Posen in der Autowaschstraße

Die Mail an ihn kommt zurück. Früher hatte er einen Face.book-Account. Vielleicht ist er da noch aktiv? Ich bin irritiert. Ein Foto zeigt ihn in Besitzerpose vor einem Luxusauto. Auf den ersten Blick.

Der Hintergrund des Fotos verschwimmt. Ich schaue genauer hin. Das Auto befindet sich in einer Autowaschstraße. Auf den zweiten Blick.

Darunter viele Kommentare von afrikanischen Landsleuten, die ihm zu seinem Erfolg im weit entfernten Europa gratulieren.

Was kaufen für Baby?

Er lebt ohne Papiere und hat gelegentlich in Restaurants den einen oder anderen Job als Spüler. Vier bis fünf Euro ist sein Stundenlohn und gelegentlich darf er übrig gebliebene Pizza mitnehmen.

In einer Kirchengemeinde geht er manchmal zum Gottesdienst. Ein Ehepaar hat ihn und andere Geflüchtete zu Weihnachten eingeladen. Nun hat er erfahren, daß seine Gastgeber ein Baby bekommen haben und möchte etwas schenken. Das ist schwierig für ihn. Mit Babys kennt er sich nicht aus, spricht nur wenig deutsch und ist einer der schüchternsten Menschen, die ich kenne.

Ganz stolz zeigt er eine Riesentüte. Alles für das Baby – und zwar in Großpackungen: Windeln, Babypuder, Creme, Babybad, verschiedene Sorten Brei… Dafür hat er mindestens zehn Stunden gearbeitet.

Wie er das gemacht hat? Er war im Drogeriemarkt und hat Leute angesprochen: „Bitte helfen. Was kaufen für Baby?“

Film: Yves‘ Versprechen

Vor einiger Zeit konnte ich im Kino den Film Yves‘ Versprechen sehen, der mich sehr beeindruckt hat:

Yves sitzt in Spanien fest. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Vor acht Jahren ist er in Kamerun aufgebrochen, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Seitdem hat die Familie nichts von ihm gehört. Die Filmemacherin Melanie Gärtner zeichnet Videobotschaften von Yves auf, reist damit nach Kamerun und trifft dort seine Familie. Bei all der Erleichterung über das Lebenszeichen von Yves werden Erwartungen laut, schließlich hat Yves es ins gelobte Europa geschafft. In den Augen seiner Familie kann nur er ihr Leben zum Besseren wenden. Er darf nicht scheitern, denn eine Rückkehr ist ausgeschlossen.

Einen kurzen Ausschnitt (1 1/2 Mimuten) kann man hier sehen:

Ein Nachgespräch mit der Frankfurter Regisseurin Melanie Gärtner (33 Minuten), in dem sie auf unterschiedliche Fragestellungen im Zusammenhang mit der Filmproduktion eingeht, ist hier zu sehen: 

 

Den Film (79 Minuten) kann man für sechzehn Euronen zum privaten Gebrauch hier bestellen. Die Orginalfassung ist in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Deutschland – Niemandsland

Hier ist er ein NIEMAND. NIEMAND ist in einem der zwanzig ärmsten Länder der Erde geboren. Armut und Korruption beherrschen das Leben in seinem Land. Keine Zukunftsperspektive. Die Großfamilie sammelt Geld und verschuldet sich. Er schafft es – wie auch immer – nach Europa, nach Deutschland.

Er will arbeiten. Die Familie hat große Erwartungen. Europa ist reich. Da wird es einer, der arbeiten will und kann doch schaffen. NIEMAND erhält kein Bleiberecht. Armut und Familienkonflikte, die er im Verfahren angibt, zählen nicht. 

So versucht er sich durchzuschlagen. Er lernt schnell die Landessprache, nimmt unterschiedliche Jobs auf Baustellen, Restaurants und im Sicherheitsgewerbe an – alle minimal bezahlt. 

NIEMAND lernt eine deutsche Frau kennen. Die beiden verlieben sich und wollen heiraten. Dafür braucht er Papiere. Einen Reisepaß hat er nicht mehr. Unterwegs verloren, weggeworfen oder Schleusern gegeben.

NIEMAND geht zur Botschaft seines Landes. Sie machen ihm deutlich, dass sie ihm nicht helfen werden. Ist er überhaupt Bürger ihres Landes? Dafür müßte er über seine Verwandten im Heimatland Belege beibringen. Das Procedere um diese Belege zu erhalten läuft über die Behörden seines Geburtslandes und die Botschaft.

Die Behörden des Heimatlandes senden die erforderlichen Dokumente nur, wenn durch die Botschaft anerkannt ist, daß er ein Bürger dieses Landes ist …

Seine Partnerin ist schwanger. Er lernt: Der Vater eines deutschen Kindes kann nicht abgeschoben werden – zumindest bis das Kind volljährig ist. 

Deutschland: Für ihn ein Niemandsland

Der Titel dieses Blogposts ist vom Wort desTages bei Frau Wildgans inspiriert.