Geburt – anders als gedacht

In einer Nacht gegen drei Uhr klingelt es: Sie steht vor der Tür: Eine schwarze Frau, hochschwanger mit einem etwa fünfjährigen Mädchen an der Hand. Ein paar Tage später ist klar, dass sie im achten Monat ist. In einem Krankenhaus wird sie anonym gebären können. „Wenn es soweit ist, bringen Sie sie zu uns. Wir entbinden sie.“

Über Lampedusa sind die beiden gekommen. Wie lange sie wohl unterwegs waren? Fast dreitausend Kilometer. Das kleine Mädchen versteht etwas englisch und spricht flüssig italienisch. Das Kind schreit jede Nacht im Schlaf. Mehrmals.

In einer anderen Nacht: Die Afrikanerin biegt sich unter Schmerzen. Sie hat heftige Blutungen. Es geht nicht ohne Notarzt. „Sie können sie ins XY-Krankenhaus bringen. Dort gibt es einen Platz für sie.“ Der Notarzt schaut verständnislos und schüttelt den Kopf:

Ein Jahr später bei einem Besuch im XY-Krankenhaus wird klar, warum der Notarzt verständnislos den Kopf schüttelte: Es gibt dort keine geburtshilfliche Abteilung.

das violette Fahrrad

Ein Raum, wo einer sich zeigen konnte mit seiner Not und von wo er herkommt aber nicht hinfahren kann zum runden Geburtstag der alt gewordenen Mutter. Sie versorgt er durch sein Flaschen sammeln. Jeden Tag bis zu zehn Stunden – außer Sonntag.

Und dann: An einer Straßenecke steht es: Das violette Fahrrad angeschlossen. Genau DAS violette Fahrrad. Ein schönes Fahrrad, das ihm geschenkt worden ist. Vor einigen Wochen wurde es ihm gestohlen. Nun steht es hier angeschlossen an ein anderes Rad und ein Gestänge. Mehrfach gesichert. Und der, dem es gehört, der kann nichts tun. Weil er unsichtbar bleiben muß. Steht daneben und muß es stehen lassen.

Kriegsfolgen

Er war siebzehn als sein Land ihn in den Krieg geschickt hat. Eine Schußverletzung. Er hat überlebt. Aber eine Niere mußten sie ihm entnehmen. Er braucht Medikamente. Er braucht eine medizinische Behandlung. Sein Land ist arm. Eine medizinische Behandlung gibt es für ihn dort nicht. Hier geht er dorthin, wo sie Menschen ohne Krankenversiche-rung behandeln. Dort bekommt er die Medikamente, die er braucht. Aber nicht in seinem Heimatland.

Überweisungsgebühr 22 Euro

Er kann kein Konto eröffnen. Er muss andere Wege finden, damit seine Familie das Geld, das er hier erarbeitet, bekommt. Er recherchiert lange. Die günstigste Möglichkeit, die er herausfindet und die andere in vergleichbarer Situation nutzen: Für Beträge bis zu 500 Euro kostet es zweiundzwanzig Euro. Dafür muss er drei bis vier Stunden arbeiten – vielleicht auch mehr – je nach dem.