
In jeder epischen Erzählung muss es eine Hauptfigur geben, ein Leviathan ist optional, es geht ja um grundsätzliche Fragen des Lebens. So auch hier. Dieser alte Mann bin jetzt ich, und das Schallmeer wogt in meinem Büro Spielzimmer Raum, in dem ich die 8-Spuraufnahmen (Tascam DSP-24SD) meiner Band abmische (mit Reaper). Nur: Die Altbauwohnung im Herzen meiner geliebten Heimatstadt hat zwar einen trapezoiden Grundriss, deswegen sind stehende Wellen kein Problem (praktisch keine parallelen Wände), aber die im Jahr 1903 energisch aus Vollziegeln gemauerten, reflektionsfreudigen Wände machen den Klang etwas hart. So dass die Mixes woanders zu weich klingen. Und das will man ja auch nicht. Nicht wenn man im Post-Noise, Post-Punk, Post-Grime Sektor operiert.
Also könte ich mir Eierkartons (Ha ha ha ha. Nein.) oder diese hässlichen dunkelgrauen Schaumstoffpyramidenmatten an die Wand kleben. Hatte ich schon erwähnt, dass ich die unerträglich hässlich finde? Ich brauche also etwas, dass wirklich bis 3 oder 4 KHz runter die Höhen dämpft, vorzugsweise an der Wand, die von den Monitoren am meisten beschallt wird, das nicht hässlich ist, nicht giftig und nicht esoterisch teuer. Wie wärs mit Polyesterwatte? Und davor ein eher unauffälliger Baumwollstoff, auf einem einfachen Holzrahmen? Da würden zum Beispiel Dachlatten, 3x5cm, genügen. Aus dem Baumarkt neben der Uni. Da fahr ich mal hin, mit dem Townie. Nur waren die Servicewüstensöhne im Flauhaus geistig-moralisch nicht in der Lage, die abzuschneiden. Und auch das erfuhr ich erst, als ich sie nach einigem Suchen entdeckte, in einer Gruppe um den Bossman geschart. Schwer beschäftigt, alle. Keine Zeit für Kunden. Ok, Zeit für einen meiner magischen Tricks: Ich spreche die einzige Mitarbeiterin an, eine müde aussehende junge Dame im Baumarkt-Outfit. Ob sie wisse, wie das mit dem Zuschnitt wäre. Wenige Sekundenbruchteile später rumpelt der Bossman ins Bild und erklärt weitschweifig wieso und weshalb nicht. Klar, wäre ja noch schöner, wenn in seiner Gegenwart eine Frau fachliche Auskunft geben würde. In seiner Gegenwart. Niemals.

Also pack ich die Dachlatten (3 Meter) auf den Townie und roll nach Hause. Den Baumwollstoff gibts beim Reste Maier, ein paar Gassen weiter ins Lechviertel, und das Polyestervlies auch. Im Bierzimmer (Rumpelkammer gegenüber der Küche) liegt noch meine schwindlige, kleine Elektrostichsäge, zum Dachlatten teilen. Und der anämische Dekotacker, der knapp die Hälfte der Klammern ins Ziel bringt. Und vier hübsche, kleine Spanplattendreiecke, die noch von den Bühnenmonitoren übrig sind, die ich vor 10 Jahren für die kleinen Konzerte in der Haifischbar gebaut hab. Die sind genau richtig, um drangeschraubt die Ecken zu verstärken. Schallschluckwand fast fertig. So ein Altbau hat den Vorteil, dass man Schraubhaken mit der Hand in die Decke drehen kann, irgendwann kommen Holzbretter und die Schraube greift. So sieht das dann aus, ca 185 x 135 cm:

Und so von der Seite, links das Polyestervlies, rechts die Zimmerwand mit Rauhfasertapete:

Und das ist mein semiprofessioneller Mischplatz mit den alten 4312A Main Monitors, die ich 1988 für mein damaliges 16-Spurtonstudio Phase 4 gekauft hatte, den JBL Control Ones, die ich super angenehm finde und der Reaper DAW auf meinem nicht mehr völlig top-aktuellen Gaming-PC.

So. Genug erzählt. Mich zieht es wieder hinaus aufs Schallmeer. Der Raum klingt jetzt übrigens präziser, aber nicht überdämpft. Sollen ruhig kommen, die Wellen.


