für vollständig hält. Die Welt stellt sich als unvollständig, als größer, viel größer heraus, als wir glaubten. Das Wunder ist der Ort, wo Gott diese größere Wirklichkeit für einen Moment aufscheinen läßt, indem er die Oberfläche, auf der wir leben und die wir für alles halten, als Willkürakt durchstößt. Als Zeichen seines Willens, der, an keine Kausalkette gebunden, eine eigene neue initiieren kann.

Freilich tut es zu diesem Zweck jedes beliebige Wunder. Gott hätte Jesus auch mit einem Schaf zeugen, ihn aus dem Oberschenkel Josephs heranwachsen oder ihn aus einer Schaumkrone ans Ufer spülen lassen können. Narratologisch-theologisch stellt sich das Problem, daß Gottes Sohn zwar das irdische Dasein mit allen Konsequenzen antreten, daß er ein Mensch aus Fleisch und Blut sein, daß er schwitzen und hungern und leiden, daß er den Härten des Irdischen unterworfen sein muß wie der Rest der Menschheit. Andererseits muß aber auch irgendwo die göttliche Herkunft durchschimmern, muß es irgendwo nicht mit rechten Dingen zugehen. Zu göttlich, und man glaubt dem Gottessohn sein Ausgeliefertsein an die irdische Natur nicht mehr: schließlich sind nach griechischer Erzähltradition alle von Göttern mit Sterblichen gezeugten Kinder nicht ganz von dieser Welt, haben einige interessante Eigenschaften ihren Mitgeschöpfen voraus oder sind gleich selbst Götter oder zumindest gottgleiche Wesen, jedenfalls kraft ihrer Herkunft auf die eine oder andere Weise privilegiert. Ein solches Privileg darf Jesus nicht haben, sonst fällt die theologische Konstruktion in sich zusammen. Die Fleischwerdung wäre quasi gemogelt. Aber ein kleines Wunder muß schon auch sein, sonst glaubt man die Vaterschaft nicht. Wenn nun schon das Gezeugte recht normal zu sein hat, verlegt man das Wunder eben, zwar nicht in die Mutter, aber immerhin in den Vorgang der Zeugung selbst.

Auch seltsame Zeugungsvorgänge haben eine gute Tradition im Mythos. Wie genau soll etwa Zeus in Gestalt eines Schwans Leda geschwängert haben? Oder Danae — recht abstrakt — in der Körperlichkeit eines, ähm, Goldregens? (Ein Schelm, wer hier an golden shower denkt.) Von Kopf-, Schenkel- und Schaumgeburten mal ganz zu schweigen. Ich nehme an, die Griechen hätten über das Gewese, das Theologen, Kirchenkritiker, Häretiker und neuerdings Feministinnen über die Jungfrauengeburt machen, angesichts etwa der Zeugung des Orion nur mit den Achseln gezuckt. Aber der Gott der Juden ist theologisch von ganz anderem Kaliber; dieser Gott ist so unfaßbar, daß die Schnittstelle zwischen Göttlichem und Menschlichem zum Problem wird. Will man ihn in einer Erzählung Vater werden lassen, muß man mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen. Man kann diesem hinsichtlich Gestalt, Wesen, Natur ziemlich zurückhaltenden Gott nicht einfach einen Penis andichten. Daß Zeus einen hatte, daran besteht wohl kein Zweifel, zumindest berichtet der Mythos deutlich genug von göttlichen Ejakulationen. Da ist eine Menge Fleisch, wenn auch göttliches Fleisch im Spiel, wenn Götter zur Zeugung schreiten. Aber der alttestamentliche JHWH? Man tut sich schwer bei der Vorstellung, Gott habe bei Jesu Zeugung mit einem Penis in Marien Schoß herumgefuhrwerkt, sei dabei etwas grob zu Werke gegangen und habe dabei ein Häutchen zerrissen. (Das Hymen ist natürlich ein Mythos ganz eigener Art, aber darum soll es jetzt nicht gehen. Ich finde es nur interessant, daß bei den Griechen und Römern nie die Rede davon ist. Unerlaubter Geschlechtsverkehr verrät sich dort niemals durch Blut auf dem Laken, sondern immer gleich durch die Schwangerschaft.) Jedenfalls ist, wenn man schon an ein Hymen glaubt, der Schluß geradezu unausweichlich, daß dieses bei Gottes Intervention heil blieb — ganz einfach, weil die umgekehrte Vorstellung lächerlich wäre. (Wie es um den Zustand der noch einmal davongekommenen Membran nach der Geburt bestellt ist und ob es auch der Austreibung unseres Erlösers aus dem Geburtskanal standgehalten habe, mag hier mal außen vor bleiben.) Gott muß das also anders bewerkstelligt haben — aber wie, das entzieht sich in einer Weise, wie es eben typisch für diesen Gott ist, der Vorstellung. Allzu konkret (Goldregen?) dürfen wir hier nicht werden, sonst würde das Unnahbare und Unmanifeste Gottes in die Dinghaftigkeit gezerrt und zerstört. Das Konkrete ist der Feind des Mysteriums. Wenn man sich auf das Konkrete einläßt, entfesselt man eine Kaskade unangenehmer Fragen und Schlüsse. Wenn Gott konkret eine menschliche Frau schwängern konnte, dann muß er einen Penis haben. Dann muß er praktischerweise auch eine Erektion gehabt haben. Dann muß er auch ejakuliert haben. Hat er Vergnügen dabei empfunden? Irgendwie ist die Vorstellung absurd, Gott (dieser Gott zumal) könne Spaß am Sex gehabt haben. (Mit wem hat er dann Sex, wenn er nicht gerade Erlöser zeugt? Oder war ihm einmal genug? Und was ist eigentlich aus den nicht zum Zug gekommenen göttlichen Spermien geworden? Oder enthielt das Sperma Gottes nur eine einzige Samenzelle?) Wenn ein Gott, der Spaß hat, abwegig ist, ist freilich auch ein zürnender Gott abwegig, aber das führt jetzt zu weit. Jedenfalls bringt das unangetastete Hymen der Muttergottes diese und ähnliche Überlegungen mit einem Mal zum Verstummen, indem es darauf verweist, daß die Zeugung Jesu in einem unbegreiflichen Raum stattgehabt haben muß. Das Problem ist, wie man den Übergang vom Unmanifesten Gottes zum Manifesten von Schwangerschaft und Geburt gestaltet. Das heile Hymen Marias ist seine narratologische Lösung.

Sechs Uhr abends, seit einer Stunde dunkel, die Glocken läuten, sie läuten Heimat, läuten Frieden, läuten Hoffnung, läuten Trost. Vom Wald herunter bin ich vorhin an der Kirche vorbei gestapft, da dämmerte es schon. Aus dem halboffenen Portal fiel ein warmer Lichtschein auf die Stufen, und für einen Moment war ich versucht, hineinzugehen, verschlammten Fußes und verschwitzt wie ich war. Ich tat es nicht, mehr aus Eile, nach Hause zu kommen, denn aus Fremdheit den Glaubensdingen gegenüber. Nur die Glocken sind von diesem Teil meiner Lebensheimat übrig, das andere habe ich all die Jahre nicht beachtet. Vielleicht wird es Zeit, das wieder hervorzuholen und ernst zu nehmen, was mir guttut. Schließlich sind nicht die Menschen für Gott, sondern ist Gott für die Menschen da, auch für die Ungläubigen wie mich, vielleicht gerade für sie.