Die Bibliotheca Palatina – Vom Mythos der Wiedervereinigung

Im Colloquium „Digital Humanities – Aktuelle Forschungsthemen“ des Instituts für Digital Humanities der Universität zu Köln war am 30. April 2026 Dr. Suzette van Haaren zu Gast. Als Postdoc wirkt sie seit 2023 an der Ruhr-Uni Bochum im Projekt „Virtuelle Lebenswelten“ im Bereich „Virtuelles Mittelalter: Virtuelle Objekte in der mediävistischen Forschung“ mit. In ihrem Vortrag „How we imagine libraries: virtuality and the digital reconstruction of the Bibliotheca Palatina” widmete Dr. Suzette van Haaren sich der Frage, wie wir den Begriff „Bibliothek“ verstehen und wie wir Bibliotheken virtuell rekonstruieren können. Dabei erzählte sie die mystische Geschichte der Rekonstruktion der Bibliotheca Palatina, die sogenannte „Mutter aller Bibliotheken“ (Johann Schmidt 1641).


Abb. 1: Johann Schmidt, Gott zu Lob: Drey christl. Danckpredigten wegen der 1440 erfundenen Buchdrucker-Kunst (Strassburg, 1641), S. 61

In Heidelberg befand sich eine der wichtigsten Bibliothek der Renaissance, die damit die größte Wissenssammlung des Mittelalters nördlich der Alpen bildete, so Van Haaren. Die Bibliothek entstand gemeinsam mit der Universität Heidelberg 1386 und nahm viele kleinere Bibliotheken unter anderem aus Klöstern auf. Im Dreißigjährigen Krieg fiel die Bibliothek Plünderungen zum Opfer, wobei von den 196 gestohlenen Kisten an Manuskripten 184 letztendlich im Vatikan landeten. Als größte protestantische Wissensbasis des Mittelalters bildet diese Bewegung der Manuskripte auch eine Verschiebung von religiöser und politischer Macht. Dieser Verlust der Manuskripte brachte die Legenden einer tragischen Trennung der Bibliotheca Palatina hervor.

Mit Blick auf ihre Forschungen zur Herkunft der einzelnen Manuskripte brach Van Haaren die Legende der „Mutter aller Bibliotheken“ jedoch schnell auf. Insgesamt seien alle Manuskripte „nur“ etwa 70 Jahre beisammen gewesen. Statt einer großen Einheit, sei sie eher eine Sammlung von Sammlungen. Die tragischen Erzählungen verstärkten sich im Laufe der Zeit im Rückblick auf die Plünderung und bekräftigten sich jedes Mal erneut. Trotzdem seien diese Verlusterzählungen wichtig gewesen, um die Relevanz von Forschungsprojekten zu untermalen und Fördergelder zu sichern.

Die Geschichte der Bibliotheca Palatina

Die Bibliotheca, welche ihre Ursprünge im Jahr 1386 hatte, bestand einst aus 3.500 Handschriften und rund 12.000 Drucken, welche von diversen Professoren und Nachlässen von Sammlern zusammengebracht wurde (vgl. Thadeusz 2019). Die Bestände waren zu Teilen in der Schlossbibliothek, den Fakultätsbibliotheken sowie der Hauptbibliothek der Universität gelagert und wurden letztendlich von Ottheinrich in der Heiliggeistkirche in Heidelberg zusammengeführt. Sie alle zusammen bildeten die Bibliotheca Palatina.

Im November 1622 entwand der Gesandte Leone Alacci, auf Geheiß von Papst Gregor XV, 192 Kisten der Bücherbestände, wovon er 12 für sich behielt, und nahm sie mit nach Rom in den Vatikan. Damit wurde die Bibliotheca, welche sich bis dato zu Teilen in der Heiliggeistkirche und auf dem Schloss der Universitätsbibliothek befand, getrennt. Dies geschah wohl damit sie „die Waffen der Ketzer zu Schutzschilden der rechten Konfession“ sein konnten (Mittler 2021, S. 285). Durch die Einnahme der Pfalz und Heidelbergs während des Dreißigjährigen Kriegs und dem damit einhergehenden Zufalls des Staatsgebiets zur bayrischen Besatzung wurden die Region „zwangskatholisiert“, die Universität aufgelöst und die Bestände als Geschenk an den Papst entwendet. Die „überwiegend protestantische Literatur“ konnte somit von der katholischen Kirche in Gewahrsam genommen werden (vgl. Zimmermann, Effinger 2012).

Abb. 2: 13.02.1816, Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung; https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/LPMMBP66UBDNGEV54NACWSWEPR6OTDMF?issuepage=3

Im Jahr 1816 wurden 847 deutschsprachige, 9 griechische und 16 lateinische Codices1 zurückgeführt, die übrigen sind bis heute in der Biblioteca Apostolica Vaticana (ebd.).

Anlässlich des 600. Jubiläum der Gründung der Universitätsbibliothek in Heidelberg sollten auf vier Monate befristet 400 Handschriften und Drucke in Rom ausgeliehen und zusammen mit 200 weiteren Handschriften dem Publikum in Heidelberg zuteilwerden. Anfangs noch ungewiss, ob dieses Unterfangen funktioniert, oder gar interessiertes Publikum anziehen würde, war man überrascht über die rekordverdächtige Zahl von rund 272.000 Besucher:innen. Durch diesen Erfolg wurde die Ausstellung um einen weiteren Monat erweitert. Später digitalisierte ein Team von rund 24 Personen die Handschriften und erstellte eine Mikroficheedition2 der Drucke, um die Bibliothek virtuell erfahrbar und für die Welt nutzbar zu machen.

Nicht nur die Besucherzahlen, sondern auch die Vielzahl an wissenschaftlichen Beiträgen, Haus- und Abschlussarbeiten, welche auf Basis dieses Bestandes erstellt und veröffentlicht wurden, zeugen von dem öffentlichen Interesse und dem nachhaltigen Einfluss, den diese Digitalisierung nach sich zog.

Erschließung der Schriften

Einige Besucher versuchten bereits im 17. und 18. Jahrhundert die Bestände in der Biblioteca im Vatikan zu erschließen, dies wurde jedoch vom Vatikan erschwert und nur wenigen Personen überhaupt Zugang gewährt. Die erste Erschließung konnte somit erst mit der ersten Rückführung nach Heidelberg im Jahr 1816 beginnen, was sich durch ein Kurzverzeichnis der Handschriften, einem Katalog und Beschreibungen zu den Manuskripten, welche alle veröffentlicht wurden, auszeichnete. Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch die lateinischen sowie griechischen Codices aus dem Vatikan erschlossen und Teile davon in Katalogen veröffentlicht. Seit den 1960ern konnte die bisher größten Erschließungen mithilfe von institutioneller Förderung geschehen. Bisher „erschienen seit 1981 vier Kataloge zu den lateinischen Palatinahandschriften und fünf zu den deutschsprachigen“, dazu noch einige Verzeichnisse, Kataloge, Faksimilebände, Monografien und Mikrofiche-Editionen (Zimmermann 2017).

Im Jahr 2007 schrieb Mittler noch zur Digitalisierung der deutschen Handschriften in Heidelberg: „In etwa drei Jahren werden 848 deutsche Codices, einschließlich des Codex Manesse, mit insgesamt rund 27000 Seiten und circa 7000 Miniaturen weltweit im Internet zugänglich sein“ (Mittler 2007). Dabei bezog er sich auf die deutschen Handschriften im Besitz von Heidelberg. Bis 2021 wurden viele Teile der Bibliotheca Palatina in mehreren Projekten digitalisiert. Diese Digitalisierung ist aber auch weiterhin im Gange (Stand Mai 2026). Der Codex Manesse wurde am 18.05.2023 in das internationale UNESCO-Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen. Die Sammlung ist die umfangreichste für mittelhochdeutsche Lied- und Spruchdichtungen.

Die Bibliotheca heute

Die Fotografien der Manuskripte lassen sich auf einer Website der Universität Heidelberg durchblättern. Die Bibliotheca Palatina sei nun digital wiedervereint, so Van Haaren. Eine solche Digitalisierung, die man schon eine Virtualisierung nennen könne, bringt neue Fragen auf. So folgten auf Van Haarens Vortrag unter anderem Fragen der Zugänglichkeit von Bibliotheken. In ihrer virtuellen Form ermögliche die Bibliotheca Palatina es viel mehr Forschenden auf ihre Manuskripte zuzugreifen. Im Vergleich zur Bibliothek im Vatikan, die auch digitale Versionen der Manuskripte zur Verfügung stelle, versehe die Bibliotheca Palatina – digital die Bilder der Seiten nicht mit Wasserzeichen. Damit lasse sich teilweise besser mit der Heidelberger Version der Manuskripte arbeiten. Die Bibliotheca bietet insgesamt einen viel umfangreicheren Zugang zu den Manuskripten.

Abb. 3: Screenshot von der Webseite zur virtuellen Bibliotheca Palatina https://digi.ub.uni-heidelberg.de/de/bpd/index.html

Im Anschluss an den Vortrag wurde im Plenum über die Veränderung unseres Konzeptes von Bibliotheken diskutiert. Der Bibliotheca in ihrer virtuellen Form fehle es an Bibliothekaren, „Ist sie dann überhaupt noch eine Bibliothek?“, so eine Frage aus dem Hörsaal. Auch fehle in der virtuellen Form das Bummeln durch die Gänge und die drückende Stille von dieser großen Menge an Papier. Und es seien genau diese Fragen, die die Bibliotheca Palatina aufwirft, womit sie den Begriff der Bibliothek erweitere, so Van Haaren.

Fazit

Die Bibliotheca Palatina ist weit vernetzt und verbindet verschiedene Standorte, hat eine spannende Geschichte und eine beeindruckend weit fortgeschrittene Digitalisierung. Als virtuelle Bibliothek existiert sie als Narrativ und ist laut Van Haaren „a library of an absence“ und „composed of imagination“, da sie getrennt von ihren Ursprüngen und nicht real an einem Ort vorliegt. Sie sticht trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, heraus und veranschaulicht, wie Mythos und Geschichte die Digital Humanities geprägt haben und Forschungsgelder beeinflussen, Aufmerksamkeit Forschungsschwerpunkte leitet und wie die Digital Humanities zugleich für eine bessere Zugänglichkeit unserer Vergangenheit fungieren können. Anhand des Baumes kann man die weitere Verzweigung nachverfolgen, die Verbindungen unter den heute verschiedenen Bibliotheken ziehen und ihren gemeinsamen Ursprung bei der „Mutter aller Bibliotheken“, der Bibliotheca  Palatina, erkennen.

Abb. 4: Erstellt von Dr. Suzette van Haaren, um die Verbindungen der Bibliotheca Palatina aufzuzeigen

Fußnoten

  1. Kodex (Plural Codices) ist eine Bezeichnung für historisch überlieferte, handgeschriebene, meist gebundene Bücher. ↩︎
  2. Mikroficheedition oder Mikrofichekatalog ist ein Bibliothekskatalog, bei welchem die Titel auf Mikrofiches bestehen. Auf diesen sind die Abbildungen extrem verkleinert abgebildet und können mithilfe eines Lesegerät ausgelesen werden. Sie speichern je rund 2000–6000 Aufnahmen. ↩︎

Literatur

Über die vortragende Dozentin:

Dr. Suzette van Haaren hat ihr Postdoc-Projekt als Teil des Projektes B02.1 Virtuelles Mittelalter: Virtuelle Objekte in der mediävistischen Forschung im SFB 1567 Virtuelle Lebenswelten fast abgeschlossen. Sie befasst sich in ihrer Arbeit insbesondere mit der Forschung zu Mittelalterlichen Geschichte und der Frage danach, wie digitale Objekte erstellt und weiterverwendet werden können und dabei einem möglichst breit zugänglichem Publikum zur Verfügung gestellt werden können. 2013 schloss sie Ihren Bachelor in Kunstgeschichte an der Universität Utrecht ab und studierte im Anschluss Altertums-, Mittelalter- und Renaissancestudien an der gleichen Universität im Master. 2022 erhielt sie ihren Doktor, welchen sie in Groningen, Niederlande und St. Andrews, Schottland abschloss mit dem Thema „The digital medieval manuscript: approaches to digital codicology“. Im Laufe ihrer akademischen Laufbahn studierte, recherchierte und arbeitete sie zudem in St. Andrews, Schottland, Philadelphia, USA und Cambridge, England. Inzwischen lehrt und forscht sie an der Fakultät für Geschichtswissenschaften zur Geschichte des späten Mittelalters an der Ruhr Universität Bochum.

Über die Autorinnen:

Naomi Jackson schloss den Bachelor Medienwissenschaft / Medieninformatik im Jahr 2025 an der Universität zu Köln ab und befindet sich nun im Doppelmaster Medieninformatik und Informationsverarbeitung an der gleichen Universität.

Karoline Tanck schloss 2025 den Bachelor Digital Media mit Soziale Medien und Informationssysteme im Nebenfach an der Leuphana ab und befindet sich nun im Master Medienwissenschaften /Medieninformatik an der Universität zu Köln.


(Wir bitten, den unten stehenden automatisch generierten Zitierhinweis von OpenEdition zu ignorieren und die Beitragsautorinnen bei Bezugnahme korrekt anzugeben.)


Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
dhstudi (2. Juni 2026). Die Bibliotheca Palatina – Vom Mythos der Wiedervereinigung. Digital Humanities Cologne. Abgerufen am 6. Juni 2026 von https://doi.org/10.58079/16bm0


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.