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Die Britzer Prinzessin – ist ein Prinz.

Ein archäologischer Fundkrimi in drei Teilen

Teil 2 Die Sensation in den Medien und die Berliner Öffentlichkeit

von Elsbeth Bösl

Berlin, 5. April 1951: Berlin, 5. April 1951. Die Nachricht vom Fund in Britz macht schnell die Runde. Innerhalb weniger Stunden greifen mehrere Berliner Tageszeitungen das Thema auf. Der Journalist Herbert Dahler erklärt im „Neuköllner Anzeiger“ unter der Überschrift „Frühgeschichtlicher Fund in Britz“, es handle sich um einen „Fund von besonderem Seltenheitswert“ – genau das war es ja auch (N.N. [Dahler?]: Frühgeschichtlicher Fund in Britz, in: Berliner Anzeiger, 5.4.1951).

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Die ersten Berichte sind noch widersprüchlich. Manche Details stimmen, andere sind vage – und einiges ist schlicht falsch. Doch eines wird den Leserinnen und Lesern schnell klar: In Britz ist ein außergewöhnlicher frühgeschichtlicher Fund entdeckt worden. Die Redakteure bemühen sich, O-Töne der am Fund Beteiligten zu drucken, und die ersten wissenschaftlichen Fakten zu erfassen.

Fake News 1951

Das gelingt nicht immer besonders gut: Im „Telegraf“ erscheint ein Artikel mit dem Titel „1500 Jahre im Berliner Lehm“, der nicht nur die Lage des Mädchenskeletts falsch darstellt, sondern munter über eine Perlmuttschale und „Semnonen oder Burgunder“ fabuliert, die sich angeblich in diesem Gebiet aufgehalten hätten (W.: 1500 Jahre im Berliner Lehm, in: Telegraf, 5.4.1951). Ausgerechnet die „Heimatkundliche Vereinigung Britz“, ein örtlicher Heimatverein, schreibt den Artikel ab und übernimmt die Falschmeldungen in ihr eigenes Mitteilungsblatt. Gertrud Dorka reagiert empört. Noch am nächsten Tag schreibt sie an den Herausgeber und protestiert gegen diese „Unwahrheiten“. In Zukunft, fordert sie, solle man sich lieber direkt an sie oder an das Museum wenden – statt Presseberichte abzuschreiben, die aus „Sensationslust“ entstanden seien (Gertrud Dorka an Rudolf Anders, 6.5.1951, SMB/MVF D 1951 A-Z).

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Der Artikel des „Telegraf“, der Gertrud Dorka so empört, Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Berlin, Archäologische Fundstellen in Berlin, Ortsakte Nr. 596.

Gertrud Dorka ist es sehr wichtig, welche Informationen in die Öffentlichkeit gelangen, und sie versucht dies zu steuern, so gut sie kann. Denn sie weiß, was sie in Händen hält. Der Fund aus Britz ist mehr als ein Glücksfall – er ist sowohl wissenschaftlich bedeutsam als auch absolut medientauglich. Die Berliner Medien sind elektrisiert. Sie stürzen sich auf die Nachrichten. Und Dorka versteht es, den Fund ins Gespräch zu bringen.

In Herbert Dahler findet sie einen Lokaljournalisten, mit dem die Zusammenarbeit gut funktioniert. Er informiert sich ausführlich bei ihr und kommt mehrfach ins Museum, um zu recherchieren. Am 11. April bringt er im „Berliner Anzeiger“ einen umfangreichen Artikel. Weitere Zeitungen folgen. Wenige Tage später steht sogar eine Journalistin des Nordwestdeutschen Rundfunks im Museum. Sie nimmt eine dreiminütige Radioreportage über den Fund von Britz auf (SMB/MVF, IXf4 b-14-3, Einträge vom 17.4. und 18.4.1951). Noch immer erscheinen auch Zeitungsartikel.

Auch etwa ein Jahr nach dem Fund, als wesentliche Ergebnisse bereits publiziert sind, berichtet „Der Tag“ über die „Prinzessin von Britz“ (L.G. 16.3.1952.) Und diesmal ist ausdrücklich von der „Prinzessin“ die Rede.

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Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Berlin, Archäologische Fundstellen in Berlin, Ortsakte Nr. 596.

Doch Gertrud Dorka verlässt sich nicht nur auf Zeitungen und Radio. Sie nutzt auch andere Wege der Wissenschaftskommunikation, um den Fund bekannt zu machen. Sie bereitet rasch mehrere Vorträge für das Berliner Publikum vor. Schon im April treffen die ehrenamtlichen Berliner Bodendenkmalpfleger und -pflegerinnen zu ihrer monatlichen Versammlung zusammen und Gertrud Dorka berichtet ihnen über die Neufunde (SMB/MVF, IXf4 b-14-3, Eintrag vom 18.4.1951). Sie tragen die Kunde in die Bevölkerung weiter.

Die Sensation – und die bescheidene Realität der Direktorin

Ab Herbst 1951 folgen dann diverse Auftritte vor der interessieren Öffentlichkeit. Der Fund ist so begehrt, dass sogar die zwei Heimatvereine in Britz und Neukölln darüber streiten, wer zuerst einen Vortrag der Museumsdirektorin bekommen darf. Gertrud Dorka bemüht sich zu vermitteln und erklärt, an beiden Orten vortragen zu wollen (SBM/MVF D 2 1951 A-Z, Heimatkundliche Vereinigung Britz an Gertrud Dorka, 7.10.1951, und Gertrud Dorka an Heimatkundliche Vereinigung Britze, 11.10.1951).

Typisch für Gertrud Dorka ist, dass sie diese Gelegenheiten nutzt, um den an der Fundbergung beteiligten Arbeitskräften Anerkennung zu verschaffen – besonders dem Vorarbeiter Gorr. Sie möchte, dass ihr umsichtiges Handeln gesehen und gewürdigt wird (SBM/MVF D 2 1951 A-Z, Gertrud Dorka an N. Jaensch, Heimatkundemuseum Neukölln, 8.9.1951).

„Wir bitten um zahlreichen und pünktlichen Besuch. Auch Damen herzlichst willkommen“.

Mit diesen Worten lädt die Heimatkundliche Vereinigung Britz am 20. November 1951 zum Vortrag über Britz (SMB/MVF IXf 4b-12/27: Einladung zur Monatsversammlung am Mittwoch, 19.12.1951 im Pilsator am Filmeck, Merlau, Britzer Damm, Tagesordnung, in: Mitteilungsblatt der heimatkundlichen Vereinigung Berlin-Britz e.V., 2. Jahrgang, Dezember 1951, H. 12, U2). Der Vortrag scheint ein Erfolg gewesen zu sein. In ihrem Tagebuch notiert sie nüchtern:

„Der Vortrag war gut besucht. Dank: 3 große weiße Chrysanthemen“.

(SMB/MVF IXf4 b-14/4, Eintrag vom 20.11.1951).

Als sie in einer Sitzung der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V. vorträgt, erhält sie, wie sie trocken festhält, als

„Honorar: 1 Bockwurst + ein Glas Bier!“

(SMB/MVF IXf4 b-14/4, Eintrag vom 30.11.1951; dazu SMB/MVF D 2 1951 A-Z, Abschrift aus dem Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., Veranstaltungen September bis Dezember 1915, Vortragsankündigung).

Gertrud Dorka spricht auch in der Berliner Historischen Gesellschaft über Britz (MVF IXf4 b-14/4, 13.2.1952) und reist nach Hannover zur Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens e.V. Berlin, wo sie „mit Lichtbildern“ über „Britzer Bier aus der Völkerwanderungszeit“ spricht (N.N. 1952).

Die Vortragsmanuskripte sind nicht erhalten, sodass sich nicht rekonstruieren lässt, was sie dort sagt. Doch Gertrud Dorka publiziert 1951/52 auch populäre und wissenschaftliche Beiträge über die Funde, aus denen hervorgeht, wie sie die Funde interpretiert.

Schauen wir uns die Geschichte, die sie über das jüngere Individuum aus Grab 2 erzählt, am einem Beitrag näher an, der im Mitteilungsheft der Heimatkundlichen Vereinigung Britz erscheint: Sie berichtet über ein etwa 17 Jahre altes Mädchen mit einer außergewöhnlich reichen Grabausstattung. Die Kleinfunde auf der Brust ein einreihiger Dreilagenkamm, Bronzeschallen, Messer, Schlüssel, Eisenschere interpretiert sie als „die liebste Habe dieses so reich für die Reise ins Jenseits ausgestatteten Menschenkindes“ (Dorka 1951b). Darin steckt schon mehr, als der Befund eigentlich aussagt. Als Archäologin kann Gertrud Dorka nicht sicher wissen, welche Bedeutung die Objekte im Leben der toten Person spielten. Man kann von einem engen Bezug ausgehen, aber letztlich sagen die Objekte mehr über die Bestattenden aus, die sie ins Grab legten, als über die Person selbst. Sie wollten aus einem bestimmten Grund, dass diese die Objekte im Grab dabei hatte – vielleicht ja tatsächlich, weil sie dem verstorbenen Menschen im Leben wichtig waren. Es ist auch eher wahrscheinlich, dass die Objekte im Leben auch von dieser Person getragen bzw. genutzt wurden. Ganz sicher beweisen lässt es sich nicht. Zur Erzählung über die „Prinzessin“ von Britz gehört auch der liebevoll Ton, den Dorka einschlägt, wenn sie über diese schreibt. Sie stellt sich wirklich ein jugendliches Mädchen vor. Das geschieht nicht nur in veröffentlichten Texten, sondern auch in der internen Korrespondenz. In einem Brief an einen späteren Mitarbeiter beschreibt sie die „Prinzessin“ sogar mit sichtbarer Zuneigung:

„‘Die Prinzessin‘ – so nennen wir sie wegen des schöngeformten Köpfchens mit 28 Elfenbeinzähnchen – hat einen kleinen Goldbracteaten unter der Zunge wahrscheinlich mitbekommen mit einem stehenden Kreuze ähnlich dem Obermöllener Stücke, dann eine grünliche Glasschale mit Fadenauflage, 2 Bronzeschnallen, 1 eiserne Schafschere.“

(SBM/MVF D 2 1951 A-Z, Gertrud Dorka an Otto Friedrich Gandert, undatiert).

Die „Prinzessin“ in späteren Jahren: Ausstellungen und Bücher

Dank der großen Resonanz in Presse und Radio sind die Britzer Funde bald in der Berliner Bevölkerung so bekannt, dass Beschwerden aufkommen, dass es kein Museum gibt, in dem man sie anschauen kann (SMB/MVF D2 1952-1954 N-Z, Bezirksstadtrat Lasson an Gertrud Dorka, 19.10.1954). Erst 1955 werden Teile der Funde im wiedereröffneten Museum für Vor- und Frühgeschichte präsentiert. Zu einem noch unbekannten Zeitpunkt gelangt die „Prinzessin von Britz“, dem Museumsführer des Neuköllner Heimatmuseums zufolge, zeitweise in die Eingangshalle von dessen Abteilung „Vorgeschichte, Bodenkunde und Rixdorfer Horizont“ (SMB/MVF IXf 4b-12/32, Heimatmuseum Neukölln, Emil-Fischer-Museum, Museumsführer, 1961).

Und im Jahr 1957 können die Berliner:innen die Gräber von Britz in der Sonderausstellung über neue „Funde aus dem Berliner Raum seit 1945“ anschauen (Wagner, S. 213).

Gertrud Dorka schließt im Jahr 1961, nach ihrer Pensionierung, ein Buch ab, an dem sie lange gearbeitet hat: „Die vor- und frühgeschichtlichen Altertümer des Bezirks Berlin-Neukölln“ (Dorka 1961). Hier wiederholt sie ihre Deutung: „Grab Nr. 2 enthielt die Reste eines Mädchens von 16 Jahren mit grazilem Körperbau” (Dorka 1961, S. 82). Von einer „Prinzessin“ spricht sie hier jedoch nun nicht mehr.

In der „Berliner Morgenpost“ wird 1963 in einer Serie über die Großstadtarchäologie aus der „Prinzessin von Britz“ ein „vermutlich wohlhabendes germanisches Bauernmädchen, im Alter von etwa 17 Jahren gestorben“ (Geisler 1963). Ähnlich und sehr viel zurückhaltender als zuvor liest sich der Text, der den Fund in einer Wanderausstellung ab 1969/70 begleitet: Das „Mädchen von Britz“ ist in der Ausstellung „Archäologie einer Großstadt“ bzw. „Ausgrabungen in Berlin/12.000 Jahre Ur- und Frühgeschichte Berlins“ (Kernd’l/von Müller 1976, S. 16) nicht nur In Deutschland, sondern auch in Stockholm, Warschau, Posen und Stettin zu Gast.

Gertrud Dorkas Nachfolger am Museum, Adriaan von Müller, bearbeitet die Britzer Funde neu und publiziert sie 1962 in seinem umfassenden Artikel „Völkerwanderungszeitliche Körpergräber und spätgermanische Siedlungsräume in der Mark Brandenburg“ (Müller 1962). Auch er drückt sich sachlich-reduziert aus, wie es einer wissenschaftlichen Publikation dieser Zeit entspricht. In der Sache aber bleibt er beim bisherigen Befund eines jugendlichen weibliche Individuums.

Im Museum für Vor- und Frühgeschichte gibt es also lange Zeit keinerlei Zweifel. In einem Katalog aus dem Jahr 1995 spricht auch die Archäologin und spätere stellvertretende Direktorin des Museums, Marion Bertram, vom Mädchen von Britz (Bertram 1995, S. 70). Doch was kam dann? Mit diesem Cliffhanger verabschieden wir uns. In Teil 3 erfahrt ihr mehr darüber, wie es im Jahr 2015 mit der „Prinzessin“ weitergeht und was Marion Bertram mit ihren Kolleginnen noch alles über sie herausfindet.

Literatur und gedruckte Quellen

Bertram 1995: Marion Bertram: Glasschale, Tafel 49, in: Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin/Staatlicher Kulturbesitz (Hg.): Merowingerzeit: die Altertümer im Museum für Vor- und Frühgeschichte, Mainz 1995, 70.

Bertram/Melisch 2018: Ein kleiner Prinz. Neues vom ‚Britzer Mädchengrab‘, in: Acta Praehistorica et Archaeologica 50 (2018), 251–296.

Dorka 1955: Gertrud Dorka: Die Wiedereröffnung des Museums für Vor- und Frühgeschichte, in: Berliner Museen 5 (1955), 3/4, 39–40.

Geisler 1963: Kurt Geisler: Es war vor 1400 Jahren: in Britz trank man Bier, in: Berliner Morgenpost, 2.6.1963, 24.

Grimm 1952: Hans Grimm: Über spätgermanische Skelettreste aus Berlin-Britz und Berlin-Neukölln, in: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie, 44 (1952), H. 1/2, (Festschrift für Hans Weinert), 89–100.

Kernd’l/von Müller 1976: Alfred Kernd’l/Adriaan von Müller: Archäologie in einer Großstadt. 1200 Jahre Ur- und Frühgeschichte Berlins. Führer zur Ausstellung, Köln 1976.

L.G. 1952: Vorgeschichte unterm Pflaster. Die Steinzeit-Molle und die Prinzessin von Britz, in: Der Tag, 16.3.1952.

N.N. 1952: N.N.: Oktober Tagung der VLB, 7.10.-9.10.1952 in Hannover, in: Die Brauerei. Zeitung für das Brauereigewerbe und die Getränke-Industrie, 6 (1952), 39, 1.

Archivalien

Der Beitrag beruht vorwiegend auf Beständen des Berliner Archivs des Museums für Vor- und Frühgeschichte, wo u.a. die Diensttagebücher und die Dienstkorrespondenzen von Gertrud Dorka überliefert sind. Eingesehen wurde außerdem im Landesamt für Denkmalpflege Berlin die Ortsakte Nr. 596.

Dank

Unser herzlicher Dank geht wieder an:

Horst Junker, Julia Reidel und Nadine Schicker vom Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin

Ivo Hörnicke vom Landesdenkmalamt Berlin

Michaela Knoer von der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB) e.V. Berlin

Claudia M. Melisch, Melisch Archäologie KG

Diesen Beitrag zitieren: Elsbeth Bösl: Die Britzer Prinzessin – ist ein Prinz.Teil 2 Die Sensation in den Medien und die Berliner Öffentlichkeit,in: AktArcha. Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n), 28.3.2026, https://aktarcha.hypotheses.org/11920.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Elsbeth Bösl (28. März 2026). Die Britzer Prinzessin – ist ein Prinz. AktArcha. Abgerufen am 18. April 2026 von https://doi.org/10.58079/15yst


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