Ich beschäftige mich aus Gründen in letzter Zeit öfter mit dem Älterwerden. Damit, was eigentlich genau passiert, wenn man älter wird. Nicht nur äußerlich, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerlich. Was passiert, wenn merkt man: Ich stehe nicht mehr im Zentrum?
Wenn das Spotlight verlöscht
Zum einen ändert sich die Haltung meiner Umwelt zu meiner Person. Wir leben in einer Kultur, die Jugend bzw. Jugendlichkeit regelrecht anbetet. Weibliche Sichtbarkeit hängt erstaunlich oft mit Frische, einem jugendlichen, straffen Körper zusammen – man sieht das ja an Trends wie SkinnyTok, über die ich kürzlich geschrieben habe. Jugendlichkeit ist Projektionsfläche, Versprechen – aber irgendwann merkt man: Ich gehöre da nicht mehr dazu.
Das kann wehtun. Es ist nicht gerade angenehm zu spüren, dass man anders gesehen wird, weniger „vielversprechend“, weniger aufregend, weniger anziehend und interessant. Ein Teil von mir trauert – vielleicht nicht um jedes Kompliment, sondern um die Selbstverständlichkeit, einfach als jemand mit Schönheit & Potenzial wahrgenommen zu werden.
Die Kraft des „Nein“
Aber da ist noch etwas anderes. Mit sinkendem Östrogenspiegel hat mein Bedürfnis nach Harmonie abgenommen. Ich war nie besonders diplomatisch – meine Eltern haben mir dieses Gen leider nicht vererbt. 😉 Aber manchmal ist es mir inzwischen selbst ein wenig unheimlich, wie klar ich geworden bin. Deshalb ist bei mir mit der Jugendlichkeit auch die innere Haltung des „Bitte nicht widersprechen“ abhanden gekommen:
„Nein, ich werde meine Haltung zu dieser Sache nicht ändern … Nein, ich muss dafür kein Verständnis haben … Nein, ich muss nicht erst eine Meile in deinen Schuhen gehen, um deine Haltung nachvollziehen zu können … Nein, diese Aufgabe übernehme ich nicht. Ich bin schon ausgelastet. … Nein, das was du da sagst, ist frauenfeindlich … Nein, ich werde nicht über den Kopf des Kollegen hin über das Projekt sprechen, nur weil du damit nicht einverstanden bist und es eilig hast …“
Früher hätte ich das wahrscheinlich weicher formuliert. In drei Nebensätze verpackt, mit viel „Tut mir leid“, und einen Lösungsvorschlag für das „Problem“ hätte ich gleich mitgeliefert. Heute halte ich die Stille aus, die nach dem Nein entsteht.
Mehr Nachsicht – mit einer Ausnahme
Darüber hinaus stelle ich fest: Je älter ich werde, desto liberaler werde ich. Desto mehr Nachsicht habe ich damit, dass andere Menschen einen anderen Lebensstil pflegen als ich (außer, er ist laut und stört, wenn ich nachts schlafen will 😉). Meine Haltung zu so strittigen Themen wie Abtreibung, Homosexualität etc. hat sich völlig verändert – und heute habe ich im Gegenzug wenig Nachsicht mit Personen, die da nicht nachsichtig sind.
Ich weiß nicht, wie viel davon Reife ist und wie viel Biologie. Vielleicht gehört beides zusammen. Vielleicht war mein früheres Harmoniebedürfnis hormonell „mitfinanziert“. Jedenfalls ist heute meine Angst vor Missfallen kleiner geworden. Spürbar kleiner. Und das fühlt sich – ich will ganz ehrlich sein – gut an. Ich habe mir nicht umsonst einen netten Hoodie gekauft, auf dem „I hate People“ steht und einen anderen mit einem gestickten „RESIST!“ darauf!
Die Freiheit der zweiten Reihe
Nicht mehr im Zentrum zu stehen, ist wie gesagt einerseits schmerzhaft. Die Menschen im Zentrum sind wichtig. Sie sind beliebt. Sie sind anziehend. Sie werden gesehen. Sie werden gebraucht.
Aber es kann auch erstaunlich entspannend sein, einen Schritt zurückzutreten. Es gibt zwar weniger Spotlight, aber auch weniger Erwartung. Ich muss heute nicht mehr bei jeder Gelegenheit „Hier! Ich mach’s!“ rufen. Jetzt sind andere dran. Die Jüngeren mit ihrer Energie und ihrem Drang nach vorne. Ich nehme mir die Freiheit auszuwählen. Abzusagen. Andere Prioritäten zu haben.
Und das zeigt sich übrigens auch äußerlich. Früher habe ich fast ausschließlich Schwarz getragen. Versteht mich nicht falsch: Schwarz ist immer noch die beste Farbe! Aber inzwischen kommen andere Farben ins Spiel. Ich habe Sneakers in vielen Farben des Regenbogens. Einen roten Leinenanzug. Lila Pullis. Hosen und Blusen mit witzigen Mustern – nein, keine ältlich wirkenden Blumen. Ich traue mich, mit interessanten Kombinationen oder farbenfrohen Schuhen aufzufallen.
Und falls es jemandem nicht gefällt? Ist mir doch egal. Hauptsache, mir gefällt’s – und es ist bequem. 😉
Hauptsache, mir gefällt’s
Vielleicht ist genau das die eigentliche Verschiebung. Ich verliere eine bestimmte Form von Gefallenwollen und gewinne Spielfreude. Ich verliere das Bedürfnis, überall dazuzugehören, und gehöre heute mir selbst.
Natürlich ist da auch Trauer, da will ich ganz ehrlich sein. Da sind Türen, die sich schließen. Da sind Möglichkeiten, die mir heute nicht mehr offen stehen. Da ist auch Ängstlichkeit und ein gewisses Zögern, wenn es um Neues oder Unbekanntes geht. Hängt wohl auch mit den Hormonen zusammen.
Aber Befreiung und Verlust schließen sich nicht unbedingt aus. Sie können auch in gesunder Weise nebeneinanderstehen: Weniger Anpassung – mehr Haltung. Weniger Gefallenwollen – mehr Selbstbewusstsein. Weniger Östrogen – mehr Haltung. Und überraschend viel Farbe.
Vielleicht sollte ich mir auf Etsy noch den Hoodie holen, auf dem „Badass Woman“ steht? 😉
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