Kieztouren mit Herz 2023 – soziale Themen entdecken

für BerlinerINNEN und Berlinreisende auch 2023 – leider mit weniger Themen:

Kieztouren 2023

Sa, 1. Juli 11.00 bis 13.00 Uhr Kieztour mit Herz:
Schnauze voll, Taschen leer: Meine Armut kotzt mich an

KOSTEN 5,00 € (Bezahlung in bar und vor Ort)
WEITERE INFORMATIONEN UND ANMELDUNG UNTER:
Veranstalter: Erzbistum Berlin Tel.:  030 666 33-1266

 

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Eigentlich … – oder: Was ist Zeitsouveränität?

-„Eigentlich…“ so setzt sie an „wollte ich heute zu den öffentlichen Veranstaltungen der Special Olympics gehen. Da kann man kostenlos Sportangebote ausprobieren. Am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus und anderswo. Infostände und kreative Angebote gibt es auch, habe ich gehört“.

– Aber – frage ich sie.

– Die letzten beiden Wochen ist ganz wenig von der Tafel gekommen. Und gestern Abend gab es dann ganz viel Rhabarber und Pilze.  Das wollte niemand haben. Viele wissen gar nicht, wie man das verarbeitet und was man damit machen kann Dreieinhalb Kilo Rhabarber und vier Kilo Pilze. Das muß aber schnell verarbeitet werden, spätestens am nächsten Morgen. … Deswegen wurde es heute nichts mit den Special Olympics.“

Armut wird oft unter dem Aspekt des finanziellen Eingeschränkt seins und der mangelnden Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben gesehen. Was selten in den Blick kommt ist die Tatsache, daß armutsbetroffene Menschen über sehr viel weniger Zeitsouveränität verfügen als andere. Man könnte es auf die Formel bringen: Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto weniger Zeitsouveränität.

Ich kenne jemanden, der hier illegalisiert arbeitet, immer das Handy an hat, denn es könnte ein Anruf mit einem Arbeitsangebot kommen. Da kam durchaus schon nach Mitternacht die Anfrage zu einem Einsatz wegen eines Wasserrohrbruchs.

Der Begriff der Zeitsouveränität wurde ursprünglich auf die Arbeitswelt bezogen und sagt aus, inwieweit ein Individuum seine Arbeitszeit und Arbeitsabläufe selbst bestimmen kann. Seit einiger Zeit wird der Begriff von den Sozialwissenschaften auch auf andere Lebensbereiche übertragen.

Bei der oben geschilderten Armutserfahrung kann die Betroffene nicht selber bestimmen, wann sie Zeit und Lust hat, Rhabarber zu kaufen und einzukochen. Sie ist von anderen „Größen“ außerhalb ihrer Selbstbestimmung abhängig. 

Wer Lebensmittel von der Tafel braucht, muß sich an die Ausgabezeiten der Tafel halten, muß zu der ihm / ihr zugewisenen Ausgabestelle gehen und das dort vorgeschriebene Prozedere durchlaufen (Anmeldung, Nachweis der Bedürftigkeit, Warteschlange …). Lebensmittel werden zugeteilt. Es bestehen beschränkte Auswahlmöglichkeiten. 

Für Menschen in noch prekäreren Verhältnissen, die auf der Strasse leben, ist der Handlungsspielraum noch geringer: Wann hat welche Essensausgabe geöffnet? Wo sind Kleiderkammern (mit oder ohne Bedürftigkeitsnachweis). Darf man sich selber Kleidungsstücke aussuchen und anprobieren oder wird einem etwas zugeteilt? In welchem Treffpunkt kann man seine Kleidung waschen? Wo gibt es eine Hygienestation oder ein Duschmobil? Welche Notübernachtung hat an welchem Tag geöffnet? Wenn kein Platz mehr verfügbar ist, wo gibt es dann ein offenes Nachtcafe? Wo bekommt man bei großer Hitze Wasser und Sonnenschutz, bei großer Kälte einen Schlafsack und heiße Getränke? Wer läßt einen die Wasserflasche nachfüllen? Wo kann man aufs Klo gehen? Wo gibt es ein gutes Versteck für den Schlafsack, damit er nicht geklaut wird? Lauter Fragen, mit denen sich ein Mensch, der eine Wohnung hat, nie auseinandersetzen muß.

Wir können das Ganze erweitern und auf kulturelle Angebote hin befragen. Wann gibt es in welcher Kirchengemeinde oder Stadtteilzentrum einen kostenfreien Filmabend? Wann sind Museen kostenfrei zugänglich (in Berlin am 1. Sonntag im Monat). Wie kommt man an ermäßigte Eintrittskarten …Gibt es kostenlos zugängliche Konzerte (Kirchen / Musikschulen ( UdK = Universität der Künste) …Wann findet der Tag des offenen Denkmals statt? Die lange Nacht der Museen oder der Wissenschaften ist für Armutsbetroffene unerschwinglich …

Wußtet Ihr, die Ihr hier mitlest und nicht armutsbetroffen seid, daß Menschen, die im Alter Grundsicherung bekommen (so heißt Hartz IV bzw. Bürgergeld für die über 65 jährigen), daß die davon Betroffenen ihren Antrag jedes Jahr neu stellen müssen? Kein Renter muß seinen Rentenantrag jedes Jahr neu stellen. 

Der Begriff und die Realität von (mangelnder) Zeitsouveränität beinhaltet so viel, daß darüber in diesem Blog noch Einiges geschrieben wird.

Der Ex-Fußballnationalspieler Paul Breitner und seine Tafel-Erfahrung